Juli Zeh: „Pony Show“ – Schwierige Wahrheitsfindung

Juli Zeh
Pony ShowLuchterhand Literaturverlag , München 2026512 Seiten
25,00 Euro
In „Pony Show“ führt Juli Zeh den Literaturbetrieb und die Justiz zusammen. Die Stärken des Romans liegen in der Schilderung der Eitelkeiten beider Milieus. Andererseits will dieses Gesellschaftsporträt zu viele große Themen unterbringen.
Mit Anfang 40 bekommt Mark Steinert den wichtigsten Auftrag seiner Karriere. Der Hamburger Anwalt soll Bethany Hell, genannt Betty, Chefin des renommierten Literaturverlages Lysander, verteidigen. Die über 50-Jährige steht in dringendem Verdacht, ihren jungen Verlagsmitarbeiter Fero Lebed umgebracht zu haben.
Allerdings fehlt die Leiche Feros. Die Anklage wurde erhoben, weil die Verlegerin mit einem Koffer voller Falschgeld und einer Pistole, an der das Blut des inzwischen als vermisst gemeldeten Mannes klebte, an der österreichischen Grenze aufgegriffen wurde.
Der Indizienprozess fördert weitere belastende Details zutage, die zu Spekulationen über die Beziehung Bettys zu dem mehr als 20 Jahre jüngeren, in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihr stehenden Mitarbeiter Fero führen. Der Fall schlägt als Loverboy-Prozess hohe Wellen.
Für die Medien ist das ein gefundenes Fressen. Sex und Macht – das funktioniert immer. Jetzt auch noch mit umgekehrten Vorzeichen. Der unschuldige junge Mann und die missbräuchliche alte Frau. Das wird abgehen wie Schmidts Katze.
Nur scheinbar ein Gerichtsthriller
Nach den Gesellschaftsromanen „Unter Leuten“, „Über Menschen“ und „Zwischen Welten“, letzteren mit Simon Urban als Co-Autor, hat Juli Zeh nun einen klassischen Gerichtsthriller verfasst. So sieht es zumindest aus, und so kann man das Buch auch lesen.
Allerdings wird man dann bald feststellen, dass die Genrekonventionen nicht besonders originell bedient werden – zu wenig Twists, zu flach ansteigende Spannungsbögen und eine etwas konstruiert wirkende und unter kriminalistischem Aspekt letztlich auch unbefriedigende Auflösung, die hier natürlich nicht verraten werden kann.
Das juristische Setting ist vielmehr eine Versuchsanordnung, in der Juli Zeh modellhaft gesellschaftliche Prozesse der Meinungsbildung, der öffentlichen Inszenierung, der medialen Manipulation und der Konstruktion von Wahrheiten durchexerziert. Die Wirklichkeit, sagt der Strafverteidiger und Erzähler des Romans Mark Steinert etwas binsenweise, die Wirklichkeit hänge von der Perspektive des Betrachters ab.
„Vor Gericht kann man das Phänomen live verfolgen, wenn Zeugen ein Geschehen so unterschiedlich beschreiben, als trieben sie ein Verwirrspiel (…) Die menschliche Wahrnehmung ist viel unzuverlässiger, als wir denken. (...) Betty ist keine Juristin, aber sie hat (…) aus der Beschäftigung mit Literatur eine ähnliche Erkenntnis gezogen. Auch in der Literatur geht es um Perspektiven. Wer erzählt die Geschichte, durch welche Augen sehen wir die Welt, wessen Gedanken und Gefühle färben das Geschehen?“
Die Klammer zwischen Literaturbetrieb und Justiz
In ihrem neuen Roman verbindet Juli Zeh zwei Sphären, die sie als Schriftstellerin, studierte Juristin und ehrenamtliche Verfassungsrichterin in Brandenburg sehr gut kennt: den Literaturbetrieb und die Justiz. In den Schilderungen der Mechanismen und Eitelkeiten dieser beiden Milieus liegen die Stärken des Romans.
Die Hintergründe sind gut ausgeleuchtet. Der Habitus des Romanpersonals in den jeweiligen Situationen ist stimmig. Auch die Hoffnungen und Verzweiflungen einer einflussreichen Frau in den Fünfzigern, die dem jungen Mann, den sie begehrt, viel zu rasch zu viele Türen öffnet und Befugnisse einräumt – und sich damit bei ihren Mitarbeiterinnen unbeliebt und angreifbar macht –, sind gut geschildert.
Dabei wird die aufgewühlte Verlegerin Betty von Fero, dem Objekt ihres Begehrens, immer wieder auf Distanz gehalten und offenbar auch geghosted.
„Immer wieder holt sie reflexhaft das Smartphone aus der Tasche und muss sich zwingen, es wieder wegzustecken. Wenn das Gerät piepst, hofft sie, die Nachricht wäre von ihm. Und das Gerät piepst oft, weil Betty eine Menge Text- und Sprachnachrichten bekommt (...) Eigentlich stört sie das nicht besonders, es ist eben Teil ihrer Arbeit. Aber jetzt ist jede neue Nachricht keine Nachricht von Fero. Sie fühlt sich immer schlechter, allein gelassen und verwirrt.“
Kein gemeinsames Narrativ
Die Handlung des Romans „Pony Show“ wirkt wie eine Mischung aus dem Erotikthriller „Babygirl“ und dem Justizdrama „Anatomie eines Falls“, was wohl auch Juli Zeh aufgefallen ist, weshalb beide Filme mehrmals im Buch erwähnt werden. Und genau da liegt das Problem des Romans. Er will zu viel.
Anstatt sich auf eine Sache zu konzentrieren, soll ein großes Gesellschaftsporträt entworfen werden, in dem es um Geschlechterbilder, toxische Beziehungen, mediale und persönliche Meinungsbildung, Machtmissbrauch, Recht und Gerechtigkeit und letztlich um die Konstruktion von Wirklichkeit geht.
Es gibt kein gemeinsames Narrativ. Jede Figur besitzt ihre eigene Wahrheit und zweifelt die der anderen an. Der amerikanische Autor Jim Harrison brauchte für einen solchen Befund keine 500 Seiten, sondern nur einen einzigen Satz: „Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Geschichten.“










