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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 09.07.2014

Juden in PortugalBittbriefe an Barros Basto

Wie jüdische Deutsche in den 30er-Jahren Zuflucht in Porto fanden

Von Étienne Roeder

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Blick auf die portugiesische Hafenstadt Porto. Ihr historisches Zentrum ist seit 1996 Unesco-Weltkulturerbe. (dpa / picture alliance / Mark Read)
Blick auf die portugiesische Hafenstadt Porto. Ihr historisches Zentrum ist seit 1996 Unesco-Weltkulturerbe. (dpa / picture alliance / Mark Read)

Juden aus Deutschland entkamen seit 1933 ihrer Verfolgung durch die Flucht nach Portugal. Auf den Spuren der Marranen, einer missionarischen jüdischen Subkultur in Porto.

"Sehr geehrter Kapitän, da man unsere Existenz in Deutschland vernichtet hat und uns, wie Sie wohl wissen werden, keine weiteren Möglichkeiten dort offen stehen, wären wir Ihnen besonders dankbar, wenn Sie, sehr geehrter Kapitän, uns einen Weg zum Aufbau einer neuen Existenz zeigen könnten."

"Ich verliere als Jude in Deutschland meine Stellung und bin daher gezwungen, mir mit meiner Frau und meinem 5 jährigen Sohn im Ausland eine neue Existenz zu suchen. Ich bin 37 Jahre alt und war Richter am Tribunal in Köln."

"Ich bin deutscher Jude nun als solcher durch die Ereignisse in Deutschland in meiner Existenz bedroht. Ich bin Rechtsanwalt am Oberlandesgericht in Jena und nun auf der Suche nach neuen Möglichkeiten. Ich bin 34 Jahre alt und bereit jede Stellung anzunehmen. Ich bitte mir, wenn möglich, schnell zu antworten."

"Ich bin jetzt Zahnarzt und hatte bereits eine glänzende Existenz, die ich in Folge der auch Ihnen bekannten Gründe aufgeben und verlieren musste. Ich muss mich versichern, mir Außerhalb von Deutschland eine neue Existenz zu schaffen."

"Ich bin seit 10 Jahren in Königsberg als Orthopäde tätig. Mein Vater war hier Rechtsanwalt, mein Großvater hier Arzt. Da ich befürchten muss, dass meine Tätigkeit hier nicht mehr die Existenz für meine Familie sichert (ich habe Frau und 2 Kinder von 5 und 2 ½ Jahren) habe ich die Absicht, auszuwandern."

"Auch meine Frau ist berufstätig. Sie ist Chemikerin und im Augenblick in einer pharmazeutischen Fabrik beschäftigt. Sie besitzt ausgezeichnete Spezialkenntnisse (...) und hat die Absicht, selbst eine kleine Fabrik zu eröffnen. Halten Sie unsere Pläne für aussichtsreich, und welche Schritte müssen wir unternehmen?"

"Wie sieht es in Ihrem Lande selbst, oder in dessen Kolonien, mit Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten, für mich als jüdischen Zahnarzt aus?"

"Hat eventuell ein sehr tüchtiger und hier angesehener Kinderarzt die Möglichkeit zur Errichtung eines Kinderheims?"

"Sehr geehrter Barros Basto! Von einem deutschen Bekannten erhielt ich ein ausführliches Exposé, dass sich mit der Aussiedlung deutscher Juden in Portugal befasst, und das Ihre Tätigkeit besonders hervorhebt. Dies veranlasst mich, Ihnen zu schreiben."

Zuflucht im Tempel des Nordens

Isabel Lopes: "Sie wissen nicht, ob sie nach den Ferien wieder in die Schule können oder dann ins Ghetto geschickt werden... es fehlt an allem...viel Hunger... Selbstmorde...Viel Traurigkeit... viele Tränen... Und das hier hat alles mit seiner Aufbauarbeit zu tun. ...Veröffentlichungen, Organisation seiner Schule, Kursbelegungen... Hebräisch-Unterricht... Liturgie... Das muss alles irgendwann noch mal geordnet werden."

