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Religionen / Archiv | Beitrag vom 08.02.2014

JudentumReligion, Kultur oder Abstammung?

Wie die Frage nach der jüdischen Identität die Juden spaltet

Von Sigrid Brinkmann und Ruth Kinet

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Wer ist Jude? Darüber herrscht keine Einigkeit.  (dpa/picture alliance/Debbie Hill )
Wer ist Jude? Darüber herrscht keine Einigkeit. (dpa/picture alliance/Debbie Hill )

Wer gehört dazu, wer nicht? Alle Religionen müssen diese Frage für sich beantworten. Die anspruchsvollsten Regeln hat das Judentum, trotzdem herrscht keine Einigkeit, wer Jude ist.

Berlin Eichkamp. An der jüdischen Grundschule Heinz Galinski feiern die sechsten Klassen Chanukka. Die Eltern der Schüler sind gekommen, die Kinder tragen weiße Hemden und Blusen, die Jungen eine Kippa. Heute zünden sie die sechste der acht Chanukka-Kerzen an. Im Chor sprechen die Schüler den Segen – auf Hebräisch.  

"Jüdische Identität ist nicht nur Party, Party, sondern man muss die Thora kennen und wesentliche Ereignisse, die diesem Volk die Ursprungsform gegeben haben – und später, wie das geändert wurde und warum."

Noga Hartmann leitet die Heinz-Galinski-Schule seit fünf Jahren. Sie unterrichtet Judentum und Hebräisch. Sie ist in Holon aufgewachsen, einer Industrievorstadt von Tel Aviv. Sie ist promovierte Islamwissenschaftlerin und außerdem Vorbeterin an der Synagogengemeinde Sukkat Shalom, die der Weltunion für Progressives Judentum angehört.

 "Wir bringen ihnen das Theoretische bei und das Praktische, und der Klebestoff dazwischen ist das Emotionale, das Herz. Solidarität, Zusammenhalt, das Leben als ein Kreis und wir als ein Teil dieser Gesellschaft, der Welt. Wir sind erst einmal ein Teil der Familie, der Schule, der Gemeinde, der Stadt, der Welt."

Blutsbande und Bekenntnis

Die Vielfalt der Identitäten an der Berliner Heinz-Galinski-Schule ist groß. Zwar haben alle Schüler einen Bezug zum Judentum, aber nicht alle sind jüdisch im Sinne der Halacha, des jüdischen Religionsgesetzes. Manche haben einen jüdischen Großvater, andere haben Eltern, die in der früheren Sowjetunion als Juden galten, aber im Sinne der Halacha keine Juden waren, weil deren Mütter nicht jüdisch waren. Wer seine Kinder an eine jüdische Schule in Berlin schickt, der wünscht sich jedenfalls, dass deren jüdische Identität gestärkt wird. Aber was macht die jüdische Identität aus?

Wenn man von der Halacha ausgeht, dann gibt es auf die Frage, wer ein Jude ist, eine klare Antwort, sagt Jonah Sievers. Er ist Landesrabbiner in Niedersachsen und Gemeinderabbiner in Braunschweig.

"Die Definition, was Deutschland anbelangt, ist für die Orthodoxie und das liberale Judentum identisch, nämlich die klassische Position: Nämlich, dass Jude diejenige Person ist, die a) entweder von einer jüdischen Mutter geboren oder  b) rechtmäßig übergetreten ist."

Diese halachische Definition öffnet den Horizont der jüdischen Identität in zwei unterschiedliche Richtungen: die ethnische, über die Blutsbande sich definierende Zugehörigkeit zum jüdischen Volk einerseits und die sich über das Bekenntnis definierende Zugehörigkeit andererseits. Diese beiden halachisch begründeten Traditionsstränge finden sich in der religiösen Gerichtsbarkeit in Israel allerdings nicht gleichberechtigt wieder. Das orthodoxe Rabbinat betont vielmehr die ethnische Definition der Zugehörigkeit zum Volk Israel.

"Biologistische Definition greift viel zu kurz"

Das Reformjudentum dagegen hat einen weiteren Begriff von Zugehörigkeit zum jüdischen Volk. Wie der niedersächsische Rabbiner Jonah Sievers zum Beispiel.

