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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 27.09.2019

Jüdische SpeisegesetzeWie die Cola koscher wurde

Von Arndt Peltner

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Verschiedene Flaschen, u.a. von Coca-Cola, stehen in einem Regal zum Verkauf. ( Unsplash/ NeONBRAND)
Coca-Cola produziert koscher. ( Unsplash/ NeONBRAND)

Cola mag nicht besonders gesund sein, aber koscher ist sie. Alle Inhaltsstoffe entsprechen den jüdischen Regeln. Das handelte ein Rabbiner in den 1930er-Jahren langwierig mit dem Konzern aus.

1886 mischte der Apotheker John Stith Pemberton ein Getränk zusammen, das wohl eines der bekanntesten der Welt geworden ist: Coca-Cola. Pemberton wollte eigentlich einen Sirup gegen Kopfschmerzen kreieren. Schon kurz darauf verkaufte er sein Patent an einen anderen Apotheker, Asa Griggs Candler, für 2300 Dollar. Candler erkannte das Potenzial in diesem Brausegetränk und gründete schon 1892 die "Coca-Cola Company". Cola wurde zum Welterfolg.

Coca-Cola – die Weltmarke, gerade auch, weil Coke wie kaum ein anderes amerikanisches Produkt für den "American Way of Life" stand. Und das hatte Folgen, auch für die vielen Immigrantenfamilien, die in die USA kamen. Man wollte die eigene Kultur bewahren, doch merkte, dass die Kinder und Kindeskinder sich dem Leben in der neuen Heimat anpassten. Michael Feldberg, der langjährige Direktor der "American Jewish Historical Society" hat das in der eigenen Familie erfahren.

Kinder der Einwanderer wollten wie Amerikaner essen 

"Es gab große Unterschiede zwischen den Generationen. Orthodoxe Juden, gerade aus Osteuropa, wie meine Großeltern zum Beispiel, wollten sich nicht assimilieren. Meine Großeltern lernten noch nicht einmal Englisch, ihre Kinder allerdings schon. Und ihr Enkel machte seinen Doktor in Amerikanischer Geschichte. Amerikanisches Essen wirkt auf die erste Generation wie ein Magnet. Die Kinder der Immigranten, wie meine Eltern, wollten einfach wie Amerikaner essen."

Und damit entstand die Frage: Ist das, was die Kinder essen und trinken wollen, auch koscher? Mit der verstärkten Einwanderung von orthodoxen Juden besonders aus dem osteuropäischen Raum, wurde diese Frage immer dringlicher. Der orthodoxe Rabbi Tobias Geffen stand von 1910 bis zu seinem Tod 1970 der Shearith Israel Gemeinde in Atlanta vor.

Coca-Cola zeigt Vertrauen

In Atlanta ist auch der Firmensitz von Coca-Cola. Geffen erreichten in den 1930er-Jahren zahlreiche Anfragen aus dem ganzen Land, ob er wisse, ob Coca-Cola koscher sei und wenn nicht, ob er beim Unternehmen vorstellig werden könne. Geffen, ganz unbedarft, kontaktierte Coca-Cola und fragte an, ob er die Inhaltsstoffe von Coke einsehen dürfe. Er wusste nicht, dass das Rezept für die Cola ein streng gehütetes Firmengeheimnis war und bis heute ist. Doch der Konzern reagierte auf das Schreiben des Geistlichen.

Historiker Michael Feldberg: "Das genaue Rezept gaben sie ihm nicht, aber eine Liste der Inhaltsstoffe, ohne eine Angabe der Mengen, der Mischung oder wie das ganze hergestellt wird. Er hatte also nicht das Rezept vorliegen. Und er musste auf sein Leben schwören, niemandem davon zu erzählen. Da hat das Unternehmen Vertrauen gezeigt."

Glycerin geht gar nicht

Der Rabbi konnte erkennen, dass ein Inhaltsstoff Glycerin war, hergestellt aus Rindertalg aus unkoscher geschlachteten Tieren. Daraufhin kontaktierte er Coca-Cola und machte deutlich, dass er die Brause so als nicht koscher einordnen könne. Zwar beriefen sich die Chemiker darauf, dass das Fett nur ein Tausendstel des Getränkes ausmache. Doch auch dieses Argument ließ der jüdische Rechtsgelehrte nicht gelten: Auch ein Tausendstel einer unkoscheren Substanz sei verboten, wenn man die Substanz mit Absicht und nicht aus Versehen zuführe. Die Firma reagierte. Die Mitarbeiter fanden in Baumwollsamen und Kokosöl einen Ersatzstoff für das Ochsenfett.

Doch damit nicht genug. Geffen kritisierte auch, dass in dem Cola-Rezept Getreidekörner verwendet werden. Das sei jedoch "chametz", also verboten an den acht Tages des Pessachfestes. Beim Pessachfest im Frühjahr sollen Juden auf die meisten Getreideprodukte verzichten. Auch daran machten sich die Chemiker des Getränkeunternehmens und fanden als Ersatzstoff Rübenzucker. Die Firmenleitung versprach zum Pessachfest fortan Rübenzucker zu verwenden und dies auf den Flaschen erkenntlich zu machen.

Gelber Verschluss zum Pessachfest

In den Dreißiger Jahren lebten rund drei bis vier Millionen Juden in den USA. Gerade in den Ballungsräumen New York, Boston, Philadelphia, Chicago. Und obwohl es zu dieser Zeit antisemitische Tendenzen in den USA gab, reagierte das Unternehmen auf die Anfrage des orthodoxen Rabbis. Denn die jüdischen Gemeinden waren ein großer Markt. Den wollte sich das Unternehmen nicht entgehen lassen, sagt Historiker Feldberg. "Danach schaltete das Unternehmen in der jiddischen Presse im ganzen Land Anzeigen. Auf Jiddisch, nicht auf Englisch. Und auch auf den jiddischen Radiostationen in den Großstädten wurde für koschere Coke geworben."

Zum Pessach-Fest gibt es seitdem besondere Coke-Flaschen mit einem gelben Verschluss. Rabbi Tobias Geffen hat mit seiner Nachfrage auch Coca-Cola für immer verändert. Michael Feldberg: "Haben Sie es schon mal bemerkt? Wenn man heute eine Coca-Cola Dose kauft, und sie sich genau ansieht, dann findet man irgendwo den Buchstaben 'K' in einem Kreis. Ganz klein, doch das bedeutet zertifiziert koscher."

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