April 2013. In der portugiesischen Hafenstadt Porto ist der Frühling angekommen, Mandelblüten liegen auf den Gehwegen und Möwenschwärme ziehen durch die dunklen Gassen, die sich vom Fluss hinauf ins Stadtzentrum ziehen. Die zweitgrößte Stadt Portugals, im Norden des Landes, strahlt ein gallisches Ambiente aus: dunkel, ruhig, etwas verschlossen. Steil zieht sich die Stadtmauer am Ufer des silberschimmernden Flusses die grünen Hänge hinauf, oben ein Panorama aus Brücken, Weinkellereien am Hang, dem Douro. Am Horizont der Atlantik.

In dem noblen Villenviertel Boa Vista säumen jahrhundertealte Herrenhäuser die Straßen, eingefasst von großen Gärten mit imposanten Hecken. Spaziergänger flanieren über die breiten Gehwege nahe der altehrwürdigen Universität. Hier wartet Isabel Lopes vor dem "Tempel des Nordens" – so nannte sein Erbauer, ihr Großvater, die Synagoge zu Porto. Ab 1933, zu Beginn der Naziherrschaft in Deutschland, bot er Juden, die Deutschland verlassen mussten, ein neues Zuhause. Hier in Porto. Isabel Lopes will von dieser fast in Vergessenheit geratenen Geschichte erzählen.

"Sehr geehrter Herr! Durch einen Herrn aus Fürth erfuhr ich, das für deutsche Juden die Möglichkeit besteht, in Portugal an Krankenhäusern oder wissenschaftlichen Instituten arbeiten zu können und dass, Sie sich in liebenswürdiger Weise zur Vermittlung und Unterbringung bereit erklärt haben. Dies gibt mir Veranlassung, mich mit der Bitte um Unterstützung in dieser Sache an Sie zu wenden, H.Heinermann, Sterngasse 16, Würzburg, 07.August.1933"

Die Synagoge Mekor Haim Kadoori ist die größte der gesamten iberischen Halbinsel, von ihrem Dach aus kann man den Atlantik sehen. Noch vor der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer im Jahre 70 haben Juden die Gebiete Sefarads – des heutigen Spanien bevölkert. Jahrhunderte lang. Nach 1492 jedoch, nach den Vertreibungsedikten der katholischen Könige, flohen Tausende von ihnen ins benachbarte Portugal. Die Synagoge zu Porto ist jedoch erst 75 Jahre alt.

Isabel Lopes: "1938 wurde diese Synagoge hier eröffnet, zusammen mit der Yeshiva, dem theologischen Institut, in dem die Marranen aus dem Norden Portugals die hebräische Sprache und jüdische Liturgie und Kultur lernen konnten. Von außen sieht das Haus schon sehr imposant aus, von innen jedoch, das werden Sie sehen, ist sie noch beeindruckender. Mein Großvater wollte bewusst eine Kathedrale bauen, denn es ging ihm darum, dass es ein Ort für die Rückkehr der Juden werden sollte. Sie sollten stolz auf ihr Gebetshaus sein, so wie die Christen stolz auf ihre Kirchen waren."

Bedächtig steigt Isabel Lopes, die Vizepräsidentin der jüdischen Gemeinde von Porto, die imposante Treppe hinauf. Es ist ein warmer Frühlingstag, durch die acht Meter hohen Fenster strahlt die Sonne in die Bimah, den Gebetsraum des Hauses: Davidsterne an den Geländereinfassungen werfen langgezogene Schatten an die Wände, die mit den typisch portugiesischen Azuleijo Kacheln blau geschmückt sind.

Isabel Lopes: "Mein Großvater war sehr vernetzt. Das ist fast unglaublich und ich staune darüber immer wieder. Viele Gemeinden in Europa und sogar den Vereinigten Staaten unterhielten sehr gute Verbindungen zu ihm und unterstützten ihn beim Ausbau der Synagoge und bei seiner Aufbauarbeit der jüdischen Gemeinde, das geht aus den vielen Korrespondenzen hervor. Die Familie Rothschild in Frankreich kaufte zum Beispiel das Terrain und die Familie Kadoori finanzierte den Bau der Synagoge. In London wurde für den Zweck des Wiederaufbaus der jüdischen Gemeinden Portugals sogar das Portuguese Marranos Committee gegründet."

Isabel Lopes öffnet andächtig die großen Flügeltüren zu einem holzgetäfelten kleinen Saal, der hinter dem Gebetsraum versteckt liegt. In Vitrinen sind vergilbte Bücher ausgelegt, eine alte Schreibmaschine thront einsam auf dem lederbezogenen Schreibtisch. Schweigen. Isabel Lopes öffnet eine Vitrine und nimmt behutsam die erste Seite eines dicken Stapels in die Hand. Briefe. Ein lange vergessener Schatz. Der Nachlass ihres Großvaters, Arthur Carlos de Barros Basto, Apostel der Marranen.

