Judentum in Deutschland

Streit um die Einheitsgemeinden

Eine jüdische Gemeinde beim Essen der symbolischen Pessach-Speisen während des Sederabends, dem Abend vor dem Pessach-Fest
"Die Thora besagt, dass jeder Jude sie interpretieren kann" - Eine jüdische Gemeinde feiert den Sederabend. © picture-alliance/ dpa / Robert Fishman
Anthropologin Dani Kranz im Gespräch mit Kirsten Dietrich · 02.10.2016
Die jüdischen Gemeinden in Deutschland wachsen – und damit nehmen auch die unterschiedlichen Interpretationen des jüdischen Glaubens zu. Viele Juden fühlen sich in der bisherigen, meist orthodox geprägten Einheitsgemeinden nicht mehr vertreten. Dies sei ganz "normal", sagt Anthropologin Dani Kranz.
Kirsten Dietrich: Die religiöse Organisation jüdischen Lebens in sogenannten Einheitsgemeinden als staatliche Zwangsregelung stammt aus dem 19. Jahrhundert. Pro Ort sollte es nur eine jüdische Gemeinde geben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg schien die Einheitsgemeinde aber ganz gut zum vorsichtigen Neuanfang jüdischen Lebens in Deutschland zu passen, nach der Schoah, der Ermordung der europäischen Juden. Wir sind so wenige, wir müssen zusammenstehen, Differenzen können wir uns nicht leisten.
Heute hat sich das grundlegend geändert. Zu den rund 30.000 Juden und Jüdinnen, die vor dem Fall der Mauer in Deutschland lebten, sind bis jetzt gut 200.000 Zuwanderer vor allem aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion gekommen. Auch das religiöse Leben wird vielfältiger, neben den meist orthodox geprägten Einheitsgemeinden etabliert sich wieder ein liberales Judentum.
Wachsende Vielfalt - vielleicht ist es nur logisch, dass damit auch der Streit wächst. Im Zentrum, ganz neu zum Symbol geworden: die Einheitsgemeinde. In Berlin herrscht seit Jahren Streit um Wahlen und auch ums Geld, in Frankfurt wurde einem Ehepaar jüngst per Gericht quasi die Zwangsmitgliedschaft in der jüdischen Gemeinde verordnet. Ist die Struktur des jüdischen Lebens, so wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg entstand, noch passend?
Darüber habe ich vor der Sendung mit Dani Kranz gesprochen. Sie ist Sozialanthropologin und forscht an der Bergischen Universität Wuppertal zu jüdischer Gemeinschaft und zurzeit speziell zu Israelis in Deutschland. Ich wollte von Dani Kranz wissen: Ist die Zeit der Einheitsgemeinde vorbei?
Dani Kranz: Ich denke, es ist die Rechtsform, die da eigentlich das Problem ist. Weil, die Einheitsgemeinde war immer sehr divers. Es gibt ja auch liberale Synagogen innerhalb der Einheitsgemeinde und es ist im Endeffekt ein rechtlicher und auch ein institutioneller Überbau. Und es hält natürlich niemanden in der Bundesrepublik davon ab, seine eigene jüdische Gemeinde zu gründen, die kann er dann auch als eingetragenen Verein eintragen lasse. Das ist ja durchaus passiert.

"Die Thora besagt, dass jeder Jude sie interpretieren kann"