"Man kann ja zum Judentum konvertieren. Man kann ja Teil des Volkes werden, also kann man naturalisiert werden, also greift eine rein biologistische Definition natürlich viel zu kurz. Ein Volk kann an die gleichen Dinge glauben, die gleichen Schriften, den gleichen Narrativ haben. Und da kann man auch dazu kommen von außen. Diese Definition von Volk, die gefällt mir sehr gut, weil sie in überhaupt keinem Widerspruch steht, dass wir auch Staatsbürger und Bürger, Deutsche, Franzosen, Russen, Ukrainer oder Amerikaner sind."

In Israel allerdings beherrscht das orthodoxe Rabbinat die Szene. Im Jahr 1953, fünf Jahre nach der Gründung des Staates Israel, setzte die Knesset das orthodoxe Oberrabbinat als für die in Israel lebenden Juden zuständige religiöse Instanz ein. Dem orthodoxen Rabbinat obliegen seitdem Eheschließungen, Scheidungen und Erbfragen, denn in Israel gilt immer noch das sogenannte Millet-System, das auf die Zeit der osmanischen Herrschaft zurückgeht und das den religiösen Gerichtsbarkeiten die Regelung sämtlicher Familienstandsfragen unterstellt.

Israel: "Neue Inquisition" des orthodoxen Rabbinats

Ein ziviles Standesamt gibt es in Israel bis heute nicht. Säkulare, konservative und Reform-orientierte Juden haben keine Wahl. Sie können nur vor dem orthodoxen Rabbinat heiraten. Wer das nicht will und es sich finanziell leisten kann, geht zum Heiraten ins Ausland und lässt seine Eheschließung nachträglich vom Innenministerium anerkennen. Auf diese Weise lösen jedes Jahr etwa 20 Prozent der heiratswilligen Israelis ihre Probleme mit dem orthodoxen Rabbinat.

Diese Praxis wird in Israel mit wachsendem Nachdruck kritisiert. Im November 2013 publizierte die israelische Tageszeitung Haaretz in ihrem Wochenendmagazin eine ausführliche Reportage von Naomi Darom über die "Neue Inquisition" des orthodoxen Rabbinats. Darom schildert darin haarsträubende Fälle von jüdischen Israelis, die in Israel heiraten wollen und sich dafür in vielen Fällen einer demütigenden Prozedur unterziehen müssen, bei der ein orthodoxer Rabbiner ihre jüdische Abstammung misstrauisch durchleuchtet.  Viele junge Israelis haben davon die Nase voll. Sie wollen selbst ihre Identität definieren:

"Ich bin Ofir Krengel, ich bin aus Israel. Ich bin in Ramat Ha Shofet geboren, in der Nähe von Haifa, meine Mutter ist in Holland geboren, mein Vater kommt aus Uruguay."

Konversionskurs mit Abschlusstest

Ofirs Mutter kam als Volontärin nach Israel. Aus einem protestantischen Elternhaus. Sie hat es versucht mit einer Konversion, aber als ihr klar wurde, dass sie am Ende eine Prüfung würde bestehen müssen, um als Jüdin anerkannt zu werden, da hatte sie kein Interesse mehr daran. Sie brach den Konversionskurs ab und blieb Protestantin. Deshalb sind ihre vier Kinder, deshalb ist Ofir, der Halacha nach kein Jude, obwohl sein Vater Jude ist.

"Als ich dann verstand, dass ich kein Jude bin, war das für mich kein Drama. Eher eine Art Witz. Denn im Christentum richtet sich die Religion nach dem Vater und im Judentum nach der Mutter. Und als Sohn eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter habe ich dann keine Religion."

Immer wieder gab es Momente in Ofirs Leben, in denen es einfacher gewesen wäre, Jude zu sein als ein jüdisch sozialisierter Israeli ohne offizielle Religionszugehörigkeit. Bei der Armee zum Beispiel, wo er es mit einem Konversionskurs versuchte. Oder während eines Auslandsjahrs in Australien, wo er sich oft einsam fühlte und bei der chassidischen Chabad Lubawitscher Bewegung freitagabends beim Shabbat-Essen familiäre Wärme suchte.

