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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 30.11.2018

Jüdisches Leben in New YorkJiddischismus aus der Bronx

Von Carsten Dippel

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Jüdisches Leben in New York (picture alliance/ZUMA Press)
Beyle Schaechter-Gottesman setzte sich dafür ein, dass ihre Kinder in einer jüdisch geprägten Nachbarschaft aufwuchsen. (picture alliance/ZUMA Press)

Die alte Welt von Jiddischland trugen sie in ihren Herzen, als sie Anfang der 1950er-Jahre nach New York kamen - und sie wollten sie bewahren. Deshalb riefen drei Familien Anfang der 1960er-Jahre das Projekt Bainbridgivke ins Leben.

New York City. Brainbridge Avenue. Anfang der 1960er-Jahre schufen hier drei Familien – die Fishmans, die Schaechters und die Gottesmans – eine kleine jiddischsprachige Insel. Mitten in der Bronx. Sie trugen die alte Welt von Jiddischland, das im Krieg unterging, im Herzen. Hier im fernen Amerika wollten sie davon etwas retten. Ein Fixstern dieses kleinen Kosmos war Beyle Schaechter-Gottesman, Malerin, Dichterin, Schöpferin vieler jiddischer Lieder.

"Jiddisch hat kein Land. Man muss es also zu Hause lernen und unterrichten."

Itzik Gottesman, der Sohn von Beyle, wuchs in dieser svive, in dieser Gemeinschaft auf. Er lernte Jiddisch von klein auf. Heute ist er als "kultur-tuer" eine wichtige Instanz in der Vermittlung jiddischer Kultur und Sprache. Einen "generationenübergreifenden Jiddischismus" nennt die Jiddischspezialistin Janina Wurbs das, was diese New Yorker Familien praktizieren. In ihrer lesenswerten Studie zu diesem Familienprojekt geht sie der Frage nach, wie sich der Jiddischismus über die Generationen gespannt und verändert hat.

"Was mich fasziniert hat, war dieses eine Projekt in der Bronx. Sie wussten, ok, wir sind jiddischsprachig, aber wir sind nicht örtlich eingebunden in so eine jiddischsprachige Welt. Und was können wir machen, wenn quasi Jiddisch eigentlich unsere Religion ist? Wenn die Sprache und die Kultur das ist, was uns wichtig ist, was wir gerne weitergeben wollen auch an unsere Kinder? Wie können wir das machen?"

In Wien geboren, in Czernowitz aufgewachsen

Aus diesen Fragen heraus entstand das Projekt Bainbridgivke. Die drei Familien ermöglichten den Kindern eine jiddischsprachige Nachbarschaft und Umgebung. Das erklärte Ziel war, die Kinder gemeinsam jiddisch aufzuziehen.

"Denen war klar, die müssen was tun, dass die Kinder auch untereinander, dass die nicht nur das Jiddisch von den Eltern hören, sondern dass sie auch mit anderen Kindern zusammen Jiddisch sprechen. Dass es quasi für sie eine Selbstverständlichkeit wird, in der eigenen Generation das Jiddische zu benutzen."

Janina Wurbs hat Beyle, die 2013 gestorben ist, viele Monate betreut. Sie hat dabei nicht nur ihr eigenes Jiddisch verfeinert, sondern auf diese Weise auch einen intimen Einblick in den Alltag von Bainbridgivke erhalten.

Beyle Schaechter, 1920 in Wien geboren, wuchs in Czernowitz auf. Vor dem Krieg war Beyle eine der wenigen jiddischsprachigen Künstlerinnen. Sie hat die Welt auf Jiddisch gesehen, sagt der Musiker Daniel Kahn, der mit der Sprache der osteuropäischen Juden selbst zwar nicht aufwuchs, mittlerweile aber viele Songs auf Jiddisch singt.

"Sie war ein großes Beispiel für mich als eine Dichterin, so jemand, der mit Poesia ihr ganzes Leben umgeht. Sie war vielleicht die letzte ihrer Generation, die diese Zwischenkriegszeit in Osteuropa gesehen oder erlebt hat und dann diese jiddische Kultur in die Gegenwart getragen hat."