Isabel Lopes: "Mein Großvater mochte den Begriff Marrane selbst nicht besonders, obwohl er hier in Portugal nicht negativ besetzt war. Ganz im Gegensatz zu Spanien, wo Marrane auch Schwein bedeutet. Den Namen Apostel der Marranen gab ihm Cecil Roth."

Cecil Roth, "A history of the Marranos", aus dem Jahr 1932, liegt in einer kleinen Vitrine. Der Historiker Cecil Roth, der mehrere Hundert Bücher und Aufsätze über die Ausprägungen jüdischer Kultur verfasst hat, kannte Barros Basto persönlich. Nach einem Treffen in Porto gab er ihm den Beinamen "Apostel der Marranen". In diesem Beinamen steckt eine der ungewöhnlichsten Geschichten des europäischen Judentums: die Marranen, der Apostel. Marranen waren jene Juden auf der iberischen Halbinsel, die in der Zeit der Inquisition, im späten Mittelalter, gezwungen wurden, zum Christentum zu konvertieren; ein halbes Jahrtausend später ritt Barros Basto wie ein Apostel mit missionarischem Eifer durch die entlegenen portugiesischen Berge, bemüht, die versteckten Marranen Portugals zu finden und sie zurück zum alten Glauben zu führen. Die Geschichte der Jüdischen Gemeinde zu Porto und ihres Gotteshauses ist eng mit der Biografie dieses Mannes verknüpft.

Todesangst, Gottvertrauen und Beharrlichkeit

Als jüdischer Missionar war Barros Basto ein Sonderfall in der Geschichte des Judentums, das eigentlich keine Mission kennt. Das Bemühen, im portugiesischen Hinterland Nachfahren der zwangsbekehrten Marranen zur jüdischen Religion zurückzuführen, hat nicht nur den Historiker Cecil Roth tief beeindruckt, auch den schwedischen Rabbiner Marcus Ehrenpreis, einen Zionisten und Vertrauten Theodor Herzls, der Basto 1928 kennenlernte.

"Der Marrane ist Katholik ohne Glauben und Jude ohne Wissen, aber doch Jude durch seinen Willen. Die Inquisition hat den Gebettexten ihren Stempel aufgedrückt, es sind verborgene Klagen, scheu geflüsterte Seufzer schreckerfüllter Seelen. Sie knüpfen zwar an die traditionellen Gebettexte des Judentums an, werden in einer Mischung aus Todesangst, Gottvertrauen und unerschütterlicher Beharrlichkeit jedoch notgedrungen zu einer Art Geheimsprache."

In seinem Kapitel "Marranen in Portugal" beschrieb Ehrenpreis die Umstände, unter denen die Nachfahren zwangsgetaufter Juden zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten. Durch diesen Reisebericht machte Ehrenpreis die Überreste der einst reichen sephardischen Kultur auf der iberischen Halbinsel einem breiten, zunächst jüdischen Publikum in Deutschland bekannt.

Lissabon. In der verwinkelten Rua da Judiaria, der Lissaboner Judengasse, wird Ehrenpreis 1928 von einer Marranenfamilie empfangen. Im dunklen kleinen Wohnzimmer einer Schuhmacherwohnung, offenbar Speise-, Schlafraum und gute Stube zugleich.

Ehrenpreis: "...sammeln wir uns um die mitteilsame Alte mit edlen Gesichtszügen, die uns, gleichsam ein lebendiges Archiv, ihre bloß auf mündlicher Tradition beruhenden Geheimnisse des Glaubenslebens willig preisgibt. Sie berichtete mir von altüberlieferten Psalmen, religiösen Zeremonien und Festen zu hohen Feiertagen, die sie bewahrt haben. Sie durften ja keine Heilige Schrift oder andere religiöse Gebettexte haben. Die Alte zeigte mir eine Blechdose mit Öl, in welcher ein Baumwollknötchen angesteckt wird; wenn Unberufene in der Nähe sind, legt man einen Deckel darüber, um das Licht zu verbergen. Neben dem Pessachfest und dem großen Fasttage, unserem Jom Kippur entsprechend, knüpfen noch einige wenige Zeremonien an altjüdische Traditionen an, mehr hat sich den Späherblicken der Inquisition nicht entziehen können. Es war eine seltsame Andachtsstunde, die ich in dieser ärmlichen Schumacherwohnung in Lissabons Judiaria verleben durfte. Die gebrechliche Alte, die mit weicher, beseelter Stimme Vorbeterin bei diesem improvisierten Gottesdienste wurde, saß da, still und entrückt und ergriffen verließ ich den Raum, der einem religionsgeschichtlichen Museum glich."

