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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 27.03.2020

Jüdische Gemeinden Synagogen trotzen dem Virus

Von Jens Rosbach

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Eine Frau geht an der Münchner Ohel-Jakob-Synagoge in der Innenstadt vorbei.  (picture-alliance/dpa/Peter Kneffe)
Auch die Synagogen bleiben, wie hier in München, für Gläubige geschlossen und weichen auf das Internet aus. (picture-alliance/dpa/Peter Kneffe)

Das öffentliche Leben ist fast zum Erliegen gekommen, auch das jüdische. Doch es gibt Online-Gottesdienste, Online-Kongresse und Sprechstunden am Telefon. Da die jüdische Gemeinschaft klein ist, kann sie flexibel reagieren.

"Liebe Gemeindemitglieder! Zuerst eine persönliche Note: Ich vermisse Sie! Ich vermisse Sie alle!", heisst es in der Synagogen-Gemeinde Köln. Rabbiner Yechiel Brukner steht in einem leeren Gotteshaus - wegen der Coronapandemie ist kein Gemeindemitglied dabei. Der Seelsorger überträgt jedoch das traditionelle Schabbat-, also Freitagabend-Gebet per Youtube. "Dank der modernen Medien können wir zumindest virtuell zusammen beten, lernen und uns gegenseitig erfreuen!"

In der Synagoge Berlin-Pestalozzistraße stellt der liberale Rabbiner Jonah Sievers seinen Gottesdienst ebenfalls online – auf Facebook. Bei der Aufzeichnung sind lediglich zwei Frauen anwesend, die mit Sicherheitsabstand einen Ersatz-Chor bilden.

Flexibilität in den Gemeinden 

In der Synagoge Leipzig organisiert der orthodoxe Rabbiner Zsolt Balla einen Gottesdienst über die Videokonferenz-Plattform "Zoom". Der Seelsorger bittet dabei Gott, "die Hände der Ärzte zu stärken".

Bundesweit gibt es derzeit virtuelle Synagogen. Seitdem Bund und Länder ein Gottesdienst-Verbot empfohlen haben und anschließend weitere Kontaktverbote aussprachen, betet die jüdische Gemeinschaft am Schabbat nur noch per Smartphone, Tablet und Computer.

"Ich finde das ganz entscheidend: Es gibt auch das Prinzip Pikuach Nefesch, also das Leben retten oder einfach auch nur Kranke versorgen, geht vor und steht über allen anderen religiösen Geboten", sagt Rabbinerin Gesa Ederberg. "Es ist schade, wenn wir nicht gemeinsam Gottesdienst machen können, aber da das der Weg ist, Leben zu retten, ist das völlig klar, dass man sich dann auch daran hält".

"Krise nicht gottgewollt"

Ederberg ist konservative Rabbinerin in Berlin-Mitte, in der bekannten Synagoge Oranienburger Straße. Die Theologin versucht, ebenfalls online, den Betenden zu Hause Mut zuzusprechen, etwa mit tröstenden Psalmen aus der hebräischen Bibel. Mitunter muss sie auch etwas geraderücken, zum Beispiel die Auffassung, die Corona-Krise sei von Gott gemacht. "Wenn wir in die biblische Geschichte schauen und gerade auch in die biblischen Texte sehen, dann ist ja häufig die Rede von Plage oder Seuche, die über die Menschheit herbricht", sagt Ederberg. "Dazu gab es natürlich auch im Mittelalter theologische Antworten, den Versuch, das als Strafe Gottes zu erklären. Aber natürlich zu einer modernen Theologie und zu aufgeklärten Menschen passt sowas nicht mehr, da gucken wir dann doch eher auf medizinische und naturwissenschaftliche Antworten."

Einige eher liberale Gemeinden streamen am Freitagabend ihren kompletten Schabbatgottesdienst. Doch die Ederberg geht nur mit dem ersten Teil ihrer Liturgie ins Internet, bevor der eigentliche Schabbat beginnt. So verstößt sie nicht gegen das Arbeitsverbot am religiösen Ruhetag. Denn für traditionell orientierte Rabbinerinnen und Rabbiner ist auch die Benutzung von Computern eine Form der Arbeit.

Nur bis zum Kerzensegen online

Ederberg sagt: "Da schicke ich vorher ein PDF unseres Gebetbuches rum, die meisten Leute haben auch ein Gebetbuch zu Hause." Da sei die Ermutigung eben, wenn alle dann den Computer ausgeschaltet und die Schabbatkerzen angezündet hätten, dass jeder für sich alleine zu Hause sein Gebet spreche. 

Um einen vollständigen Gottesdienst abzuhalten, müssen bei orthodoxen Juden mindestens zehn männliche Beter anwesend sein, bei liberalen Juden können es auch weibliche sein. Nur wenn dieses sogenannte Minjan-Quorum erreicht ist, dürfen zentrale Gebete gesprochen werden. Um nicht gegen dieses Gebot zu verstoßen, verzichten viele Rabbiner bei ihren einsamen Online-Gottesdiensten etwa auf das Kaddisch, ein Lob Gottes, das auch Trauernde sprechen sollen. Denn nunmehr gibt es vor Ort physisch keinen Minjan mehr.

Dazu Nina Peretz: "Und jetzt gibt es ganz viele Diskussionen darüber, ob ein digitaler Minjan auch funktioniert. Und wahrscheinlich wird sich auch das jüdische Gesetz einfach durch die aktuelle Situation verändern. Weil man es ja anpassen muss."

