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Weltzeit | Beitrag vom 13.12.2018

Jugend in Bosnien-HerzegowinaDer Traum vom Frieden

Von Sabine Adler

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Gruppenbild: junge Leute aus der bosnischen Stadt Jajce (Sabine Adler / Deutschlandradio)
Wehren sich gegen die ethnische Teilung: die Schüler des Gymnasiums und der Berufsschule in Jajce. (Sabine Adler / Deutschlandradio)

War der Krieg vor fast 25 Jahren nicht genug? In Bosnien-Herzegowina breiten sich neue ethnische Spannungen aus. Bereits Kinder werden in der Grundschule nach Ethnien separiert unterrichtet. Doch eine Schule in Zentralbosnien begehrt dagegen auf.

Alles in Bosnien-Herzegowina ist geteilt. Schon die Kleinsten im Kindergarten werden separiert, Erstklässler getrennt eingeschult. Anfang der 1990er-Jahre bekämpften sich Bosnier, Kroaten und Serben in einem drei Jahre langen Bürgerkrieg, 25 Jahre später wachsen die Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen schon wieder. Die Narben sind nur oberflächig verheilt, von Zusammenleben kann keine Rede sein. Landauf, landab spalten Politiker und Behörden die Gesellschaft immer mehr.

In der Bildungspolitik lautet das Motto: zwei Schulen unter einem Dach. Edin Cemer, ein 28-jähriger Referendar, angehender Englischlehrer ist angewidert von dem Konzept und erklärt, wie es sich in seinem Ort, Gorny Vakuf, auswirkt.

"Wir haben an der Schule im Erdgeschoss die bosnischen Kinder und in der ersten Etage die kroatischen. Sie sind auf brutalste Weise getrennt. Sie dürfen nicht einmal den gleichen Eingang benutzen. Die einen gehen auf der einen, die anderen auf der anderen Seite in die Schule. So wird sichergestellt, dass sich die Schüler auf keinen Fall begegnen."

Historische Königsstadt Jajce geht einen neuen Weg

In der Stadt Jajce in Zentralbosnien ist das anders, deswegen ist Jajce, das keine 30.000 Einwohner hat, derzeit in aller Munde. Der Ort liegt in einer gebirgigen Landschaft mit hohen Wäldern am Zusammenfluss von  Plivo und Vrbas.

Wasserfall umringt von Häusern und Natur (Sabine Adler / Deutschlandradio)Das Wahrzeichen von Jajce: der 28 Meter tiefe Wasserfall (Sabine Adler / Deutschlandradio)

Die fast 30 Meter tiefen Wasserfälle von Jajce kennt wohl jeder Bürger in dem kleinen Westbalkanland. Schüler besuchen schon seit Jahrzehnten die historische Königsstadt Jajce, der Ausflug ist seit Ewigkeiten Bestandteil des Lehrplans. Aber jetzt unternehmen muslimische Bosnier, katholische Kroaten und orthodoxe Serben die Reisen nicht mehr gemeinsam, denn die allermeisten Klassen sind ethnisch getrennt.

Im Podcast der Weltzeit hören Sie außerdem, was hinter der Separation der Ethnien in Bosnien und Herzegowina steckt.

Diese Teilung, die immer weiter voranschreitet, lassen sich Schüler in Jajce  nicht länger gefallen. Sowohl im Gymnasium "Nikola Sop" als auch in der Berufsschule haben sie Protestaktionen organisiert. Zum Interview sind Aktivisten von beiden Schulen gekommen sowie mehrere Lehrer. Alle nehmen auf den Schulbänken Platz und wollen von ihrem Widerstand erzählen. Die 15-jährige Lamija Leko beginnt. Sie wirft ihr langes glattes Haar über die Schulter und rückt die große schwarze Brille zurecht.

"Ich finde, wir sollten den Krieg hinter uns lassen und nach vorn sehen. Wenn wir zusammen bleiben, können wir Dinge zum Positiven verändern, wenn man uns trennt, gibt es keine Hoffnung. Für unsere Generation ist es nicht wichtig, wer welche Nationalität hat und welchen Glauben, sondern dass wir eine gute Zeit zusammen haben."

Kampf gegen die ethnische Teilung in Schulen

Die Gymnasiastin gehört zur zweiten Generation der Schülerproteste, die 17-jährige Azra Keljalic dagegen war schon am Anfang, vor zwei Jahren, dabei, bezeichnet sich als Anführerin.

"Wir legten Ende des Schuljahres 2016 los, als unsere Lehrer ankündigten, dass ab dem nächsten Schuljahr alle getrennt werden würden nach Nationalitäten. Wir waren schockiert und schrieben einen Brief an das Bildungsministerium. Wir schickten noch etliche Briefe hinterher, aber bis heute hat uns das Ministerium nicht ein einziges Mal geantwortet, sie ignorieren uns einfach."

