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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 13.09.2019

Jüdisches Filmfestival Berlin-BrandenburgJenseits der Klischees

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Drei Figuren aus dem Film "Frau Stern" sitzen gemeinsam auf dem Sofa und rauchen Marihuana. (Neue Visionen Filmverleih)
Szene aus "Frau Stern", dem Eröffnungsfilm des 25. Jüdischen Filmfestival Berlin Brandenburg. (Neue Visionen Filmverleih)

Die meisten Menschen in Deutschland kennen kaum einen Juden persönlich. Wo der persönliche Kontakt fehlt, ist die Gefahr von Klischeevorstellungen groß. Seit 25 Jahren will das "Jüdische Filmfestival" Stereotypen den Garaus machen.

"Was für eine Wirkung hat das auf dich?" - "Ich weiß nicht, was das für eine Wirkung..." - "Du nimmst dieses Zeug, da musst du wissen, wie das wirkt." - "Ich weiß, wie das wirkt ..." - "Na erzähl mir." - "Das macht schon Spaß." - "Spaß macht das? Na gut, dann fang ich auch an."

Die Holocaustüberlebende und das Kiffen

Die Enkelin zieht an einem Joint. Die Großmutter ist interessiert. "Frau Stern" handelt von einer ungewöhnliche alten Dame, resolut, herzlich und neugierig, die sich so ganz anders verhält, als man es bei einer 90-jährigen Holocaust-Überlebenden erwartet:

"Haben Sie mal an den Tod gedacht, junger Mann?" - "Nee, ich spür das mehr, wenn ich an einer Felswand hänge." - "Ein Mensch muss abtreten, wenn er kann."

Der Film ist eine wunderbare Gratwanderung zwischen Fiktion und Dokumentation, bei der Regisseur Anatol Weber seine Hauptfigur mit Ahuva Sommerfeld, einer überzeugenden und ausdrucksstarken Laienschauspielerin besetzte. Frau Stern ist vital, kontaktfreudig aber auch lebensmüde. Aber über den verstärkten Kontakt zu ihrer Enkelin und deren Freunden kehrt ihre Neugier und Lebenslust wieder zurück:

"Ich find das so cool, dass du da bist" - "Und ihr seid schon eine verrückte Bande." - "Prost." - "Prost."

Jüdisches Leben: "Diverser, lebendiger, komplexer"

"Frau Stern" ist eine Hommage an das Leben und eine erfrischende Darstellung einer jüdischen Familie in Berlin. Diesen ungewohnten Blick auf scheinbar altbekanntes suchen die Programmgestalter seit 1995, erzählt Nicola Galliner Gründerin und Leiterin des Jüdischen Filmfestivals:

"Ich hoffe, dass wir da wirklich sehr viel aufgebrochen haben, weil das ist ein Sinn unseres Festivals, dass man zum Beispiel auch zeigt, dass Israel wesentlich diverser, lebendiger und komplexer ist, als man vielleicht denkt. Es besteht nicht nur aus irgendwelchen verrückten Siedlern oder so, die sind eine Minderheit, aber es gibt viel mehr andere Aspekte dort."

Säkular, orthodox: Bizarre Zweistaatenlösung

Auch dieses Jahr kommt mehr als die Hälfte des Programms aus Israel. Die Filme setzen sich auf sehr unterschiedliche Weise mit den Spannungen zwischen Juden und Palästinensern auseinander und mit dem Einfluss dieses Konfliktes auf familiäre Strukturen. Sie zeigen den ganz normalen Alltag etwa von drei jungen Araberinnen in Tel Aviv, oder über eine jüdische Siedlung in der Westbank. Ein Dokumentarfilm setzt sich mit sexuellem Missbrauch von Kindern in einer orthodoxen Gemeinde auseinander, ein Spielfilm erzählt, wie ein Polizist in Konflikt mit der Macht gerät. In einer Serie wird eine düstere Vision einer ganz neuen Zwei-Staaten-Lösung durchgespielt: Israel ist geteilt in säkularen Teil mit der Hauptstadt Tel Aviv und auf der anderen Seite der Mauer ein jüdisch-orthodoxer Staat in Jerusalem.

"Ich finde, die machen hervorragende Filme", sagt Nicola Galliner. "Es ist ein ganz kleines Land, mit der doppelten Bevölkerung von Berlin, aber die haben glaube ich zwölf Filmschulen! Und Film spielt eine wirklich wichtige und grosse kulturelle Rolle da. Wir sind immer überwältigt von der Qualität der Filme und die Dokumentarfilme sind auch herausragend. Wir haben zwei wirklich hinreißende Kurzfilmprogramme dieses Jahr und das ist eins der führenden Filmländer, die es gibt."

Der Nah-Ost-Konflikt ist auch Thema. "Ich möchte mit Ihnen ein Orchester zusammenstellen. Junge Musiker aus Israel und Palästina." - "Die sollen zusammen musizieren? Ist das ihr Ernst?" - "Es wird ihr Name sein, der sie zusammenbringt. Für ein Konzert."

Die junge Managerin gibt dem alten Dirigenten ihre Visitenkarte. Sie weiß um seinen schwachen Punkt: Seine Eltern waren Kriegsverbrecher, KZ-Ärzte und wurden nach dem Krieg auf der Flucht in Südtirol erschossen.

