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Fazit | Beitrag vom 08.08.2020

Jüdisches Museum für BiałystokEine Stadt ohne Gedächtnis

Von Florian Kellermann

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Springbrunnen am Kosciuszko Platz in der polnischen Stadt Bialystok.  (picture-alliance/chromorange)
In Białystok, einer Stadt mit 300.000 Einwohnern, will eine Bürgerinitiative ein Museum errichten, dass an deren jüdische Geschichte erinnert. (picture-alliance/chromorange)

Einst war die polnische Stadt Białystok ein wichtiges jüdisches Zentrum. Nun will eine Initiative ein Museum schaffen, als Ort lebendiger Erinnerung und des kulturellen Austauschs. Denn vieles ist heute vergessen.

Im Zentrum von Białystok gibt es einen großen Park. Radfahrer ruhen sich hier aus, Mütter gehen mit ihren Kindern spazieren. Viele wissen nicht, welche Geschichte mit diesem Ort verbunden ist. Andrzej Rusewicz schon: "Hier lag der sogenannte Rabbiner-Friedhof, weil hier vor allem Rabbiner beerdigt waren. Er ist Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Friedhof stark zerstört, die Deutschen haben viele Grabsteine zum Bauen verwendet. Nach dem Krieg haben das auch die Polen getan. Dann haben die Machthaber beschlossen, das alles mit Erde zu bedecken und einen Park daraus zu machen."

Unbekannt ist, wie viele Mazewas, wie viele Grabsteine unter der Erde liegen. Der Park steht so als Symbol für die vergessene jüdische Geschichte von Białystok, einer Stadt im Nordosten Polens.

Die Geschichte reicht bis tief ins 17. Jahrhundert zurück, einst war jeder zweite Białystoker jüdischer Herkunft. Rusewicz gehört zu einer Gruppe von Bürgern, die der Stadt ihr Gedächtnis zurückgeben wollen. Ein Museum soll entstehen oder vielmehr: ein lebendiger Ort der Erinnerung, an den Menschen aus aller Welt kommen.

Białystok war früher ein wichtiges jüdisches Zentrum

"Immer wieder kommen Menschen aus den USA, aus Australien, aus Israel hierher, deren Vorfahren von hier stammen", sagt Rusewicz. "Vor kurzem hat uns eine Professorin aus Melbourne kontaktiert. Ihre Mutter hat hier gewohnt. Sie gehört dort einem Verein von Menschen an, die etwas mit Białystok zu tun haben. Sie singen dort jüdische Lieder aus Białystok – heute! Das ist doch fantastisch. Am anderen Ende der Welt gibt es Menschen, die sich nach dieser Stadt sehnen."

Andrzej Rusewicz, 58 Jahre alt, hat lange in den USA gelebt. Erst dort hat er erfahren, dass seine Heimatstadt Białystok früher ein wichtiges jüdisches Zentrum war. In der Schule hat er darüber nichts erfahren, obwohl der berühmteste Sohn der Stadt Jude war: Ludwik Zamenhof, der Erfinder der Kunstsprache Esperanto. "Wir sind eine Stadt ohne Gedächtnis - das ändert sich, aber nur langsam", sagt Katarzyna Sztop-Rutkowska, Soziologin an der Universität Białystok. "Die meisten Einwohner kamen nach dem Zweiten Weltkrieg aus den umliegenden Dörfern. Sie kamen in eine größtenteils zerstörte Stadt und bauten sie wieder auf. Sie haben Bildung erlangt und ihre Identität auf das gegründet, was es im Hier und Jetzt gab. Das Vergangene, das Jüdische, kannten sie einfach nicht."

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Rusewicz ist zu dem Gebäude spaziert, wo das Museum seinen Platz finden soll. Eine ehemalige Gewerbeschule. Der zweigeschossige Klinkerbau stammt vom Beginn des 20. Jahrhunderts, wo einst vor allem junge Juden lernten. Das Gebäude steht seit Jahren leer. Es wird Millionen Euro kosten, es instand zu setzen. Aber die Bürgerinitiative ist zuversichtlich. Geschäftsleute aus der Stadt haben sich bereit erklärt zu helfen. Jeder kann zum sogenannten Patron werden, über die Internetseite des Projekts

Sorge vor politischer Einmischung

Das Museum wolle möglichst ohne öffentliche Mittel auskommen, sagt Rusewicz: "Ich habe Angst vor Politikern, die sich in so ein Projekt einmischen könnten. Ich will nicht, dass jemand Geld gibt und dann sagt, was wir tun können und was nicht. Vor allem im Moment sind polnisch-jüdische Themen eher Reizthemen. Und das Letzte, was wir wollen, ist es, unangenehme Dinge unter den Tisch zu kehren."

Andrzej Rusewicz vor der ehemaligen Gewerbeschule in Białystok, in der das jüdische Museum entstehen soll. (Deutschlandradio / Florian Kellermann)Andrzej Rusewicz vor der ehemaligen Gewerbeschule in Białystok, in der das jüdische Museum entstehen soll. (Deutschlandradio / Florian Kellermann)

Die gibt es. Ein Beispiel: 1906 kam es zu einem Pogrom in der Stadt, dem 82 Juden zum Opfer fielen. Nach Ansicht von Historikern wurde es vom zaristischen Russland provoziert, zu dem Ostpolen damals gehörte. Dennoch verweist das Pogrom auf ethnische Konflikte. Wie Politiker Einfluss nehmen, hat zuletzt das Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau erlebt. Die rechtskonservative Regierung verhinderte die erneute Berufung des Direktors. Er hatte sich durch eine Ausstellung über Antisemitismus unbeliebt gemacht.

Den kulturellen Horizont erweitern

Das Museum in Białystok solle einen Beitrag leisten, Vorurteile abzubauen. "Uns kommt es sehr darauf an, Kontakte zwischen Menschen herzustellen", betont Rusewicz: "Ich möchte Schulen hier helfen, eine Verbindung zu jüdischen Schulen in Israel oder in anderen Ländern herzustellen. So ein Austausch würde ihren kulturellen Horizont enorm erweitern."

Auch ohne Museum ist der Białystoker Verein schon aktiv. Die Mitglieder kümmern sich um jüdische Friedhöfe in der Region und organisieren Gedenkveranstaltungen. Am nächsten Wochenende ist der 77. Jahrestag des Aufstands im Bialystoker Ghetto, das von den deutschen Besatzern eingerichtet worden war.

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