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Religionen | Beitrag vom 18.07.2021

Jüdisches Sühne-RitualDas Missverständnis vom "Sündenbock"

Von Gerald Beyrodt

Noahs Dankopfer, Farblithographie nach B.Hummel. Blatt IV der Folge: Dreissig Biblische Bilder zur Anschauung und Belehrung fuer Kinder. (picture-alliance / akg-images)
Heute denken wir beim "Sündenbock" an ein Abschieben von Verantwortung - im jüdischen Ritual hingegen ging es gerade darum, sich zur Schuld zu bekennen. (picture-alliance / akg-images)

Wer mit dem Finger auf andere zeigt, statt selbst Verantwortung zu übernehmen, sucht sich einen Sündenbock - so sagt man. Der Begriff nimmt Bezug auf ein Ritual aus der hebräischen Bibel. *

Jemanden zum Sündenbock zu machen, kann heißen: ihm (oder ihr) eigenes Fehlverhalten in die Schuhe zu schieben. Es kann auch bedeuten, ihn zum Schuldigen für Missstände zu erklären, deren Verursacher schwer zu ermitteln sind. Merke: Probleme sind leichter zu ertragen, wenn es einen Schuldigen gibt, einen Sündenbock.

"Und der Ewige redete zu Mosche: Rede zu Aharon, deinem Bruder…" – so heißt es im 3. Buch Mose. Dort ist von einem Sündenbock-Ritual die Rede. Die Israeliten wandern gerade durch die Wüste – auf dem Weg ins gelobte Land. Gott spricht zu Moscheh (oder Mose) und sagt ihm, was sein Bruder Aharon im Tempelzelt tun und lassen soll. Aharon (oder Aaron, wie er in christlichen Übersetzungen heißt) ist der erste Hohepriester des Volkes.

Das Verhältnis zu Gott wieder in Ordnung bringen

"Von der Gemeinde Israels nehme er zwei Ziegenböcke zum Sündopfer und einen Widder zum Ganzopfer", so heißt es im 3. Buch Mose weiter. Rabbinerin Birgit Klein, Professorin an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg, erklärt: "Die Tieropfer in der Bibel sind so zentral wie in der gesamten antiken Welt, weil sie das entscheidende Mittel sind, um Kontakt mit der Gottheit aufzunehmen."

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Die Bibelstelle beschreibt, wie das Volk Israel sein Verhältnis zu Gott in Ordnung bringt, wie sich Israel seiner Sünden und Verfehlungen entledigt, sich "entsühnt".

Spätere jüdische Generationen waren sich sicher: Hier ist von einem Ritual des Versöhnungstages Jom Kippur die Rede. Der Bibeltext selbst nennt das Wort Jom Kippur noch nicht. Rabbinerin Klein aber sagt: "Es gibt zwei Böcke, die ausgesucht wurden, um Sühne zu schaffen, sowohl für das Allerheiligste als auch für das Volk Israel."

Sünde als Verunreinigung – Opferblut als "Waschmittel"

Für die Autoren der Bibel war die Sünde eine Verunreinigung. Sie führte dazu, dass das Allerheiligste des Tempelzeltes unrein wurde. Normalerweise schwebte Gott in einer Wolke darüber – so erzählt es der biblische Text. Eine Folge der Unreinheit konnte sein, dass Gott sich entfernte.

"Das bedeutet: Es musste das Allerheiligste gereinigt werden von der Sünde", erläutert Birgit Klein. "Und das antike Waschmittel war das Blut des Opfertiers, das man versprengte."

Aharon schlachtet das erste Opfertier und verspritzt sein Blut im Allerheiligsten. Das tut er nur an diesem einen Tag im Jahr. Doch das zweite Opfertier wird nicht geschlachtet, wie der Bibeltext erzählt: "Und Aharon lege seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes und bekenne darauf all ihre Missetaten in all ihren Verschuldungen und lege sie auf den Kopf des Bockes und sende ihn durch einen bereiten Mann in die Wüste. Dass der Bock auf sich trage all ihre Sünden in ein ödes Land, sende er den Bock in die Wüste."

"Rituelle Unreinheit ist wie radioaktive Strahlung"

"Das heißt, hier werden die Sünden in einer gewissen materiellen Form verstanden", erklärt Rabbinerin Klein. "So wie sie unrein machen in einer gewissen materiellen Form, so können sie auch über den Priester und seine Hände auf den Sündenbock übertragen werden und durch das Wegschicken auch aus dem Kulturbereich verbannt werden." Die biblische Vorstellung von ritueller Unreinheit sei mit radioaktiver Strahlung vergleichbar: Man sieht sie nicht, doch sie kann alles kontaminieren.