Ich denke, die Einheitsgemeinde … Sie ist natürlich direkt nach der Schoah entstanden, sie ist ja 1950 gegründet worden, unter ganz anderen Parametern, als die heute existieren. Und ich denke, dass eben die Diversität, die existiert innerhalb dieser Gemeinde, die hat zum größten Teil schon immer existiert, allerdings nicht so öffentlich, wie es eben heute der Fall ist. Und dass es normal ist, dass man eben innerhalb der Gemeinde oder auch unter Juden Diskussionen hat, weil, die Thora besagt ja, dass jeder Jude sie interpretieren kann, und das wird in dem Sinne wirklich ernst genommen.
Ich muss ja keinem anderen Juden zustimmen, ich kann eine ganz andere Meinung haben. Ich muss auch keinem Rabbi zustimmen, ein Rabbi ist ein Schriftgelehrter. Ich kann beispielsweise auch sagen, ich möchte gar nicht Mitglied von einer Gemeinde sein, ich möchte halt im öffentlichen Diskurs über Juden teilnehmen.
Dietrich: Alles ist möglich, aber das heißt, es ist fast ein Zeichen der Normalisierung, wenn jetzt diese rechtliche Konstruktion der Einheitsgemeinde in ihrer überwältigenden oder alles umfassenden Form angezweifelt wird?
Kranz: Also, ich würde das anders definieren, weil, die Bundesrepublik erkennt bestimmte religiöse Strömungen als Kirchen oder als anerkannte Religionsgemeinschaften an. Und als solche fungieren die. Weil, die katholische Kirche ist ja beispielsweise auch eine und Katholiken sind nicht weniger divers als Juden.
Das heißt, dann müsste sich das ganze rechtliche Konstrukt in der Bundesrepublik umstellen, und das ist eben eine Mischung von Staat und Religionsgemeinschaften, also spezifischen Religionsgemeinschaften, die die Bundesrepublik in ihrem Rechtsrahmen kennt. Die gibt es in Frankreich beispielsweise nicht, Großbritannien kennt das auch nicht.
Wir reden im Grunde über ein viel diverseres und viel größeres Problem. Also, von daher würde ich sagen: Es ist in dem Sinne normal, dass es innerhalb von religiösen Gemeinschaften, egal welche sie sind, immense Nuancen gibt. Aber deswegen ist es eine andere Frage, ob ich jetzt den rechtlichen Überbau der katholischen Kirche, der protestantischen Kirche oder der jüdischen Einheitsgemeinde infrage stelle.
Dietrich: Das heißt, es ist eine Frage dann eher an den Religionsstaat, …
Kranz: Genau.
Dietrich: … das Recht, das immer noch aussteht, …
Kranz: Eben.
Dietrich: … das neu zu ordnen.
Kranz: Die Bundesrepublik kennt ja keine absolute Teilung von Staat und Kirche, auch wenn sich die meisten Deutschen das gerne einreden, die gibt es nicht. Weil die christliche Mehrheit in Deutschland so dominant ist und so groß ist, fällt es den meisten Deutschen, die auf eine gewisse Weise dann doch noch irgendeinen christlichen Hintergrund haben, nicht auf, während, den Minoritäten fällt es viel mehr auf.
Dietrich: Auf die Minoritäten guckt man ja vielleicht auch einfach mehr.
Kranz: Ja, die sind sich ja ihres Minoritätenstatus auch viel mehr bewusst. Eine Minorität muss ja immer eine ganz andere Identitätsarbeit leisten als eine Majorität.

Zwangsmitgliedschaft in der Einheitsgemeide?

Dietrich: In Frankfurt findet gerade sozusagen so ein ganz symptomatischer Fall statt, an dem die verschiedenen Vorstellungen von Religionszugehörigkeiten aufeinanderprallen. Da ist ein französisches Ehepaar, das hat sich beim Einwohnermeldeamt mit ihrem Glauben als mosaisch bezeichnet. Das Amt interpretierte das als jüdisch und wer jüdisch ist, der ist Mitglied der Einheitsgemeinde. Das Ehepaar will das aber eigentlich gar nicht, vor allem, weil sie sagen, sie verstehen sich liberal und die Gemeinde in Frankfurt ist ihnen zu orthodox.
Aber der ganze Fall ging jetzt vor Gericht und die Zwangsmitgliedschaft ist rechtens, das entschied vor einer guten Woche das Bundesverwaltungsgericht, auch wenn ihm dabei sichtlich unbehaglich zumute war. Wie interpretieren Sie das, was da passiert?
Kranz: Also, das Urteil selber habe ich noch nicht gelesen, weil ich erst aus Israel zurückgekommen bin. Ich weiß nicht, ob der Ausdruck Zwangsmitgliedschaft darin steht, weil, niemand in Deutschland ist gezwungen, Mitglied einer jüdischen Gemeinde zu sein.
Aber wenn ich mich beim Einwohnermeldeamt melde, eine Meldepflicht kennt die Bundesrepublik ja, dann werde ich gefragt, welcher Religion ich angehöre. Und wenn ich sage mosaisch, mosaisch ist das Synonym für jüdisch. Und dann werde ich als Jude registriert und als solcher bin ich Mitglied der Einheitsgemeinde. Das ist ein ganz normaler rechtlicher Ablauf.
Ich denke, wo da das Problem liegt, ist, dass diesen beiden französischen Immigranten nicht klar war, was darauf folgt, was die Rechtsfolge ist. Weil es in Frankreich eben Laïcité gibt und das ist eine ganz klare Trennung von Staat und Kirche oder Staat und Religionsgemeinschaft. Und die kennt die Bundesrepublik eben nicht, weil es ja das deutsche Finanzamt ist, das ihre Kirchen- oder Kultussteuer eintreibt, das wird ja direkt von ihrem Gehalt abgehalten.
Aber wenn ich jetzt beispielsweise nicht Mitglied sein möchte, dann brauche ich ja nur zur jüdischen Gemeinde zu gehen und zu sagen, ich möchte nicht Mitglied sein. Das steht mir ja frei. Es wird ganz einfach von diesen beiden Klägern so aufgefasst, dass sie dazu gezwungen wurden, Mitglied zu sein.
Dietrich: Ist dieser Fall nicht aber vielleicht doch auch ein Hinweis dafür, dass die jüdischen Gemeinden ganz neue Kriterien finden müssen dafür, wer dazugehört?

