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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.12.2016

Julia Shaw: "Das trügerische Gedächtnis" Erinnern ist auch Erfinden

Von Volkart Wildermuth

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Zu sehen ist eine Skulptur des Künstlers Loris Marazzi. Zwei Hände halten ein Gehirn.  (picture-alliance / dpa / Didier Saulnier)
Weil das Gehirn flexibel denken kann und muss, ist es nicht in der Lage, die Vergangenheit wahrheitsgetreu zu behalten. (picture-alliance / dpa / Didier Saulnier)

Erinnerungen bestimmen unsere Identität. Aber haben sie auch wirklich stattgefunden? Die Rechtspsychologin Julia Shaw erklärt, warum das Gehirn beim Erinnern ständig Fehler macht. Sie ist überzeugt: Wir können uns auf unser Gedächtnis nicht verlassen.

Der Kern des Menschen sind seine Erinnerungen, machen seine Identität aus. Leider sind diese Erinnerungen trügerisch, sie sind nicht mehr als Fragmente, behauptet Julia Shaw. Die englische Psychologin, die sich selbst als Gedächtnis-Hackerin beschreibt, stellt damit nichts weniger als die "Fundamente unserer Identität" infrage. Dabei beruft sie sich auf ihre Forschung: An der South Bank Universität in London bringt Julia Shaw ihre Versuchspersonen dazu, sich detailliert an Ereignisse zu erinnern, die nie geschehen sind. An eine Auseinandersetzung mit der Polizei, an die Attacke eines Hundes oder den Verlust einer großen Geldsumme, und lernt so, wie das Gedächtnis funktioniert und vor allem, wie häufig es sich irrt.

Gespeichert wird nur die grobe Linie

Das fängt schon beim Abspeichern eines Erlebnisses an. Nur was wir aufmerksam wahrnehmen, wird im Gehirn tatsächlich verankert, so Shaw. Spült ein Ehemann einmal ab, dann ist das für ihn vielleicht etwas Besonders, er fühlt er sich fleißig, während seine Frau das vielleicht ganz anders erinnert. Wer sich erinnert, ruft eben nicht einfach einen archivierten Film ab. Das Gedächtnis speichert nur die grobe Linie, die vielen Details einer Szene werden jedes Mal neu plausibel dazu fantasiert. Dabei vermischt sich das Vergangene mit neuen Erfahrungen. Jedes Aufrufen verändert deshalb eine Erinnerung. Gerade weil das Gehirn flexibel denken kann und denken muss, ist es nicht in der Lage, die Vergangenheit wahrheitsgetreu zu behalten. Problematisch wird das, wenn es auf die Aussagen von Augenzeugen ankommt. Ein schlecht geführtes Verhör kann so eine Erinnerung leicht verfälschen.

Wie, das zeigt eine Studie, der die amerikanische Navy bei Elitesoldaten zustimmte. Dabei wurde ein feindliches Verhör simuliert, bei dem die Soldaten von einem langhaarigen Mann geschlagen und angebrüllt wurden. Danach kamen sie in einen Raum mit dem Fahndungsfoto eines Mannes mit Glatze, der beiläufig als der Verhörleiter bezeichnet wurde. Als die Soldaten ihren Peiniger später identifizieren sollten, zeigten mehr als achtzig Prozent auf den Glatzkopf und nicht auf den Langhaarigen. Solche Fehler sind vor Gericht recht häufig, sagt Julia Shaw, die selbst oft als Expertin zur Beurteilung von Zeugen eingesetzt wird. Eine falsche Aussage kann auch sie nicht mit Sicherheit erkennen. Schließlich wirkt die Erinnerung für die Zeugen selbst oft ganz plastisch und verlässlich. Aber mit ihrer Erfahrung kann die Rechtspsychologin prüfen, ob die Vernehmung durch die Polizei oder durch die Berichterstattung, eine Veränderung der Erinnerung begünstigt haben könnte.

Pladoyer für den Genuss der Gegenwart

Allein das zu lesen, ist spannend. Aber in ihrem Buch geht es um mehr: um Lernstrategien, Hypnose, digitale Amnesie, den Schlaf, um Denkverzerrungen und wie all das, auf das Gedächtnis einwirkt. All das ist gut erklärt und mit vielen Beispielen aus dem Alltag und aus spektakulären Prozessen versehen. Leider haben sich in Bezug auf biochemische Details, mehrere Fehler eingeschlichen. Das ist ärgerlich, tut aber dem Buch nicht wirklich weh. Denn Julia Shaws große Argumentationslinie stimmt. Am Ende lautete ihre wichtigste Erkenntnis: Weil Erinnerung immer eine Element der Erfindung enthält, sollte man die Gegenwart umso mehr genießen. Die ist immerhin 100 Prozent richtig.

Julia Shaw: Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht
Übersetzt von Christa Broermann
Hanser Verlag, München 2016
304 Seiten, 22 Euro

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