Porträt einer jungen Frau (Sabine Adler / Deutschlandradio)Die Anführerin der Proteste in Jajce, Azra Keljalic (Sabine Adler / Deutschlandradio)

Deswegen veranstalteten die Jugendlichen Protestmärsche, zogen bis vor das Bildungsministerium – und hatten Erfolg. Die Ministerin ließ den Plan von den zwei Schulen unter einem Dach für Jajce schließlich fallen. Die neuen geplanten bosnischen Schulen mit dem bosnischen Curriculum wurden nicht eröffnet. Die Schüler blieben zusammen, der Unterricht erfolgt weiter nur nach dem kroatischen Lehrplan.

Ein erster Sieg, doch die Schüler kämpfen weiter, bis heute. Denn in vier Fächern – Muttersprache, Geschichte, Geografie und Kunst –  werden sie getrennt unterrichtet, in bosnischen und kroatischen Klassen. Was die Jugendlichen empört. Es dürften nicht ständig die Unterschiede zwischen den Ethnien betont werden, denn sie verbinde doch viel mehr als sie trennt, sagt Azra.

Nicht alle Erwachsenen unterstützten den Protest

Dass ihre Kinder den Aufstand gegen die Obrigkeit probten, gefiel vielen Eltern anfangs nicht. Miranda Bogic allerdings stand sofort hinter den Schülern, die vierfache Mutter hält die Trennung nach Ethnien in den Schulen von Bosnien-Herzegowina ebenfalls für grundfalsch.

"Mich hat es sehr gestört, dass unsere Kinder, die in die kroatische Schule gehen, keinerlei Kontakt mit bosnischen Kindern haben. Ich machte mir Sorgen, dass meine Kinder absolut nichts über die anderen erfahren und neben ihnen leben wie Fremde."

Nach den Eltern unterstützten auch immer mehr Lehrer den Protest ihrer Schüler. Mirko Ljubez, der Geschichtslehrer an der Berufsschule von Jajce, gibt vor den Schüleraktivisten im Klassenraum unumwunden zu, dass er zunächst gezögert hat.

"Am Anfang war ich skeptisch, ich hielt das für eine Jugendrebellion und damit wollte ich nichts zu tun haben. Schließlich verdiene ich hier als Lehrer meinen Lebensunterhalt. Aber als der Protest ins zweite Jahr ging, entschied ich mich zu helfen, mit taktischen und inhaltlichen Ratschlägen. Auch andere Kollegen schlossen sich an."

Geschichte – eines der heikelsten Schulfächer

Der 50-Jährige lehrt Geschichte, eines der heikelsten Fächer. Spricht man bei dem Massaker von Srebrenica, bei dem 8000 muslimische Jungen und Männer getötet wurden, von Genozid oder Massenverbrechen? Seine Schüler bestätigen, dass er in den bosnischen Klassen das Gleiche unterrichtet wie in den kroatischen.

"Geschichte ist Geschichte, etwas, was in der Vergangenheit geschehen ist. Von den wichtigen Ereignissen haben wir Fakten. Darüber rede ich zu den Schülern, ohne Interpretationen, die für irgendwen gut sind. Die Kinder erkennen das an. Ich bin Mitglied der Internationalen Assoziation der Geschichtslehrer, an deren Regeln halte ich mich. Wenn man über Fakten spricht, sind die Dinge ziemlich klar."

Gruppenbild junger Menschen vor einem Gebäude (Sabine Adler / Deutschlandradio)Vor der Berufsschule von Jajce, unter deren Dach noch eine zweite, bosnische Schule entstehen sollte (Sabine Adler / Deutschlandradio)

Die Trennung der Schüler, auch wenn sie nur in vier Fächern erfolgt, soll ein Ende haben, fordert Azra, die Anführerin der Proteste, die viel zurückhaltender wirkt als sie ist.

"Jetzt kämpfen wir um ein einheitliches Curriculum. Ein Lehrplan für Serben, Kroaten und Bosnier. Vorher machten wir unter Eltern, Lehrern und Schülern eine Umfrage. Es gab drei Optionen: lernen nach kroatischem Curriculum, eine zusätzliche Schule für ein bosnisches Curriculum oder einen einheitlichen Lehrplan für alle. Alle Schüler waren für das einheitliche Curriculum, die meisten Lehrer und alle Eltern."

Gemischte Gefühle für die OSZE-Auszeichnung

Für so viel Hartnäckigkeit zeichnete die OSZE die jungen Aktivisten im November mit dem Max-van-der-Stoel-Preis aus, der mit 50.000 Euro dotiert ist. Azra Keljalic gehörte zur Delegation, die in Den Haag die Ehrung entgegen nahm, zusammen mit ihrer Literaturlehrerin Amela Kavazbasic.

"Ich stand da mit gemischten Gefühlen, denn wir haben zwar gegen die Trennung der Ethnien in den Schulen gekämpft, aber es ist ein Kampf zur Aufrechterhaltung des Status quo. Man trennt uns zumindest vorerst nicht. Aber das Schulsystem diskriminiert die Schüler weiter. Unsere Schule arbeitet nach dem kroatischen Curriculum und nennt sich auch kroatische Schule. Wer nicht kroatisch ist, sondern bosnisch oder vielleicht serbisch oder eine ganz andere Nationalität hat, wird diskriminiert. Wenn ich mich nicht nur einer Nationalität zugehörig fühle, muss ich mich entscheiden und in eine kroatische, bosnische oder serbische Schule gehen."