Liberale jüdische Gemeinde in Köln gegründet

Kranz: Die deutschen jüdischen Gemeinden erkennen eben als Juden Menschen an, die eine jüdische Mutter haben oder die vor einem anerkannten Rabbinatsgericht zum Judentum konvertiert sind. Und wenn ich damit eben nicht einverstanden bin, dann muss ich nicht Mitglied werden. Oder wenn ich mich mit der Gemeinde absolut nicht abfinden kann, kann ich ja auch meine eigene Gemeinde gründen. In Köln hat ja diese Zersplitterung von Meinungen dazu eben geführt, dass die liberale jüdische Gemeinde gegründet wurde.
Dietrich: Ist überhaupt das Erstarken des liberalen Judentums in Deutschland auch einer der Gründe dafür, dass das Bild sich so auffächert, dass die Einheitsgemeinde eben nicht mehr so als das gemeinsame Haus für alle gesehen wird?
Kranz: Ich denke, nein. Pro forma wurde sie nie als Haus für alle gesehen, weil eben jüdische Identitäten viel komplexer und gelebtes Jüdischsein viel komplexer ist, als der orthodoxe Ritus es zulassen würde. Und liberale Juden oder die liberale Gemeinden gründen oder Mitglieder in liberalen Gemeinden sind, das ist ein innerethnisches, werteorientiertes Cluster. Aber die entscheiden sich ja bewusst, liberal zu praktizieren.
Das heißt, die haben noch ein sehr großes Interesse am Judentum. Während das Interesse ja bei jetzt ganz vielen Mitgliedern, die halt pro forma Mitglied in einer Einheitsgemeinde sind, nicht unbedingt vorhanden ist. Also, den Ausdruck des Dreitagesjuden, ich denke mal, der ist ziemlich bekannt.
Dietrich: Das ist jemand, der nur an den Feiertagen in der Gemeinde …
Kranz: Genau.
Dietrich: So ähnlich wie Weihnachtschristen.
Kranz: Genau, genau, genau. Das sind die Weihnachtschristen oder Osterchristen, genauso gibt es den Dreitagesjuden. Denn die absolute Mehrheit aller in der Bundesrepublik lebenden Juden ist säkular.
Die sind vielleicht ein bisschen traditionell in dem Sinne, sie machen Traditionspflege. Aber das tun ja andere Religionsgemeinschaften auch. Also, in dem Sinne sind Juden auch nicht anders. Die sind nicht anders, die sind hochgradig integriert, obwohl das natürlich nicht bedeutet, dass sich Juden ihres Minoritätsstatus nicht bewusst sind und dass sich Juden vor allen Dingen der diversen verqueren Annahmen über Juden oder auch eben Antisemitismus nicht bewusst sind.
Dietrich: Diese säkularen Juden, die Sie ansprachen, die werden ja eigentlich in der Debatte kaum wahrgenommen. Müsste man Organisationsformen für diese - ich nenne es mal - jüdische Zivilgesellschaft finden, um diesen Juden auch eine Stimme zu geben?
Kranz: Es gibt ja da durchaus zivilgesellschaftliche Vereine. Aber die meisten dieser extrem säkularen Juden, die haben da einfach kein Interesse dran. Für die ist es okay, dass es eine Einheitsgemeinde gibt, und es gibt eine liberale Gemeinde und es gibt den jüdischen Kulturverein und es gibt den Israel-Lobbyverein und es gibt den christlich-jüdischen Verein und es gibt Salaam-Shalom, das wäre dann jüdisch-muslimisch, das gibt es ja alles.
Ich muss ja dahin wollen. Und wenn ich nicht möchte, dann mache ich es eben nicht. Aber ich denke nicht, dass man erwarten kann, dass, ja, die jüdische Gemeinde, die sich ja als religiöse Gemeinde versteht, jede Art des Vereins gründet. Das sind dann Einzelinitiativen. Juden sind in dem Sinne nichts Besonderes. Es ist eine Ethnoreligion und sie ist unglaublich divers.

