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Religionen / Archiv | Beitrag vom 05.07.2015

Jüdische Sport-EuropameisterschaftenPremiere in Schwarz-Rot-Gold

Alon Meyer im Gespräch mit Philipp Gessler

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Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland (2.v.links), Klaus Böger, Präsident Landessportbund Berlin, Sahrah Poewe, Olympia-Schwimmerin und Marcel Reif, EMG-Botschafter. (Imago/ Uwe Steinert)
Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland (2.v.links), Klaus Böger, Präsident Landessportbund Berlin, Sahrah Poewe, Olympia-Schwimmerin und Marcel Reif, EMG-Botschafter. (Imago/ Uwe Steinert)

Vom 27. Juli bis zum 5. August 2015 finden die 14. European Maccabi Games statt - zum ersten Mal in der Geschichte des Wettbewerbs in Deutschland. Europäische Sportler jüdischen Glaubens werden in Berlin gegeneinander antreten. Es sei jetzt an der Zeit, dass der Wettbewerb hierzulande ausgetragen wird, sagt Alon Meyer, der Präsident von Makkabi Deutschland.

Philipp Gessler: Wer sich die Geschichten von deutsch-jüdischen Spitzensportlern beiderlei Geschlechts der Zwanziger und Dreißiger Jahre anhört, dem bricht das Herz, wenn man mitbekommt, was mit ihnen in der NS-Zeit geschah. Sie wurden ausgegrenzt, verfolgt, mussten ins Exil gehen oder wurden ermordet. Viel Schuld wurde hier in Deutschland angehäuft. Umso schöner ist, dass nun wieder deutsche und europäische Sportlerinnen und Sportler jüdischen Glaubens in Berlin gegeneinander antreten werden, bei den European Maccabi Games in drei Wochen. Ich hatte die Möglichkeit, mit dem Haupt-Organisator dieses außergewöhnlichen Wettkämpfe zu sprechen, es ist Alon Meyer, der Präsident von Makkabi Deutschland. Meine erste Frage an ihn war, warum diese European Maccabi Games in Berlin eigentlich so wichtig oder von Bedeutung sind.

Alon Meyer: Die Maccabi Games generell, die Intention oder der Sinn der Makkabi-Bewegung an sich, die apropos eine rein deutsche Geschichte ist, die Makkabi-Weltspitze bzw. Weltorganisation hat sich gegründet hier in Berlin. Dass wir die Spiele jetzt in gut dreieinhalb Wochen hier in Berlin stattfinden lassen, ist nicht nur im Jahre ... 50 Jahre deutsch-israelische diplomatische Beziehungen, 70 Jahre nach Ende der Schoah, 50-jähriges Jubiläum von Makkabi Deutschland, nein, es ist auch die Rückkehr an einen Standort, der eigentlich die Gründung der Makkabi-Bewegung war, nämlich Berlin. 1921 hat sich hier die Makkabi-Bewegung gegründet. Und die Idee stammt 1898 auf dem Zweiten Zionistenkongress in Basel von Max Nordau, der die Idee hatte, dass die Juden sich physisch verbessern, um irgendwann mal das zionistische Land dann mit physischen Kräften, die dazu notwendig sind, aufzubauen, um die dann zu haben für dann eventuell ein zionistisches Land.

Gessler: Also, dieses Stichwort, den Muskeljuden sozusagen.

Meyer: Genau. Das war ja die Grundidee, um die jüdischen Sportbewegungen zu animieren, ihre Mitgliederzahlen zu erhöhen und die Juden zum Sport zu bringen, das war die Ursprungsidee. Und daraus entstanden ist dann 21 die Makkabi-Weltorganisation. Und, ich glaube, dann 1929 waren dann die ersten europäischen Spiele, wo man sich im Prinzip gesammelt hat. Die Intention war es, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Das konnte man ja nicht, da man ja keine territoriale Organisation war, sondern eine ethnische Gruppe. Und die wurden dann nicht anerkannt vom Internationalen Olympischen Komitee, so hat man seine eigenen Spiele organisiert. Erst mal in Europa, in der Tschechoslowakei – apropos, der erste Präsident von Makkabi-Weltunion, nicht nur dass es in Berlin organisiert war, war auch ein Dr. Heinrich Kuhn, auch ein deutscher Präsident, der dann nach den Europäischen Spielen die Idee hatte, auch eine Makkabia in Israel stattfinden zu lassen, 32, die auch von Berlin organisiert wurde.

Gessler: Trotzdem hat es dann relativ lange gedauert, bis die Makkabi-Spiele wieder in Deutschland sind. Das hat doch wahrscheinlich damit zu tun, dass es eben in Deutschland diese NS-Vergangenheit gibt, oder?

