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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.02.2015

Jugendhilfe"Die Jugendlichen müssten feste Ansprechpartner haben"

Thomas Meysen im Gespräch mit Korbinian Frenzel

Ein Mädchen sitzt am 12.02.2014 in der Kinder- und Jugendpsychatrie der Asklepios-Klinik in Hamburg bei einem Beratungsgespräch.  (picture alliance / dpa / Axel Heimken)
Jugendliche in kritischen Lebenssituationen brauchen feste Vertrauenspersonen (picture alliance / dpa / Axel Heimken)

Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien und Heimen brauchen unabhängige Vertrauenspersonen, die mit ihnen Kontakt halten und die sich für sie einsetzen, fordert Thomas Meysen vom Deutschen Institut für Jugendhilfe und Familienrecht.

Thomas Meysen, Direktor des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht e.V., hat davor gewarnt, sich bei der Diskussion um Jugendhilfemaßnahmen allein auf die Rolle der privaten Träger  zu fokussieren. Der Ruf nach mehr Kontrolle der privaten Träger lenke ab, sagte Meysen im Deutschlandradio Kultur. Notwendig sei eine andere Herangehensweise, nämlich die Einrichtung von Beschwerdestellen:

"Was wir brauchen, sind unabhängige Personen, Vertrauenspersonen, die mit den Jugendlichen, die in Heimen untergebracht sind, die in Pflegefamilien untergebracht sind, regelmäßig Kontakt halten. Die Jugendlichen müssten feste Ansprechpartner haben, die sich für sie einsetzen und so eine Veränderung der Lebensumstände bewirken könnten."

Die Arbeit der Jugendämter in Deutschland böte sehr unterschiedliche Bilder und müsse daher  differenziert beurteilt werden, äußerte Meysen. So gebe es beispielsweise in Berlin erheblichen Nachholbedarf im Bereich des Personals der sozialen Dienste:

"Da wurde sehr stark gekürzt zu Zeiten von Herrn Sarrazin. Und das wurde bis heute nicht mehr angemessen nachgebessert. Und da wurde nicht mehr genügend Personal wieder eingestellt. Da habe wir einen sehr starken Engpass."

Gute Fortschritte bei Pflegefamilien

Meysen verwies auf gute Fortschritte auf dem Gebiet der Pflegefamiliensituation und der Verhinderung sogenannter "Heimkarrieren". Mit dem 2008 eingerichteten "Nationalen Zentrum Frühe Hilfen" sei eine bundesweite Zusammenarbeit quer durch alle Sozialleistungsbereiche möglich geworden. Jetzt müsse man sich verstärkt dem Verhältnis zwischen Jugendhilfe und Schulen zuwenden:

"Die Schulen kommen nur sehr langsam in Bewegung, sich dem Thema zuzuwenden. Aber sie kommen in Bewegung."


 

 Das Interview im Wortlaut: 

Korbinian Frenzel: Anna Osius, Teil einer Dokumentation, die am Abend in der ARD zu sehen war: „Mit Kindern Kasse machen", so lautet der Titel. Sie finden es in der ARD-Mediathek auch noch heute und auch noch in den nächsten Tagen. Wir haben Fragen an das Thema, und wir kriegen darauf hoffentlich Antworten von Thomas Meysen, er ist Direktor des Deutschen Instituts für Jugendhilfe. Einen schönen guten Morgen!

Thomas Meysen: Schönen guten Morgen!

Frenzel: Jeden Tag werden im Schnitt 100 Kinder aus den Familien herausgenommen. Diese Zahl hat um 64 Prozent zugenommen in den letzten Jahren, das konnten wir gerade hören in dem Beitrag. Zeigen diese Zahlen, dass der Staat jetzt endlich hinschaut, oder zeigen sie, dass er überreagiert möglicherweise?

Meysen: Die Zahlen zeigen wahrscheinlich vieles. Einmal zeigen sie, dass wir in den letzten Jahren viel dazugelernt haben, dass wir viel aufmerksamer geworden sind in der Gesellschaft. Und dass wir viel mehr Zugang bekommen zu Kindern, die in Not sind. Wir sehen mehr, wir sehen mehr Kinder, die in Not sind und können helfen.

Und das andere, was er zeigt, ist, das: In der Statistik sind die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge drin, die enorm angestiegen sind. Die werden hier in Deutschland, wenn sie ankommen, in Obhut genommen. Da ist der größte Anstieg. Und er zeigt ganz viele Jugendliche, die von zu Hause weglaufen, die sagen, ich möchte hier nicht mehr leben und sich melden beim Jugendamt, bei einer Inobhutnahmestelle und sagen: Ich möchte in Obhut genommen werden, ich möchte nicht mehr zu Hause leben. Das ist die höchste Zahl in dieser Gruppe.

Frenzel: Herr Meysen, wenn wir also davon ausgehen, dass ein Großteil dieser Inobhutnahmen notwendig ist – hat denn der Staat dann, haben die Jugendämter die Kapazität, damit verantwortungsvoll umzugehen, mit dieser Verantwortung, die sie für die Kinder übernehmen?

