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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 24.01.2020

Jüdisches MäzenatentumHelfen und inspirieren

Von Carsten Dippel

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Das Foto zeigt Yoram Roth: Fotokünstler, Mäzen, Immobilieninvestor, Museumsbetreiber. (picture alliance / dpa / Mike Wolff (Tsp))
Yoram Roth: Fotokünstler, Mäzen, Immobilieninvestor, Museumsbetreiber. (picture alliance / dpa / Mike Wolff (Tsp))

Jüdische Mäzene haben Deutschland geprägt und einen spürbaren gesellschaftlichen Fortschritt ermöglicht. Viel bekannt ist von ihnen nicht - und auch heute halten sich private Finanziers mit ihrem Engagement eher bedeckt. Das hat auch gute Gründe.

Yoram Roth studierte in New York Fotografie, heute ist er aber vor allem als Chef einer Investorengesellschaft bekannt.

"Es liegt in der jüdischen Kultur, Geld für die Gemeinde zu spenden und damit meint man nicht nur die jüdische Gemeinde, sondern auch die Gemeinde, in der man lebt, egal welcher Religion. Und das fehlt leider im modernen Deutschland."

Das moderne Mäzenatentum, davon war Yoram Roths Vater überzeugt, sei im Grunde eine deutsch-jüdische Erfindung. Rafael Roth, der 2013 verstorbene Immobilienunternehmer, hat es zu erheblichem Vermögen gebracht. Er war einer der maßgeblichen Initiatoren und Gründungsfinanziers des Berliner Jüdischen Museums. Die Idee, sich auch finanziell für die Gesellschaft einzusetzen, hat Yoram Roth von seinem Vater vermittelt bekommen.

"Mein Vater musste 1938 mit Boot über das Mittelmeer flüchten. Heutzutage haben wir Leute, die kommen in die andere Richtung und wir müssen denen helfen. Es ist ein sehr bewusstes Anknüpfen an diese Geschichte, gibt aber sehr viele Leute, die dagegen sind, in allen Gemeinden. Und was ich mache, geht nicht alle was an."

Der Vater floh bereits über das Mittelmeer

Yoram Roth engagiert sich heute für ein Projekt, das neu angekommenen Flüchtlingen hilft, hier Fuß zu fassen. Er unterstützt die israelische Organisation "Taglit", die junge Deutsche nach Israel bringt, um Land und Kultur des jüdischen Staates kennenzulernen. Er engagiert sich aber auch beim privaten englischsprachigen Radiosender KCRW, der ganz bewusst eine Brücke nach Amerika schlagen will - dem Land, in dem er viele Jahre gelebt und dem er viel zu verdanken habe. Man habe sich in der Familie immer darüber unterhalten, wie wichtig privates Engagement sei.

"Man muss helfen und auch inspirieren, das heißt, man kann spenden, um jemandem zu helfen und man kann spenden, um etwas darzustellen, was ansonsten nicht beleuchtet wird. Ob es die Kunst ist oder ein gewisser Streifen der Kultur – man muss was zurückgeben."

Wirklich gern spricht Roth jedoch nicht über diese Dinge. Es gebe zu viele Anfeindungen und zudem werde privaten, vermögenden Finanziers hierzulande, ganz anders als in den USA, oft mit einem gewissen Argwohn begegnet.

In der jüdischen Tradition ist der Gedanke des Spendens und Stiftens tief verwurzelt. Es ist daher kein Zufall, dass im Zuge der Emanzipation im 19. Jahrhundert wohlhabende Juden in Erscheinung getreten sind als Förderer von Kunst und Kultur, genauso aber auch als Spendengeber und Finanziers sozialer Projekte.

Julius Schoeps sitzt in der Berliner Geschäftsstelle der Moses Mendelssohn Stiftung. Hinter ihm an der Wand hängen Zeichnungen von Lotte Laserstein. Schoeps ist kunstsinnig und setzt im persönlichen Sammeln eine Leidenschaft fort, die in seiner Familie eine lange Tradition hat. Sein Großonkel, der Berliner Bankier Paul von Mendelssohn Bartholdy, war einer der eifrigsten Sammler der klassischen Moderne, bis er durch die Nazis alles verlor.

Kulturelle Lücken ohne jüdische Spenden

"Wenn man in der Gesellschaft angekommen ist, zum Großbürgertum dazugehörte oder hoffte dazuzugehören, da war das Sammeln von Kunst ein wichtiges Zeichen, das man setzen konnte. Meine Vorfahren beispielsweise haben enorm viele Schenkungen gemacht. Ernst von Mendelssohn Bartholdy hat eine der größten Musikaliensammlungen, die es überhaupt gibt, der Staatsbibliothek geschenkt. Nur das weiß heute keiner mehr."

Ohne die jüdischen Mäzene würde in manch deutschem Museum eine gewaltige Lücke klaffen, ist Schoeps überzeugt. James Simon, der lange vergessene und nun mit der nach ihm benannten Galerie auf der Berliner Museumsinsel gewürdigte Mäzen, schenkte die weltbekannte Büste der Nofretete dem preußischen Staat.