Meyer: In Deutschland haben noch nie European Maccabi Games stattgefunden. Dass die European Maccabi Games noch nicht in Deutschland stattgefunden haben, hat bestimmt natürlich direkt was mit dem aufkeimenden nationalsozialistischen Gedankengut hier direkt nach der Gründung der Makkabi-Weltorganisation zu tun. Danach mit dem Zweiten Weltkrieg und danach mit der Situation, dass hier Makkabi gar nicht ansässig war. Erst 1965 haben sich die ersten Ortsvereine hier ansässig gemacht, hat sich Makkabi Deutschland gegründet, einzelne Ortsvereine wie Makkabi München, Makkabi Frankfurt folgten. Und dann haben Generationen gelebt, die der Meinung waren, dass es noch zu früh für Deutschland ist, um die Spiele hier stattfinden zu lassen. Jetzt gibt es eine neue Generation im Makkabi-Deutschland-Präsidium, die eben der Meinung ist, dass es jetzt an der Zeit ist. Und warum gerade jetzt: Zum einen, weil jetzt noch sehr viele Leute leben, die die Zeit vor nur 70 Jahren mitgemacht haben. Und für viele schließt sich ein gewisser Kreis mit der Rückkehr nach Deutschland, für die Kinder der Opfer, für teilweise die Opfer selbst, die das noch selber mitkriegen dürfen und können, dass jüdisches Leben hier in Deutschland lebens- und lobenswert ist. Und wir freuen uns, dass wir die Möglichkeit haben, solch ein Zeichen in die ganze Welt zu setzen.

"Religion bei den Spielen spielt eine große Rolle"

Gessler: Welche Rolle spielt eigentlich Religion bei diesen Spielen? Theoretisch ist Religion ja das, was alle verbindet.

Meyer: Die Religion bei den Spielen spielt eine große Rolle. Und wir wollen die Religion in keiner Weise verheimlichen. Hier steht die Religion auch während der Spiele ganz, ganz vorne, ganz im Gegensatz, wir wollen die Religion hier nutzen, um Werbung für ein neues deutsch-jüdisches Selbstverständnis zu setzen. Insofern freuen wir uns.

Gessler: Spielt das auch ganz konkret eine Rolle, gibt es zum Beispiel einen Rabbiner, der vielleicht einen Segen gibt am Anfang der Spiele oder Ähnliches?

Meyer: Ja, ja, natürlich, genau das wird es geben. Allem voran wird es ein Jiskor-Gebet geben. Ein Eskor, das ist an die gefallenen Menschen, derer man sich erinnert mit diesem Jiskor-Gebet. Jiskor, das bedeutet: erinnere. Und es gibt natürlich sehr viele andere Gegebenheiten, Events, Educational Program, die sich mit der Vergangenheit auch in Deutschland beschäftigen und Erinnerung zulassen und Erinnerung wünschen. Wir haben generell bei der Organisation der Spiele immer versucht, am Anfang, wenn möglich bis zur Eröffnungsfeier, die Vergangenheit, die Geschichte Deutschlands aufzuarbeiten und darzulegen. Und mit ihr zu arbeiten, sie nicht irgendwie zu vertuschen, zu vernachlässigen, zu verdrängen. Aber mit der Eröffnungsfeier eigentlich Deutschland in der Gegenwart und in der Zukunft zu zeigen und nach vorne zu schauen und nicht in der Vergangenheit zu leben. Das ist wichtig. Denn wir deutschen Juden leben hier in der heutigen Zeit, jetzt, und nicht so, wie Deutschland vielleicht noch in manchen Köpfen von vor 50, 60, 70 oder 80 Jahren ist.

Gessler: Wie ist das eigentlich, ich weiß nicht, ob es das geben wird, wenn es einen Fahneneinzug geben wird, wenn die deutsche Mannschaft mit der deutschen Flagge kommt. Ist es immer noch ein bisschen ein irritierender Moment oder ist es im Grunde schon so akzeptiert, hier kommt die deutsche Mannschaft?

Meyer: Ja, diesen Wandel haben wir festgestellt eigentlich seit 2006, seitdem die Weltmeisterschaft in Deutschland stattgefunden hat. Da haben wir irgendwas gespürt, da liegt was in der Luft, da ist ein Wechsel vorhanden in dieser Generation. Und ich war vor vier Jahren Vizepräsident für Sport und durfte die European Maccabi Games, die ersten European Maccabi Games auf deutschsprachigem Boden, nämlich in Wien organisieren. Das Erste, was wir dort hatten, ungefähr anderthalb Jahre vor den Spielen, dass wir die Trainer und Obleute – und es waren knapp 40 – gefragt haben: Wie wollt ihr denn in Wien auflaufen? Wieder mit Blau-Weiß, weil wir uns für unsere Nationalfarben doch ein wenig schämen? Oder sind wir nicht mittlerweile dort angekommen, dass wir sagen, wir laufen mit Schwarz-Rot-Gold auf, wir wollen zeigen, dass wir aus Deutschland kommen, weil wir darauf stolz sind, und das wollen wir auch nach außen tragen? Und es war eine überwältigende Mehrheit für eben Schwarz-Rot-Gold. So sind wir in Wien das erste Mal mit Schwarz-Rot-Gold aufgelaufen. Wir haben auch gejubelt, wir haben die deutsche Nationalhymne mitgesungen und wir haben deutsche Lieder zum Stimmung-Machen angesungen. Da gab es einen sensationellen Wandel. Und den werden wir jetzt hier in der Vollendung weiterspinnen und da haben wir uns schon was Schönes überlegt für den Einzug der deutschen Delegation. Das sage ich nur, gut zuschauen, da kommt was Besonderes!

Gessler: Aber verraten werden Sie es nicht!

Meyer: Nein, wir wollen ja die Spannung noch ein wenig aufrechterhalten!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:

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