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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.05.2013

Jugendgewalt - die Hemmschwelle sinkt

Ethik-Professor: Gesellschaft bietet Jugendlichen keinen Sinn mehr

Markus Tiedemann im Gespräch mit Elke Durak

Gedenkschild für Jonny K. vor der Rathaus-Passage am Alexanderplatz, Berlin (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
Gedenkschild für Jonny K. vor der Rathaus-Passage am Alexanderplatz, Berlin (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Die Hemmschwelle bei Jugendlichen, mit Gewalt gegen andere vorzugehen, ist gesunken, meint Markus Tiedemann. Das habe nicht nur einen Grund. Die Gesellschaft verliere an Sinn, davon seien Jugendliche besonders betroffen. Auf die Eltern könne man dabei nicht mehr bauen, glaubt der Philosophie-Professor an der FU Berlin.

Der Prozessauftakt um die Tötung von Jonny K. wirft einmal mehr die Frage auf, warum Jugendliche scheinbar immer gewaltbereiter werden. Der Ethik-Professor Markus Tiedemann meint, dafür gebe es viele Gründe. Zum einen sei das die Zunahme von medienvermittelter Wirklichkeit: "Wir sind weniger empathiefähig, weil wir auch weniger direkte, also Primärerfahrungen machen." Außerdem geben Religion, Politik oder Philosophie nicht mehr den früheren Halt.

Beides treffe besonders auf junge Leute zu. "Die Sinnkrise im politisch-philosophisch-religiösen Feld, das ist ja spezifisch für die Phase der Jugend, einer Neu-Orientierung. Wenn dann gleichzeitig die Gesellschaft ihr kaum noch etwas zu bieten hat, dann trifft es die Jugend umso härter."

Die Eltern als Freunde der Kinder

Zurück in alte Zeiten der Dogmen oder der religiösen Unterweisung will der Ethik-Professor dennoch nicht. "Das wäre eher kontraproduktiv." Ein guter Ansatz sei zum Beispiel der Ethik- oder Philosophieunterricht an Schulen. Dort gehe es um Fragen des gelungenen Lebens. "Und auch, wie eine Wahrnehmung der persönlichen Würde unabhängig von wilden Aktionen, sondern schlichtweg durch Haltung gewonnen werden kann."

Von den Eltern erwartet Tiedemann nicht, dass sie sich um den Lebenssinn ihrer Kinder kümmern. Darauf könne man sich schon seit anderthalb Generationen nicht mehr verlassen, "weil das Modell der klassischen Familie leider ja auf dem Rückschritt ist. Wir haben es schlichtweg zunehmend mit einer Generation zu tun, die sich bestenfalls noch als Freunde ihrer Kinder versteht".

Zudem werde diskriminiert, wer sich dafür entscheide, für Kinder zu Hause zu bleiben. Das habe die Debatte um die sogenannte Herdprämie gezeigt. "Aber dass sich ein Elternteil - ob Vater oder Mutter - ganz primär dafür Zeit nimmt, Kinder zu pflegen, zu hegen, zu erziehen, zu begleiten, ist ein hoher, hoher Wert. Und den haben wir völlig der Ökonomisierung geopfert", so Tiedemann.

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