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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 31.01.2020

Jüdische Webaktivistin Olivia SeltzerJugendliche für Politik interessieren

Von Arndt Peltner

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Porträt Olivia Seltzer (Privat)
Mit zwölf Jahren angefangen, einen Newsletter zu schreiben – und seit drei Jahren erfolgreich damit: Olivia Seltzer. (Privat)

Der US-Präsidentschaftswahlkampf war ein Startschuss für Olivia Seltzer. Die Amerikanerin merkte, dass sie sich für Politik interessieren musste: als Jugendliche und als Jüdin. Seit drei Jahren schreibt sie einen Newsletter für andere Jugendliche.

"Ich wache jeden Tag um fünf Uhr auf, lese die Nachrichten von ganz verschiedenen Medien und schreibe sie dann so um, dass junge Leute dazu einen Bezug haben", sagt Olivia Seltzer. Sie ist 15 Jahre alt, geht zur High School in Santa Barbara und hat rund zweieinhalb Millionen Leser ihres täglichen Newsletters. Darin greift sie US-Nachrichten genauso auf wie News aus allen anderen Teilen der Welt. Angefangen hat alles mit dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016, damals war sie gerade mal zwölf Jahre alt.

"Schon kurz nach der Wahl merkte ich ganz deutlich, dass sich etwas an meiner Junior High School veränderte", sagt sie. "Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler sind Latinos und viele ihrer Eltern sind illegale Einwanderer aus Mittelamerika. Wir hatten das Gefühl, dass das, was in unserer Regierung passierte, riesige Folgen für uns haben wird."

Trump verharmloste Übergriffe

Die Anti-Immigrationstöne, die Verharmlosung von antisemitischen Übergriffen durch den Präsidenten, das alles stieß der 15-Jährigen auf. Doch da war noch mehr, was Olivia aktiv werden ließ. Sie ist Jüdin, ihre Urgroßeltern flohen vor Pogromen aus Russland. Mit den Geschichten der Verfolgung und des Holocausts wurde sie früh konfrontiert:

"Ich glaube schon, dass mich das dazu brachte, für etwas zu kämpfen. Gerade rund um die Präsidentschaftswahlen 2016 fielen mir mehr und mehr Nachrichten auf, die sich um verschiedene antisemitische Übergriffe in den USA drehten. Ich lebe in einer sehr progressiven Stadt, die offen gegenüber Minderheiten ist. Aber sogar an meiner Schule kann man Hakenkreuze an Wänden und auf Tischen sehen. Es gibt auch immer wieder antisemitische Äußerungen an meiner Schule. Das alles war für mich ein Weckruf und hat mir das Gefühl gegeben, dass es mich auch betrifft."

Olivia brachte sich mit acht Jahren selbst das Programmieren bei. Daher hatte sie keine Probleme, mit "The Cramm" eine eigene Seite aufzubauen. The Cramm bedeutet in etwa vollgepackt zu sein, vollgepackt mit Nachrichten eben. Und seitdem liest sie sich alltäglich durch die Nachrichten der BBC, der New York Times, von FOX-News und CNN und etlicher anderer Medien. Und dann schreibt sie das, was sie für wichtig hält, in eine Sprache um, die die Generation Z versteht. Diejenigen, die in den 2020ern erwachsen werden.

Mit Lesern sprechen wie mit Freunden

"Ich schreibe es einfach so, wie ich es meinen Freunden erzählen würde. Also wie wir als Generation Z auch miteinander sprechen. So kommt das in den Newsletter, den man über E-Mail oder soziale Medien erhalten kann. Und wir haben nun auch eine Video-Version, wo Cramm-Botschafter die Nachrichten in verschiedenen Sprachen lesen, für unsere Leser in über 80 Ländern."

Cramm-Botschafter sind Jugendliche in aller Welt, die Olivia mit der Webseite und dem Newsletter unterstützen. Olivia finanziert alles selbst. Von Geldgeschenken zum Geburtstag und zu Chanukka und auch mal von dem, was Olivia beim Babysitting verdient, unterhält sie die Webseite und den Newsletter.

"Ich möchte, dass die Leser genau dasselbe bekommen wie von traditionellen Medien. Ich möchte, dass sie erfahren, über welche News ältere Generationen sprechen, dass sie dieses Wissen haben. Aber es gibt auch eine große Frustration bei der Generation Z, dass die wirklich wichtigen Geschichten nicht die Berichterstattung erhalten, die sie verdienen, wie die Brände im Amazonas oder das, was in Kaschmir passiert."

Seit nunmehr drei Jahren beschäftigt sich die 15-Jährige tagtäglich mit den harten News. Hat sie nicht das Gefühl, dass sie etwas in ihrer Jugendzeit verpasst?

Lesen, das Leben verändert

"Für mich ist das genau das Gegenteil, wenn ich 'The Cramm' nicht hätte, wäre es viel schwerer für mich. Ich hatte ein Gefühl der Hilflosigkeit und ich musste einfach etwas tun, um etwas zu verändern und nicht nur als Zuschauerin daneben zu stehen. Für mich ist das wie ein Bewältigungsmechanismus für alles, was in der Welt passiert. Es gibt so viele wirklich schreckliche Dinge, mit denen ich als 15-Jährige mein ganzes Leben lang zu tun haben werde."

Olivia steht tagtäglich um 5 Uhr auf und schreibt die Nachrichten um. Ihre Freunde wussten anfangs nichts von ihrer Website und ihrem Newsletter. Olivia beschreibt sich selbst als schüchtern. Sie hatte Angst davor, wie andere darauf reagieren würden, wenn sie hören, was sie da vor der Schule machte:

"Meine Freunde fanden es schließlich heraus, als meine Eltern es an meiner Bat Mitzwa erwähnten. Sie fragten mich, was The Cramm denn sei. Und sie reagierten absolut toll, besser als ich es mir hätte vorstellen können. Sie fragten, wie sie mitmachen könnten, und sogar andere an der Schule, die ich gar nicht kannte, kamen auf mich zu und meinten, sie hätten von The Cramm gehört und seien nun Abonnenten, würden es jeden Tag lesen und es habe ihr Leben verändert, das freut mich ungemein. "

Die eigene Zukunft gestalten

Olivia Seltzer engagiert sich, indem sie Nachrichten verständlich macht, sie quasi übersetzt. Sicherlich gibt es auch mal Kritik, gerade von Älteren, die ihr sagen, sie solle sich mit ihrer Webseite nicht so wichtig nehmen. Doch die 15-Jährige und ihr Team machen einfach weiter, denn sie sagt, bislang hätten die Älteren die Probleme, die vor allem die Generation Z betreffen werden, wie den Klimawandel, nicht lösen können. Die vielen positiven Rückmeldungen hingegen, die geben ihr Hoffnung, dass ihre Altersgenossen die eigene Zukunft aktiv mitgestalten wollen. "Ich habe so viel Hoffnung, denn wenn man sich die Generation Z ansieht, anstatt alles um sich herum zu ignorieren, werden sie aktiv. Das lässt mich hoffen."

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