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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.08.2016

Jürg Halter, Tanikawa Shuntarō: "Das 48-Stunden-Gedicht"Dialoge in Gedichtform

Von Carsten Hueck

Die Tastatur einer alten Schreibmaschine. (imago / McPHOTO)
48 Kurzgedichte entstanden bei dem Projekt. (imago / McPHOTO)

Fünf Tage lang saßen Jürg Halter und Tanikawa Shuntarō mit zwei Übersetzern in einem Arbeitsraum in Tokio und schrieben abwechselnd Kurzgedichte. Das Resultat ihres poetischen Dialogs ist so sinnlich und überraschend, dass man wünschte, sie säßen noch heute zusammen.

Die Herstellung, auch der Genuss von Lyrik können ein kontemplativer Akt ebenso sein wie eine Performance, intimes In-sich-Gehen ebenso wie öffentliches Ereignis. Zwei Lyriker, von Herkunft und Alter könnten sie kaum unterschiedlicher sein, zeigen in dem gemeinsamen Projekt eines "48-Stunden-Gedichts" den Variantenreichtum lyrischer Produktion und Rezeption.

Der Schweizer Jürg Halter, geboren 1980 in Bern, machte sich als Mundart-Rapper und Sprechsänger "Kutti MC" einen Namen. Er veröffentlichte neben seinen Büchern fünf Alben. Mehr als fünfzig Jahre vor Halters Debüt als Lyriker 2005 brachte der 1931 geborene Japaner Tanikawa Shuntarō seinen ersten Gedichtband heraus. Der Wegbereiter moderner, zukunftsorientierter Dichtung veröffentlichte bisher sechzig Lyrikbände, die in fünfzehn Sprachen übersetzt wurden.

Drei- bis Fünfzeiler, die an klassische Haikus erinnern

2007 kam es bereits zu einer ersten Zusammenarbeit zwischen Halter und Shuntarō. 2012 veröffentlichten sie ihr Kettengedicht "Sprechendes Wasser". War dieses noch mithilfe von E-Mails über Kontinente und einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg entstanden, so ist ihr jüngster lyrischer Dialog Resultat einer direkten Begegnung.

Der Schweizer Autor Jürg Halter während seiner Lesung bei den 39. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt (Ingeborg-Bachmann-Preis) (picture alliance / dpa / Johannes Puch)Trat beim 39. Bachmann-Preis an: der Schweizer Autor Jürg Halter (picture alliance / dpa / Johannes Puch)
Fünf Tage lang setzten sich die beiden Dichter mit zwei Übersetzern in einen gläsernen Arbeitsraum in Tokio. Dort schrieben sie abwechselnd, immer mit Bezug auf den vorhergehenden Text des Gegenübers ein Gedicht. In zwei Sprachen, durch Zeichnungen zweier bildender Künstler ergänzt, liegt es nun als kleines Gesamtkunstwerk vor: "Das 48-Stunden-Gedicht". Achtundvierzig Drei- bis Fünfzeiler, die an klassische Haikus erinnern, sind jeweils einer vollen Stunde zugeordnet. Tanikawa Shuntarō schrieb die Gedichte zu jeder geraden, Jürg Halter zu jeder ungeraden Stunde.

Halters Suche nach originellen Metaphern wirkt mitunter bemüht

Obwohl das 48-Stunden-Gedicht Ergebnis einer Kollaboration ist, lassen sich die Verse der beiden Dichter unterscheiden. Shuntarōs Zeilen sind stärker als die Halters durch tiefe Lebenserfahrung und innere Ruhe geprägt. Beim Beschreiben kurzer Alltagseindrücke, in denen durchaus Versatzstücke modernen Lebens – elektronische Anzeigen, Autostaus, Mangas oder Mobbing – benannt sind, gelingen ihm immer wieder elegante Bewegungen hin zu metaphysischen oder spirituellen Fragen. Shuntarō scheint seine Bilder ganz organisch zu entwickeln, während Halters Suche nach originellen Metaphern mitunter bemüht wirkt: "Eine Sardine in der U-Bahn" oder "Eine Rückenschönheit ohne Rucksack steht im Gelände als Antithese".

Besonders schön wird der Text, wenn der eine vom anderen Motive aufnimmt, ohne sie linear weiter zu verfolgen. Halter schreibt von transparenten Makrelen in der Sushi Bar, Shuntarō setzt im folgenden Vers ein mit einem Plastikroboter, dessen Innereien sichtbar sind. So entsteht ein abwechslungsreiches, sinnliches und immer wieder überraschendes Gedicht. Fast schade, dass diese Work-in-progress ein vorläufiges Ende durch den Druck gefunden hat. Man wünscht sich dieses Kettengedicht als fortwährenden Dialog, der die vielfarbigen Momente des Lebens hochkonzentriert aufhebt.

Jürg Halter und Tanikawa Shuntarō: Das 48-Stunden-Gedicht. Ein Kettengedicht. Deutsch und Japanisch
Aus dem Deutschen von Niimoto Fuminari, aus dem Japanischen von Franz Hintereder-Emde
Wallstein Verlag, Göttingen 2016
46 Seiten mit je vier Zeichnungen von Yves Netzhammer und Tabaimo, 22,90 Euro 

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