Gegen die nationalistische Vereinnahmung aller Ämter haben nicht nur die Schüler von Jajce, sondern auch Jakob Finci und Dervo Sejdic protestiert. Der eine ist der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Bosnien-Herzegowina, der andere der Vertreter der Roma. Weil sie nicht muslimisch-bosnisch, nicht serbisch und auch nicht kroatisch sind, bleibt ihnen der Zugang zum Präsidentenamt und Parlament verwehrt. Auch für Kinder aus gemischten Ehen, die sich nicht der einen oder anderen Gruppe zugehörig fühlen, gilt das. Der Europäische Gerichtshof gab den Klägern schon 2009 Recht, doch das Wahlgesetz wurde bis heute nicht nachgebessert.

"Der sicherste Platz für Juden in Europa"

Jakob Finci ist in Bosnien-Herzegowina eine Institution. Er kommt zum Interview ins Hotel Central in der historischen Altstadt von Sarajewo, neben dem er wohnt. Der heute 75-Jährige lebt den interreligiösen Dialog, mehr noch: Im Krieg organisierte er Lebensmittel- und Medikamententransporte und half damit Menschen aller Ethnien zu überleben. Zudem schafften es 2500 Einwohner aus der belagerten Stadt Sarajewo heraus.

"Wir müssen zusammenleben, denn das ist ein kleines Land auf einem kleinen Gebiet. Es ist wie in einer Ehe, da gibt es auch diesen Zustand, wo man schon getrennt lebt, aber noch nicht geschieden ist. Noch leben wir unter einem Dach."

Die Juden in Bosnien verfolgen die wachsenden Spannungen zwischen den drei Ethnien, aber sie bleiben bei diesem Streit außen vor, sagt Jakob Finci.

"Das ist der sicherste Platz für Juden in Europa. Bosnien-Herzegowina ist eines von wenigen Ländern, in denen es keinen Antisemitismus gibt. Das heißt nicht, dass sie uns mögen, aber die drei ethnischen Gruppen beharken einander so sehr, dass sie keine Zeit haben, die Juden zu hassen."

Porträts von zwei Mädchen und einem Jungen (Sabine Adler / Deutschlandradio)Berufsschüler aus Jajce: Kenan Kuric, Ajla Kuric, Lamija Leko (vlnr) (Sabine Adler / Deutschlandradio)

Zurück nach Jajce. Aus den Teenagern vom Nikola-Sop-Gymnasium und der Berufsschule sind kritische Geister geworden. Sie haben gelernt zu hinterfragen, für ihre Meinung einzustehen und auch ihren Standpunkt, und sei er noch so kritisch, sachlich vorzutragen.

Geholfen haben ihnen dabei die Aktivisten des nichtstaatlichen Nansen Dialog Zentrums, das von der deutschen Botschaft unterstützt wird. Die Mitarbeiter des Nansen Dialog Zentrums Sarajewo zeigen große Ausdauer. Seit 2009 kommen sie nach Jajce, organisieren an beiden Schulen Gesprächsrunden mit den Jugendlichen, Lehrern und Eltern aller Ethnien, üben, wie man gewaltfrei kommuniziert, gerade bei Konflikten. Aus den Schülern, aber auch aus den Pädagogen, Vätern und Müttern sollen selbstbewusste Bürger werden, die den Mund aufmachen und handeln. Mit Erfolg, wenn man die Schüler hört.

Ermutigung zum kritischen Denken

"Das wichtigste ist, dass wir reden", sagt Sabra Kolapu. "Zum Beispiel mit der Psychologin, der wir erzählen, was uns stört, was wir gern ändern würden in der Schule, an unseren Eltern oder im Land überhaupt. Wir dürfen Dinge aussprechen, die wir in der Schule nie sagen könnten. Dass wir das Schulsystem nicht in Ordnung finden zum Beispiel und die Art und Weise, wie wir unterrichtet werden. Dass wir in der Klasse immer nur nachbeten sollen, was in den Büchern steht, aber nicht unsere Meinung dazu sagen dürfen."

Viele Schüler in diesem Raum in der Berufsschule wollen berichten, was sich verändert hat, was sie unterscheidet von den Erwachsenen, die oft kein Vorbild für sie sind. Ajla Kuric, 15, Gymnasiastin und nochmal Sabra:

"Wir sind stolz, denn unsere Eltern und Vorfahren haben nur eines gekonnt: Hass säen. Wir als neue Generation zeigen, dass es Liebe und Respekt gibt."

"Leute, die den Krieg überlebt haben – wie unsere Eltern oder Großeltern – verbieten uns den Kontakt mit Kindern anderer Nationalitäten. Wenn die Kinder nachplappern, was sie überhaupt nicht verstanden haben, kann es wieder Krieg geben. Wenn die Kinder aber darüber nachdenken, was anders werden muss, damit sich das nicht wiederholt, dann wird es keinen Krieg geben."

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