Nicht mehr festgelegt auf Stadtgrenzen

Peretz engagiert sich in Berlin-Kreuzberg in der Synagoge Fraenkelufer. Ihre Beterschaft, die viele junge Familien und englischsprachige Zuwanderer hat, ist technikaffin. Und viele von ihnen fragen sich nun, ob man die Regeln für das jüdische Totengebet nicht auch virtuell erfüllen kann. "Jemand, der trauert, muss das Kaddischgebet sagen", sagt Peretz. "Theoretisch kann die Person das jetzt nicht sagen, weil man darf gar nicht zu zehnt zusammenkommen. Also das sind Diskussionen, die wirklich grundlegende Veränderungen mit sich bringen und die sich auf ganz viele Bereiche auswirken."

Die Synagogenaktivistin beobachtet, dass sich immer mehr Bibel-, Hebräisch- und selbst jüdische Kindergruppen online bilden, ganz spontan."So traurig es ist, dass man sich nicht direkt begegnet, so liegt auch eine riesige Chance darin. Gerade weil die Dinge, die wir anbieten, online und digital, die können jetzt viel mehr Menschen besuchen. Also man ist jetzt nicht mehr so auf die Stadtgrenzen festgelegt. Niemand muss mehr reisen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir da auch lernen und einen Mehrwert haben davon."

"Okay, so it’s ten a clock, so we can get started. Hi everybody!", heisst es vergangenen Sonntag auf der Video-Konferenzplattform "Zoom". Rabbiner Jeremy Borovitz, ein Kreuzberger mit schwarzem Vollbart, Brille und großen Kopfhörern, eröffnet das jüdische Lernfestival Limmud. Eigentlich sollte das Event in einem Berliner Coworking Space stattfinden, wurde dann aber wegen Corona in die Digitalwelt verlegt. 

Pessach-Fest in Zeiten von Corona

Frauke, eine Berliner IT-Expertin, freut vor dem Bildschirm über bekannte Gesichter aus Freiburg, Stuttgart, Hannover und Köln. Selbst aus Polen ist jemand dabei: Lena, die - das Smartphone vor der Nase - mit ihrem Hund Gassi geht und mit ihrem Hund durch die leeren Straßen von Krakau schlendert.

Thema des Lernfestes ist Pessach - das wichtige jüdische Fest, das dem Auszug der Israeliten aus Ägypten gewidmet ist. Die achttägige Feier beginnt dieses Jahr am 8. April . Aber wie kann man in Corona-Zeiten das traditionelle, ungesäuerte Mazze-Brot dafür bekommen? Und: Beim Seder-Abend, bei der häuslichen Feier zum Pessachbeginn, ist es eigentlich üblich, dass ein Kind ganz spezielle, zeremonielle Fragen stellt zur Bedeutung des Tages. Doch wer Single ist, darf nun wegen der Viruspandemie keine befreundete Familie mehr aufsuchen.

Gemeinde- und Limmud-Aktivistin Peretz empfiehlt Flexibilität bei den vorgeschriebenen Pessachfragen: "Wahrscheinlich wer ganz alleine feiert, muss sich selbst befragen. Wer das gerne möchte, hat auch die Möglichkeit, sich mit anderen zusammenzufinden über digitale Plattformen. Also man kann ja auch ein Handy oder ein Laptop neben das Essen stellen und mit Freunden und das feiern. Also die, die streng Schabbat halten und Feiertag halten, würden das nicht machen wegen Nutzung von digitalen Tools an Feiertagen. Aber für andere kann das eine gute Option sein, sich zusammenzuschalten mit Freunden, Bekannten, Familienmitgliedern."

Beratungshotlines für Juden ohne Internet

Seit dem Corona-Ausbruch organisiert die jüdische Community auch viel praktische Lebenshilfe. So hat die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) in Deutschland neue Beratungs-Hotlines eingerichtet, vor allem für ältere Juden ohne Internet. Und für alle mit Onlinezugang wurde die bundesweite Facebookgruppe "Chawerim" – übersetzt "Freunde" ins Leben gerufen.

Günter Jek, der Leiter des Berliner ZWST-Büros, beschreibt das Online-Projekt. "Man kann Mitglied dieser Gruppe werden und einen Bedarf oder Angebot offen in diese Gruppe stellen, beispielweise: Wer kann einem älteren Ehepaar im Frankfurter Westend beim Einkauf helfen? Und es gibt jemanden aus Frankfurt, der das liest und schreibt: Kann ich erledigen! Daraufhin wird der Moderator der Gruppe, der bei uns sitzt, Anbietenden und Nachfragenden miteinander verbinden."

Online-Gottesdienste, Facebook-Unterstützergruppen, Telefonhotlines – die jüdische Community reagiert schnell und kreativ auf die Viruspandemie. Gleichzeitig sorgen sich viele Aktivisten, wie es weitergeht, sollten Synagogen und Gemeindezentren monatelang geschlossen bleiben.

Die Rabbiner, wie Jehoschua Ahrens aus Düsseldorf, vertrauen ganz auf die religiöse Gemeinschaft: "Die Gemeinschaft, die Solidarität, die gegenseitige Hilfe, das sind ganz ganz wichtige Werte, die wir haben – die ja auch das Judentum schon immer gelehrt hat. Und gerade in einer Krisensituation zeigt sich eben, ob wir da in der Lage sind, das auch so umzusetzen. Wenn wir das schaffen, wirklich zusammenzuhalten, gemeinsam die Krise zu überstehen – und wir werden die Krise überstehen – dann können wir auch gestärkt aus dieser Krise gehen."

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