Dienstag, 18.09.2018
 

Buchkritik | Beitrag vom 15.09.2018

Juli Zeh: "Neujahr"Panikattacken auf Lanzarote

Von Wolfgang Schneider

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Buchcover Juli Zeh, "Neujahr" (Imago/Michael Runkel/Luchterhand Literaturverlag/Deutschlandradio)
Juli Zeh, "Neujahr" (Imago/Michael Runkel/Luchterhand Literaturverlag/Deutschlandradio)

In ihrem neuen Roman "Neujahr" schickt Juli Zeh einen an seinem Leben zweifelnden Familienvater auf eine Radtour durch die Berge von Lanzarote. Die anfangs schwächelnde Story nimmt zunehmend Fahrt auf und wird zum beklemmenden Familienthriller.

Auf dem Leihfahrrad fährt Henning seiner Familie am Neujahrsmorgen davon. Urlaub auf Lanzarote mit zwei kleinen Kindern ist anstrengend, zumal wenn man ein moderner, zeitgemäßer Mann ist, der als Sachbuchlektor etwas weniger verdient als die Ehefrau und deshalb etwas mehr von der Hausarbeit und Kinderbetreuung übernimmt ("…was Theresa, wie sie ihn spüren lässt, auch erwartet").

Wie in jeder guten, zeitgemäßen Akademiker-Familie sind die Kinder ein Projekt, das unermüdlichen Einsatz verlangt. Und so verhalten sich Bibbi und Jonas auch: "Was machen wir jetzt?" fragen sie den lieben langen Urlaubstag und stöhnen über Langeweile.

In ihm tobt die Todesangst

Seit einiger Zeit leidet Henning unter schweren Panikattacken. Sein Herz rast und stolpert. In der Silvesternacht auf Lanzarote hat es ihn wieder erwischt. Und während in ihm die Todesangst tobte, hat ihn Theresa, deren Mitgefühl an eine Grenze gekommen ist, angeherrscht: "Ich habe die Schnauze voll von diesem Theater."

Henning fühlt sich irgendwie entmannt, und in seiner Verwirrung denkt er nicht daran, Wasser auf die anstrengende Radtour mitzunehmen. Am Vulkanberg schmerzt seine Kehle vor Trockenheit, seine Beinmuskeln krampfen.

Auch der Roman hat Muskelprobleme

Bis knapp zur Mitte hat auch der Roman Muskelprobleme: Er entwickelt keinen richtigen Griff. Die für ihr politisch-soziales Engagement bekannte Autorin Juli Zeh scheint wieder einer Debatte der letzten Jahre hinterher zu schreiben: Krise des Mannes, dem die Anforderungen von Beruf, Familie und korrektem Geschlechterbild zu viel werden und der jenen Symptomkomplex entwickelt, der längst medialer Dauerbrenner ist: Burnout. Dass die Panikattacken ominös "ES" genannt werden, ist ein eher ungeschickter Versuch, so zu tun, als wüssten wir noch nicht so genau, wovon (wieder einmal) die Rede ist.

Juli Zeh, deutsche Juristin und Schriftstellerin. (imago stock&people)Juli Zeh (imago stock&people)
"ES" ist aber zugleich eine psychoanalytische Spur, die in die zweite und sehr viel bessere Hälfte des Romans weist. Denn Hennings Fahrradtour führt auch ins "Unbewusste". Der dehydrierte Held gerät in einen Geisteszustand, in dem die Realität ihre Konturen verliert. Oben im Bergdorf Femés kommt ihm alles merkwürdig vertraut vor, und diese Déjà-vus verstärken sich, als er kollabiert und danach von einer Frau mit in ihr Haus genommen und wieder aufgepäppelt wird. Er meint, diese Finca mit der unheimlichen, abgrundtiefen Zisterne im Garten zu kennen. Plötzlich öffnet sich der Schacht in die frühe Kindheit.

Der zweite Teil: ein Familienthriller

Die zweite Teil des Romans versetzt sich ins Bewusstsein des vierjährigen Henning und erzählt von einem Horror-Urlaub. Es entwickelt sich ein beklemmender Familienthriller in kindlicher Sprache, den man – zumal wenn man selbst Kinder hat – mit angehaltenem Atem liest. Er handelt von einem finalen Ehestreit und zwei kleinen, verlassenen Geschwistern, die in Angst und Chaos versinken und schließlich in die Nähe des Todes geraten. Diese geradezu perfide inszenierte Schreckensphantasie wirkt wie die Rückseite der Überbesorgtheit heutiger Helikopter-Eltern.

Für Henning ist es eine geradezu schulmäßig inszenierte Wiederkehr des Verdrängten. Ist er aber wirklich an den dunklen Quell seiner Panik geraten, die damit eine ganz andere Ursache bekäme als in der ersten Hälfte des Romans? Nicht nur der Hauptfigur, auch den Lesern wird hier der Boden unter den Füßen weggezogen. Das Gedächtnis kann Schein-Erinnerungen konstruieren. Hat Henning die verstörende Geschichte nur phantasiert?

Effektbewusste Erzählung

Zwischen Einbildung, Traum und Wirklichkeit gerät ein paar Seiten lang alles ins Taumeln – nie war Juli Zeh verstörender. Leider landet der Roman am Ende wieder auf dem festen Boden der Realität und der landläufigen Trauma-Psychologie. Immerhin zeigt Juli Zeh nach der schwachen Dystopie "Leere Herzen" nun aber wieder ihr Können als spannende und effektbewusste Erzählerin.

Juli Zeh: "Neujahr"
Luchterhand Literaturverlag, München 2018
192 Seiten, 20 Euro

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