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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.06.2020

Jürgen Dahl: „Einrede gegen die Mobilität"Naturparks als Eingeständnis unseres Scheiterns

Von Günther Wessel

Buchcover zu "Drei Essays von Jürgen Dahl". (Das Kulturelle Gedächtnis Verlag)
Die Fragen, die heute die Aktivisten von Fridays for Future umtreiben, hat vor fast 50 Jahren bereits Jürgen Dahl beantwortet. (Das Kulturelle Gedächtnis Verlag)

Millionen privater Autos, großflächig zubetonierte Landstriche, mit Plastik zugemüllte Meere: Schon vor einem halben Jahrhundert warnte der Journalist Jürgen Dahl vor dem ökologischen Niedergang. Man kann seine Essays auch heute noch mit Gewinn lesen.

Die drei Essays, um die es hier geht, hat der Journalist Jürgen Dahl schon Anfang der 1970er Jahre geschrieben. Sie sind auch heute noch interessant. Nicht nur wegen der Prognosen – Dahl sah (optimistisch) schon damals das Ende des automobilen Zeitalters erreicht, und dass sich heute Mikroplastik in Lebensmitteln findet und Plastiktüten die Tiefsee verschmutzen, konnte er vor 50 Jahren nicht ahnen. Bedeutsam ist hingegen, wie er argumentiert, sich langsam vorantastet, wie er Gewissheiten hinterfragt und Konsequenzen aufzeigt.

Was beispielsweise ist Mobilität? Ist sie ein Wert an sich, ein Synonym von Freiheit? War Kant ein unfreier Mensch, weil er Königsberg Zeit seines Lebens nie verlassen hat? Oder wird Mobilität nicht vielmehr erzwungen?

Wir sind gezwungen, uns zu bewegen

Städte sind nach Funktionsräumen getrennt, also müssen wir uns bewegen. Die Geschäfte in den Zentren schließen, also fährt man zum Einkaufen auf die grüne Wiese. So wird aus der Freiheit ein Zwang zur Mobilität, auch aus Unbehagen an der heimischen Kulisse.

Denn die durch die Autos unwirtlich gewordenen Städte werden am Wochenende mit eben diesen Autos verlassen – und die angesteuerten Oasen der Erholung werden genau dadurch zerstört. Zu Ende gedacht sind Naturparks, -schutzzonen und Erholungsräume, so Dahl, sowieso nur das Eingeständnis dessen, dass das Land großflächig verhunzt und zerstört wurde.

Gleichzeitig soll die Zeit, um von hier nach dort zu gelangen, immer kürzer werden, im Idealfall gen Null streben. Schon 1974 berichtet Dahl vom Angebot eines Reisebüros: ein Tagesausflug von Düsseldorf nach Korsika, morgens hin, abends zurück, 200 Mark.

Doch was, außer der Kulisse, unterscheidet den Kaffee auf Korsika von dem in der Heimatstadt? Diese (heute noch mehr) angepriesenen Kurztrips führen laut Dahl nur zu einer Verwechslung von Erlebnis mit Panorama. Denn schließlich nehme mit der Menge der Eindrücke die Fähigkeit ab, diese intensiv zu erleben. Dass die Welt kleiner wird, dass sie schrumpft, wird von den Befürwortern der Mobilität gefeiert. Doch ist eine kleinere Welt wirklich eine bessere?

Ein früher und hellsichtiger Denker

Mit Jürgen Dahl ist ein früher, hellsichtiger und analytischer Denker einer Postwachstumsökonomie und -ökologie neu zu entdecken. Das Charakteristische und Zerstörerische unserer Gesellschaft ist für ihn, dass sie Langsamkeit, Innehalten, die Natur und auch Schönheit nicht schätzt. Dass sie permanent und systemgewollt Wohlergehen oder Glück mit Wohlstand und Konsum verwechselt, und als Maß der Dinge beispielsweise den Bestand an privaten Kraftfahrzeugen nimmt. Dass sie die Frage nach der Ästhetik oder der sinnlichen Qualität unserer Umwelt und unserer Umgebung nicht mehr stellt. So steht man beidem am Ende gleichgültig gegenüber – und verhält sich leider auch so. Wir könnten dass ändern.

Jürgen Dahl: "Einrede gegen die Mobilität. Der Anfang vom Ende des Automobils. Einrede gegen Plastik. Drei Essays"
Mit einem Vorwort von Jürgen Trittin
Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin 2020
112 Seiten, 12 Euro

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