Jiddisch - vom Aussterben bedroht

Beyle heiratete 1941 den Arzt Yoyne Gottesman. Beide überlebten das Czernowitzer Ghetto und gingen 1951 nach New York. Die Welt auf Jiddisch sehen, wie Daniel Kahn sagt, ist der rote Faden, den Wurbs anhand dieser biografischen Studie offenlegt. Jiddisch verstanden als Kultur, als Sprache, als Lied, als etwas, das alle Lebensbereiche durchdringt. Schon Beyles Vater habe von einer kleinen jiddischsprachigen Kolonie geträumt. Einen Gedanken, den die Bainbrigde-Familien auf ihre Art umgesetzt haben.

Wurbs: "Die sind dann irgendwie Shabbes immer Spaziergang gemacht in den riesigen Van Cortlandt Park, der da gleich in der Nähe ist und dann haben die dort auch in diesem Park so eine jiddische Topographie, haben alles umbenannt. Mit jiddischen Namen. Das ist ziemlich cool. Dass die das quasi wirklich vereinnahmt haben für sich, ok, das ist jetzt unser Jiddischland, so klein es auch sein mag."

Mit der Shoah ging nicht nur das geografisch erfassbare Jiddischland im Osten Europas verloren. Auch der Begriff des Jiddischismus, eine Bewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts entstand, hat seine alten Zusammenhänge verloren. Damals ging es um die Frage, ob Jiddisch als Hochsprache gelten könne. In der Bronx, Jahrzehnte später, nach der Vernichtung des ostmitteleuropäischen Jiddischlands, waren die Ziele und das Verständnis, was sich mit Jiddischismus verbindet, zwangsläufig etwas ganz anderes.

"Da war Jiddisch ganz normale Umgangssprache und da wurde um ganz andere Fragen gekämpft, dass man eine Hochliteratur oder dass das anerkannt wird als ernstzunehmende Sprache, nicht einfach nur irgendwie Dialekt oder irgendwelcher Jargon sei. Während halt heutzutage ist es eben schon eine Ausnahme, wenn man fließend Jiddisch spricht, leider."

Eine kulturelle Heimat kann überall sein

Janina Wurbs macht deutlich, wie der Jiddischismus im Kosmos von Bainbridgivke bis heute fortwirkt, wenn er sich auch von seiner ursprünglichen Intention gelöst hat. Beyle wirkte als Lehrerin, schrieb jiddische Kinderbücher. Mit ihrem umfangreichen Werk an Liedern und Gedichten leistete sie einen unschätzbaren Beitrag für die Welt des Jiddischen. Ihren Sohn Itzik Gottesman zeigt Wurbs als aktiven Jiddischisten, der sich durch den täglichen Gebrauch der Sprache und deren Modernisierung verdient mache. Ob in seiner Arbeit für den New Yorker Forverts, oder als Sammler jiddischer Lieder. Sein Ziel sei es, eine "kulturelle Infrastruktur" auf Jiddisch aufzubauen.

So klein die Szene auch ist, das virtuelle Jiddischland wächst und beschränkt sich längst nicht mehr nur auf New York. Itzik Gottesman ist für Wurbs darin eine "wichtige Säule".

Gottesman: "Heimatlos zu sein, ist ein Teil davon. Eine kulturelle Heimat kann überall sein, dazu braucht es kein spezifisches Stück Land. So kann man sagen, es reist mit Dir, es bringt Dich mit Menschen überall auf der Welt in Verbindung."

Das Projekt Bainbridgivke ist, anders als die orthodoxen Viertel in New York, wo Jiddisch Alltagssprache der Chassidim ist, Teil eines säkularen Mikrokosmos. Die Abgrenzung zwischen chassidisch und säkular sei jedoch nicht so klar zu ziehen, sagt Wurbs. Denn auch in der bunten jiddischsprachigen Szene New Yorks treffe man auf religiöse Vielfalt. Das sei selbst bei Schaechter-Gottesmans so. So definiere sich Itzik Gottesman auch darüber, dass er von Vishnitzer Chassidim abstamme.

Wie sich ein jiddischistisches Familienprojekt im Sinne von Bainbridgivke im 21. Jahrhundert weiterführen lässt, ist offen. Ob sich etwa auch die nachfolgenden Generationen an einen jiddischsprachigen Alltag halten können und wollen. Janina Wurbs zeigt in ihrer Studie aber, welch maßgeblichen Einfluss die kleine Welt von Bainbridgivke auf die Entwicklung eines modernen Jiddischismus bis heute hat.

Janina Wurbs: Generationenübergreifender Jiddischismus. Skizzen kultureller Biographien der Familie Beyle Schaechter-Gottesman
Potsdam 2018, 188 Seiten

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