Religion bei Mehrheit der Israelis in Verruf

Aber Ofir wollte nicht aus einer Identitätskrise heraus in den Schoß der Religion oder, wie man auf Hebräisch sagt, in die "Antwort" flüchten:

"Im Judentum gibt es viele sehr primitive Dinge, bei der Trauung und bei der Beschneidung zum Beispiel. Es gibt viele Dinge, die heute einfach nicht mehr passen. Beim Thema der gleichgeschlechtlichen Eheschließung zum Beispiel, die im Judentum nicht erlaubt ist. Wir brauchen eine Trennung zwischen der Religion und dem Staat."

Das Herrschaftsmonopol der Orthodoxen im Land hat bei der säkularen Mehrheit der jüdischen Israelis die Religion insgesamt in Verruf gebracht, findet zum Beispiel der israelische Schriftsteller Assaf Gavron:

"Ich glaube, dass die Religiösen in Israel einen einigermaßen großen Schaden angerichtet haben, was das jüdische Selbstverständnis angeht. Sie haben dazu beigetragen, dass wir uns von den schönen Aspekten der Religion entfernen, von der Gemeinschaft. Über die schönen Dinge schreibe ich auch in meinem neuen Roman 'Auf fremdem Land'. Ich glaube, dass die Religiösen an der Entfremdung vieler Israelis vom Judentum schuld sind. Denn sie drücken uns die Religion als etwas auf, das unseren Alltag bestimmen soll, beim Heiraten, am Shabbat und bei der Umstellung der Uhr im Sommer und im Winter. Ich fühle mich nicht als Jude wegen der Religion, höchstens durch die Kultur, durch Bücher von Philip Roth und Filme von Woody Allen."

Religionsfeste nur noch Brauchtum

Das Lernen der Traditionen zu den jüdischen Festen wie Rosh Hashanah, Yom Kippur, Sukkot, Purim, Pessach und Chanukka in Kindergärten und Schulen in Israel hat für Assaf Gavron wenig mit Religion zu tun. Eher mit Brauchtum, das in einer säkularen Gesellschaft eine nationale Identität begründet. Das Gebet in der Synagoge und das Studium der heiligen Texte zieht Gavron nicht an:

 "Mir scheint das so fremd, in einem alten Buch zu lesen, das aus diesen merkwürdig gesetzten Buchstaben besteht und in einer Sprache verfasst ist, die ich nicht verstehe und in der es um eine Macht geht, an deren Existenz ich nicht glaube. Bei allen Problemen, die die israelische Staatsangehörigkeit mit sich bringt, sind wir doch mit der Gründung des Staates Israel von dem Druck befreit worden, uns mit der Religion auseinandersetzen zu müssen."

Der Schriftsteller Amos Oz und seine Tochter Fania Oz-Salzberger gehen noch einige Schritte weiter. In ihrem Buch "Juden und Worte", das im Herbst 2013 auf Deutsch erschien, fordern sie die Freigabe der Definitionshoheit über das jüdische Selbstverständnis und damit die Entmachtung des orthodoxen Rabbinats als Hüter des Judentums:

"Wer sich entscheidet, Jude zu sein, ist Jude"

"Viele Ultraorthodoxe und ihre Rabbiner leben in einer abgeschlossenen Welt, in der es keinen Platz gibt für Veränderung, für Evolution, für die Frauen. Das erleben wir hier in Israel sehr stark. Wir schreiben, dass Leute wie wir, säkulare, hebräisch sprechende und lesende Israelis nicht weniger jüdisch sind als die streng orthodox lebenden Charedim. Obwohl die Charedim glauben, dass sie viel jüdischer sind als wir. In unserem Buch sagen wir, dass, wer sich entscheidet, Jude zu sein – was eine etwas verrückte Entscheidung ist – Jude ist. Und wir sagen, dass das, was die jüdische Familie ausmacht nicht die Biologie, nicht die Blutsbande sind, sondern die Verbindung durch die Texte."