Juden in Deutschland sind "hochgradig integriert"

Juden leben in Deutschland natürlich in der Minderheit, sie leben in der Diaspora insgesamt in der Minderheit, sie sind allerdings hochgradig integriert. Und gleichzeitig kann man natürlich feststellen, dass das sowohl Antisemitismus gibt genau wie es Antiislamismus gibt, und ich denke, wo man das wirklich ganz klar dran festmachen kann, dass man diese Frage - "Gehören Juden und Muslime zu Deutschland?" - gemeinsam stellen muss, das war die Beschneidungsdebatte 2012. Weil die Ressentiments, die dadurch ausgelöst wurden, die haben sich ja gegen Juden und Muslime gleichermaßen gerichtet.
Dietrich: Wenn die Vielfalt von außen meist als Konflikt wahrgenommen wird, dann wird das ganz oft gesehen als ein Konflikt zwischen Juden verschiedener Herkunft, also deutschsprachige gegen russischsprachige Juden. Aber vielleicht ist es ja eher ein Generationenkonflikt? Also, dass diejenigen, die bisher für Juden in Deutschland gesprochen haben, die direkte Erfahrung mit der Schoah haben, abgelöst werden von der dritten Generation, von der Enkelgeneration?
Kranz: Ich denke, es ist beides. Also, ich denke, dass die dritte Generation ein ganz anderes Verständnis hat. Allerdings kann man da jetzt feststellen, dass es natürlich auch verschiedene Untergruppen gibt. Also, man kann bei denen, die man stereotyp oder … als dritte Generation bezeichnet, das wären ja dann die Enkel dieser ersten Generation, also die Überlebenden. Und die haben gegenüber Deutschland, da kann man immer noch Ambivalenzen nachweisen. Das ist eine bestimmte Identitätskonfiguration.
Dem steht natürlich gegenüber die Identitätskonfiguration der … Der größte Teil ist ja als Kinder und Jugendlicher eingewandert. Derjenigen, die aus der Sowjetunion kamen, die verstehen Jüdischsein primär als Ethnie, nicht als Religion. Und die Berührungsängste mit der deutschen Gesellschaft oder die überlagerten Traumata sind ganz andere. Die haben dieses Unwohlsein nicht.

Juden haben "verschiedene diverse Identitäten"

Und dann gibt es natürlich die ganz vielen Israelis, die nach Deutschland gekommen sind und die sich ja auch politisch äußern. Das sind ja Immigranten, die nach Deutschland gekommen sind, weil sie wollten. Während die dritte Generation, also die Enkelgeneration der Überlebenden, die ist ja hier geboren. Und Israelis haben wieder eine andere Identitätskonfiguration, die kommen aus einer Mehrheitsgesellschaft. Das heißt also, Juden an sich, diese dritte Generation, trägt ihre Diversität nach außen.
Dietrich: Das heißt, man sollte sich von dem Gedanken verabschieden, dass Debatten innerhalb der Juden in Deutschland, innerhalb der jüdischen Gemeinden notwendig ein Krisensymptom sind, und sollen einfach sagen, das ist einfach so?
Kranz: Ja. Das ist so, das ist die Diversität. Und ich denke, die sollte man auch wirklich endlich wahrnehmen. Die sollte man wahrnehmen, und nicht dass Juden zutiefst zerstritten sind, sondern dass sie einfach ganz verschiedene diverse Identitäten haben.
Dietrich: Welche Zukunft hat die jüdische Einheitsgemeinde und welche Herausforderungen stellt die wachsende Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland? Ich sprach mit der Sozialanthropologin Dani Kranz von der Bergischen Universität Wuppertal.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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