"Stiftung für effektiven Altruismus." - "Aha. Sind das Sie?" - "In Südtirol starten demnächst neue Friedensverhandlungen zwischen Israel und Palästina. Wir bestreiten das Rahmenprogramm. Die EU hat die Schirmherrschaft und uns beauftragt." - "Ausgerechnet Südtirol. Politik, da misch ich mich nicht ein." - "Es ist Kultur! Das Konzert soll den Anstoß zur Gründung einer Musikschule im Westjordanland geben. Es wäre die erste." - "Sind Sie so ein Gutmensch?" - "Meine Stiftung erbringt Hilfeleistungen nach rationalen Kriterien, nicht nach emotionalen." - "Ich spende fürs Rote Kreuz."

Vorurteile herausschreien

"Crescendo", der Eröffnungsfilm des Festivals, führt von Frankfurt, über Tel Aviv und die Westbank nach Südtirol. Die deutsche Produktion unter der Regie des israelisch-deutschen Regisseurs Dror Zahavi erzählt von tiefer Vorurteilen und unüberwindlichen Hass zwischen israelischen und palästinensischen Jugendlichen. Der löst sich erst langsam, als sie sich unter Aufsicht des Dirigenten beschimpfen und ihre Vorurteile herausschreien dürfen: "Typical arogant Israelian asshole ..."

Die Rollen sind zu 30 Prozent mit professionellen Schauspielern besetzt, 70 Prozent sind Laien. Dadurch gewinnt der Film einen besonderen Realismus. Hauptdarsteller Peter Simonischek war besonders von der die Gruppendynamik der jungen Israelis und Palästinensern während des Drehs fasziniert: "Das war so spannend, das war so schön, weil die haben ja schon längst ein 'agreement' getroffen untereinander, worüber man redet und worüber man nicht redet. Und die haben sich so toll verstanden und zusammen gesungen, die haben getanzt zusammen. Also da sind ja geniale junge Leute dabei gewesen, Musiker, teilweise haben die schon bei Barenboim mit diesem Orchester gespielt, und das war so aufregend." Aufregend und ein Zeichen der Hoffnung: "Für mich hab ich hinterher gedacht: Mensch, wenn die was zu sagen hätten. Die haben diesen ganzen Konflikt wirklich Oberkante Unterlippe. Die haben die Schnauze voll. Und zwar nicht nur vom Gegner. Einfach dieser Stillstand geht den Jungen derart auf den Wecker. Und wenn die was zu sagen hätten, würde das nicht mehr so sein."

Politisch kein Happy End

Am Ende musizieren die Jugendlichen spontan noch einmal miteinander, schon getrennt durch die Glasscheibe des Abflugterminals. Persönlich ist man sich näher gekommen, ein politisches Happy End ich nicht zu erwarten.

Immer wieder überrascht das Festivals auch mit Beiträge, die wenig bekannte Aspekte jüdischen Lebens beleuchten. Der amerikanische Dokumentarfilm "The Last Resort" erzählt über zwei Fotografen die in den 50er Jahren die jüdische Community im damals noch beschaulichen Miami verewigten und der unterschwellig viel über das Altern und über Altwerden inmitten sozialer Umbrüche erzählt.

Vereint im Tanz

Nicola Galliner: "Da gibt es noch einen anderen Film 'The Mamboniks', auch über Miami, Kuba und auch über eine noch frühere Zeit, verbunden mit einer Liebe zu einem bestimmten Tanz und ich finde diesen Blick auf ein Amerika, das eigentlich keiner kennt, ja besonders durch die Mamboniks, das war eine Tanzbewegung, die alle vereint hat. Zur Zeit der Rassentrennung war in diesen Clubs, wo Mambo getanzt wurde, da tanzten weiße Leute, Schwarze und Hispanics, alle tanzten durcheinander und das wird eben leider oft vergessen dass es auch diese Seite von den USA gab. Das sind diese vergessenen wunderschönen Geschichten."

Mit diesen vergessenen Geschichten, neuen Perspektiven und überraschenden Plots hinterfragt das Jüdische Filmfestival seit 25 Jahren alte Klischees, antisemitische Ressentiments und politische Stammtischparolen. Darin liegt für Nicola Galliner auch seine didaktische Bedeutung:

"Filmkultur kann immer versuchen, auf Leute Einfluss zu nehmen. Film ist ein sehr direktes Mittel. Das finde ich ganz toll. Man kommt mit einem Film in Lebenswelten rein, wo man nie reinkommen würde, in Realitäten rein, die man sonst nie erleben würde. Wir haben auch ein Programm für Schulen, wir haben auch dieses Jahr wieder Schulvorstellungen und da würde ich mir etwas mehr Unterstützung von offizieller Seite wünschen für dieses Programm. Weil ich finde, in den Schulen kann man noch viel erreichen, man kann nicht unbedingt die Erwachsenen immer erreichen, aber die Schulkinder kann man auf jeden Fall erreichen. Bei Schulvorstellungen haben wir gesehen, dass sie ganz überrascht und erstaunt sind, was sie da zu sehen bekommen."

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