Meysen: Wir haben da ein sehr unterschiedliches Bild in Deutschland. In dem Film, den wir gestern sehen konnten, in der Dokumentation wurde sehr viel Berlin angesprochen, und in Berlin gibt es tatsächlich erheblichen Nachholbedarf, was das Personal in den sozialen Diensten angeht.

Da wurde sehr stark gekürzt zu Zeiten von Herrn Sarrazin, und das wurde bis heute nicht mehr wieder angemessen nachgebessert und da wurde nicht genug Personal wieder eingestellt, und da haben wir einen sehr starken Engpass. Wenn Berlin kritisiert wird an diesem Punkt, ist das sicherlich berechtigt. Aber da sollten wir sehr differenziert hinschauen. Da gibt es ganz unterschiedliche Situationen in Deutschland in den Jugendämtern.

Frenzel: Wir haben diesen konkreten Fall gehört der Anita, 15 Jahre alt, die nach Polen geschickt wurde. Nun glaube ich, dass es in Polen viele verantwortungsvolle und gute Eltern gibt, die diese Aufgabe übernehmen, aber dass ein deutsches Kind, das überhaupt keine Verbindung zu der Sprache, zu dem Land hat, nach Polen geschickt wird, ist das nicht allein schon ein Skandal?

Meysen: Dieser einzelne Fall wirft bei mir sehr viele Fragen auf. Wie kann es kommen, dass das Kind nach Polen kommt? Wer hat darüber entschieden, wer hat das im Blick? Wer hat im Blick, wie es dem Mädchen dort geht? Da sind ganz viele Fragen, bei denen ich keine Antworten unmittelbar habe, wie das passieren kann. Und hier deutet vieles darauf hin, dass das, was üblich ist, was Standard ist, in diesem einzelnen Fall nicht funktioniert hat.

Frenzel: Sie haben keine Antworten darauf, viele haben keine Antworten darauf, was darauf schließen lässt: Das, was da private Träger machen, wird einfach nicht ausreichend kontrolliert. Würden Sie diese Aussage unterschreiben?

Meysen: Ja, der Film hat sehr auf die privaten Träger und die Kontrolle der privaten Träger fokussiert. Ich glaube, dass der Ruf nach mehr Kontrolle etwas ist, was ein bisschen ablenkt. Ich würde da anders herangehen. Ich glaube, was wir brauchen, sind Beschwerdestellen, und was wir brauchen, sind unabhängige Personen, Vertrauenspersonen, die mit den Jugendlichen, die in Heimen untergebracht sind, die in Pflegefamilien untergebracht sind, regelmäßig Kontakt halten. Die brauchen Anlaufstellen, die brauchen Vertrauenspersonen, wenn es ihnen dort, wo sie leben, nicht gut geht, dass sie sich mitteilen können und dass sie auch jemanden haben, der sich dann für sie einsetzt, um die Zustände zu verändern.

Frenzel: Herr Meysen, wo muss man denn eigentlich ansetzen? Wir sprechen ja jetzt über eine Situation, wo das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, wenn ich dieses Bild jetzt gerade mal verwenden darf. Wie kann man diese langen Heimkarrieren oder auch Pflegefamiliensituationen überhaupt erst verhindern? Was muss da passieren? Passiert da genug?

Meysen: Das ist der Bereich, in dem wir am meisten Fortschritte gemacht haben in den letzten Jahren. Wir haben seit 2008 mit dem Nationalen Zentrum Frühe Hilfen eine bundesweite Entwicklung, die quer durch alle Sozialleistungsbereiche beispielgebend ist, gehabt, in der wir eine Zusammenarbeit zwischen Gesundheitshilfe und Jugendhilfe, aber auch ganz anderen aktuellen Schwangerschaftsberatungen und, und, und, aufgebaut haben, und indem alle Akteure gemeinsam hinschauen und gemeinsam koordiniert versuchen, Hilfen zu gewähren. Das sind Riesenfortschritte gemacht worden in den letzten Jahren.

Jetzt sind meines Erachtens die Schulen dran, das wäre ein wichtiges Thema, dass wir die Verhältnisse zwischen Jugendhilfe und Schule angucken. Schulen kommen nur sehr langsam in Bewegung, sich des Themas anzunehmen, aber sie kommen in Bewegung. Und ich glaube, wir sind da in den letzten Jahren große Schritte gegangen, was den Bereich des Verhinderns angeht.

Aber, das haben Sie vorhin auch angesprochen, wenn etwas passiert, Kindern etwas passiert und der Eindruck entsteht, hier sei zu wenig geholfen worden, zu wenig geschützt worden, dass dann auch eine öffentliche Betroffenheit sofort im Raum ist, dass das in den Medien zum Thema wird, Jugendämter in der Kritik stehen. Und das macht natürlich auch Angst und das Bedürfnis nach Sich-Absichern erzeugt das. Und danach: gerade bei kleinen Kindern – zur Sicherheit lieber das Kind erst mal rausnehmen.

Frenzel: Thomas Meysen, Direktor des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht. Vielen Dank für das Gespräch!

Meysen: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Mehr zum Thema:

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