Schweizer Integrationsklasse

Jugendliche mit schwerem Gepäck

30:59 Minuten
Filmszene aus "Neuland" über die Integrationsklasse von Lehrer Christian Zingg in Basel. Zu sehen sind Hamid und Ehsa im Klassenraum
Sie sind weit gereist – per Flugzeug, Zug, Bus oder Boot. Jetzt finden sie sich in der Integrationsklasse von Lehrer Christian Zingg in Basel wieder, wo Jugendliche aus aller Welt innerhalb von zwei Jahren Sprache und Kultur unseres Landes kennenlernen. © FAMA FILM AG
28.11.2021
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Vor mehr als zehn Jahren hat Anna Thommen einen Film über eine Schweizer Integrationsklasse und ihren unermüdlichen Lehrer gedreht. Sie erzählt, was aus ihren Protagonisten und Protagonistinnen geworden ist - und wie die Dreharbeiten sie selbst verändert haben.
Ein Schulhof in Basel im Sommer 2010: Lehrer Christian Zingg liest die Namen der Klasse 1b vor: Ehsanullah Habibi, Ismail Aliji, Nazlije Aliji. Hinter ihm bildet sich langsam eine Gruppe Jugendlicher, die Arme verschränkt, die Gesichter skeptisch. Herr Zingg spricht langsam und überdeutlich: “Wenn Sie nicht verstehen, machen Sie so.” Er schüttelt den Kopf: “Sie sind hier, weil Sie nicht verstehen.”
Christian Zingg steht vor einer Tafel und schreibt "Der Lebenslauf" mit Kreide.
Der Lehrer Christian Zingg wird nicht müde, seine Schülerinnen und Schüler zu bestärken.© FAMA FILM AG
Es ist der erste Schultag des neuen Jahrgangs der Integrations- und Berufswahlklasse (IBK), einem Integrationsprogramm für fremdsprachige Jugendliche, die erst seit kurzem in der Schweiz leben. Zwei Jahre lang hat die Schweizer Filmemacherin Anna Thommen Lehrer Zingg und seine Klasse mit der Kamera begleitet. Entstanden ist der Dokumentarfilm “Neuland”, eine einfühlsame Erkundung über das Ankommen in einem fremden Land.
Die Schüler und Schülerinnen bringen schweres Gepäck mit in den Unterricht. Da ist der 19-jährige Ehsanullah aus Afghanistan, der mit 16 Jahren alleine auf dem Landweg die Reise nach Europa angetreten ist: Ein Jahr lang war er in Autos, zu Fuß und mit dem Schlauchboot unterwegs, bis er Basel erreicht hat. Nun lebt er in einem Asylbewerberheim, bemüht sich um einen Aufenthaltstitel und kann sich kaum auf die Hausaufgaben konzentrieren.
Oder die Albanerin Nazlije, die nach dem Tod ihrer Mutter ihre Heimat in Serbien verlassen musste, um zu ihrem Vater und seiner neuen Frau in die Schweiz zu ziehen.
Porträt der Albanerin Nazlije, die nach dem Tod ihrer Mutter ihre Heimat in Serbien verlassen musste, um zu ihrem Vater und seiner neuen Frau in die Schweiz zu ziehen.
Die Albanerin Nazlije, die nach dem Tod ihrer Mutter ihre Heimat in Serbien verlassen musste, um zu ihrem Vater und seiner neuen Frau in die Schweiz zu ziehen.© FAMA FILM AG
Lehrer Zingg tut sein Bestes, seiner Klasse Sprache und Kultur in der Schweiz nahe zu bringen – und sie zu motivieren, ihren Weg in der neuen Heimat zu finden. Doch immer wieder stehen die Jugendlichen vor Problemen, die größer sind als sie selbst: Ehsanullah muss Geld auftreiben und die Schulden begleichen, die seine Flucht gekostet hat: 6000 Dollar in sechs Monaten. Nazlije, einst Musterschülerin in Serbien, muss sich schmerzhaft von ihrem Berufswunsch verabschieden, als klar wird, dass sie für eine Grundschullehrerin in der Schweiz nicht das nötige Schulwissen mitbringt. 
Anna Thommen
Die Regisseurin Anna Thommen hat den Lehrer und seine Schülerinnen und Schüler für die Doku "Neuland" zwei Jahre begleitet.© Cornelia Biotti
Bei Plus Eins erzählt Regisseurin Anna Thommen im Gespräch mit Moderator Utz Dräger von den Schwierigkeiten und Hindernissen, die die jugendlichen Neuankömmlinge in der Schweiz überwinden müssen – auf dem Weg in eine hoffentlich bessere Zukunft. Und sie erzählt von einem Lehrer, der nicht müde wird, seine Schülerinnen und Schüler in ihrem Glauben an sich selbst zu bestärken.
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