Amos Oz und Fania Oz-Salzberger, der Schriftsteller und die Historikerin, haben ihr Buch als Rahmenessay für die zehnbändige Anthologie der Jüdischen Kultur und Zivilisation verfasst, die von der Schweizer Posen Foundation herausgegeben wird. Die Posen Library trägt Quellen zur jüdischen Geschichte zusammen und formuliert Grundzüge einer säkularen jüdischen Identität. Eben diese zu begründen sind Amos Oz und Fania Oz-Salzberger angetreten:

"Unser Buch wendet sich auch gegen die extrem linke Position, wonach es nie ein jüdisches Volk gegeben hat. Die behauptet, dass das Judentum immer nur eine Religion war und der Zionismus deshalb nicht gerechtfertigt ist. Dass es nicht um ein Volk geht, das einen Staat braucht, sondern um eine Religion, die versucht hat, eine nationale Identität zu erfinden. Wir sagen, dass das Volk Israel immer ein Volk war und dass es immer eine nationale Identität hatte und dass deshalb Israel mit Recht das Land des jüdischen Volkes ist. Natürlich auch Staat der Palästinenser. Aber wir fordern eine politische Positionierung Israels als liberaler, moderner, säkularer und friedensorientierter Staat. Wir sind Angehörige des jüdischen Volkes, nicht der jüdischen Religion."

Attacken auf das zionistische Selbstverständnis Israels

Shlomo Sand lehrt seit mehreren Jahrzehnten Geschichte an der Universität von Tel Aviv. Seine Studien "Die Erfindung des jüdischen Volkes" und "Die Erfindung des Landes Israel" standen monatelang auf israelischen Bestsellerlisten und lösten heftige Proteste aus. Sand attackiert das zionistische Selbstverständnis des Staates Israel und die Weise, wie die Vergangenheit "zurecht geknetet" werde.

Gerade hat Shlomo Sand einen neuen Essay vorgelegt, der zuerst in Frankreich, dann in Israel, Russland und Deutschland herauskam: "Warum ich aufhöre, Jude zu sein."

"Der Staat Israel definiert mich nicht als Juden, weil ich eine jüdische Sprache spreche, jüdische Lieder singe, jüdische Speisen esse, jüdische Bücher schreibe oder irgendeiner anderweitigen jüdischen Aktivität nachgehe.  Ich gelte nach Ansicht des Staates als Jude, weil er meinen Stammbaum durchstöbert und sich vergewissert hat, dass meine Mutter jüdisch ist, weil meine Großmutter es auch war, was wiederum meiner Urgroßmutter zu verdanken ist, und so weiter bis ans Ende der Ahnenreihe."

Shlomo Sand kappt die genealogische Linie. Er lehnt das Verständnis der Juden als Ethnie und "unvergängliches Rassevolk", wie er es nennt, strikt ab. Die biologisch und religiös begründete Identitätspolitik in Israel führt für ihn zwangsläufig zu Diskriminierung und Rassismus.

"Jude in Israel sein, das heißt vor allem, Privilegien zu besitzen"

"Mein ganzes Leben lang habe ich mich als Jude definiert wegen der Geschichte, der Vergangenheit. Ich habe immer gesagt, ich bleibe Jude, solange noch irgendwo auf diesem Planeten ein Antisemit lebt. Die Kämpfe gegen den Antisemitismus: Die waren gestern nötig.  In Anbetracht der Identitätszuschreibungen der israelischen Politik kommt mir diese Haltung seit geraumer Zeit immer unsinniger vor. Sie hat nichts zu tun mit der Wirklichkeit, wie ich sie erfahre, denn Jude in Israel sein, das heißt vor allem, Privilegien zu besitzen. Das ist einfach so."

Weil der von einer nichtjüdischen Mutter geborene Enkel des Schriftstellers Yoram Kaniuk als Israeli "ohne Religion" registriert wurde, verlangte Yoram Kaniuk vom Innenministerium, dass man seinen Status ebenfalls ändere. Die Behörde lehnte dies ab. Großvater Kaniuk nahm einen Anwalt und zog vor Gericht. Dieses beschied, er habe dasselbe Recht wie sein Enkel. Im Oktober 2011 wurde die Änderung im Ausweis vorgenommen. Yoram Kaniuk war nun seinen Papieren nach ebenfalls, wie sein Enkel, "ohne Religion". Der BBC sagte er damals:

Der erste nicht-religiöse Israeli jüdischer Herkunft

"Ich glaube, mein Fall wird eine bahnbrechende Wirkung haben, denn die Leute warten darauf, dass die jüdische Religion und das jüdische Volk als zweierlei angesehen werden. Die religiösen Juden sind zu einer Geißel geworden. Sie zerstören das Judentum. Wenn in einem Land Religion und Staat nicht getrennt sind, dann wird es Zustände geben wie im Iran. Wir müssen dahin kommen, dass Religiöse ihre Religion leben und Nichtgläubige areligiös bleiben können. Eine Nation braucht das."