Simon stiftete Ende des 19. Jahrhunderts Hilfs- und Wohltätigkeitsvereine, errichtete Krankenhäuser und Volksbäder oder Arbeiterferienheime an der Ostsee. Der Einsatz für die Gemeinschaft liege in der deutsch-jüdischen DNA, sagt der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn.

"Das Individuum kann sich nur entwickeln, wenn es der Gemeinschaft gut geht und umgekehrt braucht die Gemeinschaft Individuen, die sich für die Gemeinschaft einsetzen."

Sozialer Wohnungsbau mit Kulturzugang

Wolffsohn ist auch Akteur, sein Erbe nennt sich "Gartenstadt Atlantic" – das klingt nach Sonne und Meer, nach Weite und Grün und befindet sich doch mitten in Berlin, dort, wo es besonders laut zugeht, gleich hinter dem Bahnhof Gesundbrunnen. Das Ende der 1920 Jahre errichtete Areal mit Hunderten Wohnungen und einem großen Kino, der sogenannten Lichtburg, war im Geist der Gartenstadtbewegung errichtet worden. Licht und luftig sollte es sein, dazu bezahlbar. Sozialer Wohnungsbau im besten Sinne.

Wolffsohns Großvater, der Verleger Karl Wolffsohn, hatte das Projekt mitfinanziert, schließlich gekauft und wurde später von den Nationalsozialisten enteignet. Es folgte das Exil und ein jahrelanger Kampf im Nachkriegsdeutschland um die Rückgabe des geraubten Besitzes. Als sein Enkel die Gartenstadt im Jahr 2000 erbte, war die ganze Anlage heruntergekommen, es gab einen riesigen Leerstand.

"Das Konzept, das wir gemeinsam entwickelt haben, zwar am Anfang ohne langfristigen Plan, ging aus von dem, was früher gemacht wurde: Nämlich in einer Wohnanlage bezahlbare gute Kultur hineinzubringen."

Rita und Michael Wolffsohn haben vor mehr als 15 Jahren die "Gartenstadt Atlantic" zu neuem Leben erweckt. Keine Luxussanierung, dafür konnten viele Altmieter übernommen werden. Um das Herzensprojekt realisieren zu können, nahmen sie große Kredite auf.

"Da hat ein alter Mieter uns Fotos geschickt von Kindern, die auf den Mülltonnen turnten mit dem Vermerk, wir möchten bitte dafür sorgen, dass diese Kinder nicht so viel Krach machen und wir waren eigentlich schockiert über diese Bilder und haben beschlossen, das muss anders werden."

Integration gehört zur Kulturarbeit

Die "Lichtburg" gab es zwar nicht mehr, jedoch lagen neben den Wohnungen die Gewerbeeinheiten von einst. Daraus wurden Lernwerkstätten. Hier können Kinder und Jugendliche aus dem ganzen Einzugsbereich Musik und Theater machen oder gemeinsam kochen.

Ein betreutes, kostenfreies Ergänzungsprogramm, das das engagierte Ehepaar vor allem auch als aktiven Beitrag zur Integration in einer lange als abgestürzt geltenden Gegend versteht. Mithilfe ihrer eigens gegründeten Lichtburgstiftung bietet die "Gartenstadt Atlantic" seinen Bewohnern ein integratives Kultur- und Bildungsprogramm, samt medizinischen Versorgungseinrichtungen.

"Es ist ein Gebot der Vernunft und der Ethik, dass, wenn man Kultur in eine Wohnanlage bringt, dass als ein Integrationsprojekt versteht. Daher haben wir von Anfang an das, was wir als Kultur, Integrations- und Bildungsprojekt installiert haben, verstanden als einen deutsch-jüdisch-muslimischen Mikrokosmos und das ist in Berlin Gesundbrunnen, wo es um die Ecke auch fundamentalistische Moscheen gibt, kein leichtes Unterfangen."

Die Pflege des Erbes

Mit der 2001 gegründeten Moses Mendelssohn Stiftung sieht sich Julius Schoeps ganz in der von seinen Vorfahren begründeten Tradition: das konkrete Tun, das Engagement für die Allgemeinheit. Die heutige Familienstiftung hatte einen bereits 1929 gegründeten Vorläufer, auch damals benannt nach dem berühmten Philosophen.

Die Stiftung bietet ein breites Portfolio. Es reicht von der wissenschaftlichen Förderung und kulturhistorischen Vermittlung wie an der Mendelssohn Akademie und dem jüdischen Museum in Halberstadt bis zu Altenpflegeeinrichtungen und Studentenwohnheimen.

Wenn sich jüdische Mäzene heute engagieren, dann findet das in einem mit den damaligen Verhältnissen kaum vergleichbaren und, wenn man so will, sehr viel bescheidenerem Rahmen statt, so Julius Schoeps:

"Die Pflege dieses deutsch-jüdischen Kulturerbes halte ich für die Aufgabe der nichtjüdischen Gesellschaft heute. Es gibt kein deutsches Judentum mehr, das sich dieser Sache annehmen könnte. Also muss es die nichtjüdische Gesellschaft tun. Jede Gesellschaft braucht das Engagement der Bürger. Eine Gesellschaft, die das nicht hat, ist eine armselige Gesellschaft."

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