Opfer sind für die Bibel die richtige Form, sich von den Verfehlungen frei zu machen, daher kennt sie alle möglichen Arten von Opfern. Die beiden Böcke sollen ein "Chatat" sein. Mit einem solchen Sündopfer oder Reinigungsopfer wollten Menschen in biblischer Zeit Verletzungen göttlicher Gebote wieder gutmachen. Ausdrücklich geht es um Regelverstöße, die sie aus Versehen begangen haben.

Klein nennt Beispiele: "Das kann sein, dass man vielleicht vergessen hat, Abgaben abzuführen, den Zehnten; dass man religiöse Gebote, rituelle Regeln verletzt hat. Das kann eine Vielfalt von Regeln sein, die man nicht so erfüllt hat, wie man sie erfüllen sollte."

Sündenbock-Ritual gibt viele Rätsel auf

Zwar ist in der hebräischen Bibel an vielen Stellen von Tieropfern die Rede – also von Tieren, die rituell geschlachtet werden. Doch das Ritual des Bockes, den man in die Wüste schickt, ist einzigartig – und gibt jede Menge Rätsel auf.

Der biblische Text sagt nicht, ob der Bock in der Wüste stirbt oder überlebt. Außerdem heißt es, der Bock werde zum Asasel geschickt. Generationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern haben sich Gedanken gemacht, wer oder was der Asasel ist. Eine Gottheit, ein Wüstendämon, vielleicht sogar ein Ziegendämon? Das wäre durchaus möglich. Der Asasel könnte auch ein Ort sein, ein Berg vielleicht.

An die Stelle der Opfer treten heute Gebete

Für heutige Juden ist das graue Vorzeit. Seit fast zweitausend Jahren gibt es im Judentum keine Tieropfer mehr – und mithin auch keine Sündenböcke. Rabbinerin Birgit Klein: "Das Revolutionäre entsteht in der Entwicklung der jüdischen Religionsgeschichte in dem Moment, als der Zweite Tempel im Jahre 70 nach christlicher Zeitrechnung zerstört wird und an die Stelle der Opfer die Gebete treten, nämlich die Gebete gesprochen werden zu den Zeiten, als ehemals im Tempel die Opfer dargebracht wurden, und dann der Wortgottesdienst den Opfergottesdienst ersetzt."

"Das ist in der damaligen Antike eine revolutionäre Erscheinung", so Klein weiter, "weil alle anderen Religionen noch am Tieropfer festhielten." Etwa die Griechen und Römer, die Ägypter und Perser. Statt Böcke zu opfern, lesen Juden aber am Versöhnungstag Jom Kippur den Text über den Sündenbock vor.

Geblieben ist auch der Gedanke: Wir bringen unser Verhältnis zu Gott in Ordnung. Die Gemeinschaft bekennt alphabetisch alle Sünden, die jemand aus ihrer Mitte begangen haben kann. Aschamnu – wir sind schuldig geworden, bagadnu – wir haben verraten, gasalnu – wir haben geraubt, und so weiter.

Das Wort Sündenbock wird falsch gebraucht

In moderner wie in biblischer Zeit bekennen Juden an Jom Kippur ihre Verfehlungen. Der biblische Sündenbock kann erst dann mit den Verfehlungen beladen werden, wenn die Sünden genannt sind.

Damit unterscheide er sich wesentlich vom Sündenbock in der Alltagssprache, sagt Rabbinerin Klein: "Wir gebrauchen das Wort Sündenbock genau im falschen Sinn, nämlich dass hier die Schuld bei anderen gesucht wird und nicht bei sich selbst und die Verantwortung abgeschoben wird und abgelenkt wird von sich selbst."

Beim biblischen Sündenbock bekenne man sich dagegen gerade zu den eigenen Sünden und Verfehlungen, dadurch dass der Hohepriester dieses Sündenbekenntnis spreche und dadurch die Sünden und Verfehlungen benenne, erläutert die Rabbinerin. "Das heißt, man übernimmt die Verantwortung – das ist die Voraussetzung dafür, dass dieses Ritual vollzogen werden kann und dann der Bock mit diesen Verfehlungen in die Wüste geschickt werden kann."

Das biblischen Sündenbock-Ritual setzt einen bewussten und offenen Umgang mit eigenen Verfehlungen voraus. Von eigener Schuld abzulenken, Minderheiten für Versäumnisse der Gesellschaft verantwortlich zu machen, Bill Gates oder George Soros zu Buhmännern zu erklären – mit diesen Elementen moderner Verschwörungsmythen hat der antike Sündenbock wenig zu tun.

* Wir haben an dieser Stelle eine Aussage präzisiert.

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