Yoram Kaniuk erlaubte das Gericht zu sein, was bis dahin in Israel offiziell nie jemand gewesen ist: ein nicht-religiöser Israeli jüdischer Herkunft.  Auf die Argumentation von Yoram Kaniuk stützen sich jetzt einige homosexuelle Eltern. Sie versuchen, beim Obersten Gerichtshof ihr Recht einzuklagen, beim Innenministerium nicht mehr als Juden, sondern als Religionslose geführt zu werden. Da ihre Kinder von nicht-jüdischen Leihmüttern ausgetragen wurden, werden sie nach dem jüdischen Religionsgesetz nicht als Juden anerkannt. Und ihre homosexuellen Eltern wollen unter keinen Umständen, dass es bei der Religionszugehörigkeit einen Unterschied zwischen ihnen und ihren Kindern gibt. Wenn also ihre Kinder nicht als Juden anerkannt werden, dann wollen sie selbst auch nicht länger Juden sein.

Eine Liga für die Trennung von Staat und Religion

Und dann gibt es noch Uzzi Ornan. Der inzwischen 90 Jahre alte emeritierte Linguistik-Professor und Buchautor rief nur wenige Jahre nach der Staatsgründung eine Liga ins Leben, die für die Trennung von Staat und Religion eintritt. 1998 gründete Ornan die "Ani Israeli"- ("Ich bin Israeli)-Bewegung. Er hält dem israelischen Innenministerium vor, dass es 120 Nationalitäten anerkenne, aber nicht bereit sei, die Bürger des Landes unterschiedslos als "israelisch" beim Einwohnermeldeamt zu registrieren. Im Oktober 2013 lehnte der Oberste Gerichtshof eine von Ornan eingereichte Petition ab. Ein Viertel aller Bürger Israels sind Muslime, Christen und Drusen.

Shlomo Sand:"Ich habe die Petition von Uzzi Ornan und anderen unterstützt, denn ich denke, sie sind gute Israelis. Mein Buch 'Warum ich aufhöre, Jude zu sein' habe ich geschrieben, weil Israeli zu sein heute vor allem heißt, kein Araber zu sein. Diese Petition dem Gericht zu überreichen, ist das Mindeste, was man in Israel tun muss, wenn man sich wirklich als Demokrat versteht. Es ist mir unmöglich zu begreifen, wie beispielsweise deutsche Intellektuelle darauf beharren können, dass Israel ein jüdischer Staat zu sein habe."

In seinem Buch "Warum ich aufhöre, Jude zu sein", verabschiedet sich Sand auch von der, wie er sagt, Fiktion, es gäbe eine säkulare jüdische Kultur.

Es gibt "keine säkulare jüdische Kultur"

"Das Jüdische hat im weltlichen Leben keinerlei Gemeinsamkeit gestiftet. Juden siedeln nicht freiwillig in Israel. Von Woody Allen bis Henryk M. Broder ziehen sie es vor, sonst wo zu wohnen. Da, wo ich zuhause bin, halten sie es nicht aus. Die Zionisten haben eine israelische Kultur geschaffen – Kino, Theater, Literatur –, aber eine säkulare jüdische Kultur, die gibt es nicht."

Amos Oz und Fania Oz-Salzberger sind vom Gegenteil beseelt:

Oz-Salzberger: "Das Judentum ist vor allem eine Zivilisation. Sie ist der antiken griechischen Kultur vorausgegangen und auch der römischen. Und sie bestand auch noch nach der antiken römischen Kultur. Als Zivilisation. Und das heißt nicht nur Religio –  obwohl die Religion wichtig ist – sondern auch Gesetz, Gericht, Literatur, Poesie, Vorstellungen von Gesellschaft und Gerechtigkeit, Philosophie, Erzählung, Mythos. All dies macht das antike Judentum und das moderne Judentum aus. Es ist eine Zivilisation mit einer außergewöhnlichen Überlebenskraft, weil sich unser Überlebensantrieb aus Texten speist. Er baute nicht auf einer Armee auf oder Waffen, auf einem König, einem Kardinal oder General. Wir verstehen das Judentum als antike Zivilisation, die auch der modernen Welt etwas zu sagen hat."

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