Lissabon 1928. Auf der Suche nach dem jüdischen Leben in Portugal stößt Marcus Ehrenpreis, der schwedische Rabbiner, auf den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in der portugiesischen Hauptstadt, Professor Amzalak. Von ihm erfährt er:

"Das geistige Zentrum des Marranentums in Portugal ist die alte Weinstadt Porto. Dort begründete ein Armeegeneral vor wenigen Jahren ihre erste offizielle Judengemeinde. Es war an einem Freitag Abend im Jahre 1908, als ich am Eingange unserer Synagoge einen bescheidenen jungen Mann in Militäruniform traf, der mich um die Erlaubnis bat, dem Gottesdienste beiwohnen zu dürfen. Nach einiger Zeit bat er mich um eine Unterredung, in deren Verlauf er mir sein Geheimnis offenbarte. Seine Geschichte – die Geschichte von Barros Basto – lautete ungefährt so:

'Mein Großvater war Marrane, Er pflegte sich regelmäßig zu gewissen Zeiten, meist an Freitagabenden in ein besonderes Zimmer zurückzuziehen; ich hatte das Gefühl, dass er dort Gebete verrichtete, die ich jedoch nicht verstand. Er selbst hatte nie ein Wort über seine Religion gesprochen, und ich hatte den Verdacht, dass er Muselmann sei. Auf dem Sterbebett dann offenbarte er mir, dass wir Nachfahren des auserwählten Volkes seien. Erst in der Synagoge hier in Lissabon ist mir das Geheimnis dann blitzhaft aufgegangen. Sie sahen mich oft Ihrem Gottesdienste beiwohnen. Das war kein bloßes Zuhören, es war ein ahnungsvolles Horchen, ein Lauschen und Suchen und Graben mit der ganzen Seele und dem ganzen Herzen. Als ich immer wieder Ihre hebräischen Gebettexte im uralten, geheimnisvollen Rhythmus rezitieren hörte, als ich in der Mitte der Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs diese undefinierbare Luft atmete, die Luft der Jahrtausende, da erwachten dunkle Assoziationen in meiner Seele. Etwa Rätselvolles, Fernes, kaum Fassbares. Da rief es plötzlich in mir: Das ist die Religion deines toten Großvaters, diese soll auch Deine Religion werden! Und nun komme ich zu Ihnen mit der innigen Bitte: helfen Sie mir, den Weg zur Religion meines Großvaters zu finden.'"

Öfter Ausländer als Portugiesen zu Gast

Isabel Lopes: "Das hier ist ein Bild seines Großvaters, der ihm erzählt hatte, dass sie Marranen waren. Darauf sieht man ihn mit seinen militärischen Auszeichnungen, einige von der portugiesischen Armee, und hier noch vom französischen Heer. Im Ersten Weltkrieg wurden ihm diese Auszeichnungen für besondere Dienste am Vaterland verliehen. Auf einigen der Fotografien jener Zeit trägt er sie, er war immer sehr stolz darauf.

Ich bin im Haus meiner Großeltern aufgewachsen und war gerade acht Jahre alt, als mein Großvater starb. Ich kann mich noch gut an unsere abendlichen Spaziergänge im Sommer erinnern, er wusste herrliche Geschichten zu erzählen. Alles, was jedoch mit der Arbeit meines Großvaters zu tun hatte, da wusste ich sehr wenig. Mein Großvater kam regelmäßig mit Besuch nach Hause, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern, es waren öfter Ausländer als Portugiesen. Und er sagte dann immer zu meiner Großmutter: Wo es Essen für zwei gibt, werden auch zehn Leute satt! Erst später habe ich mir jedoch das Puzzle zusammensetzen können, anhand dieser Briefe hier. Heute weiß ich, dass das Flüchtlinge waren zu jener Zeit."

Nach dem Tode ihrer Mutter, beim Ausräumen der Familienwohnung, kam Isabel Lopes mit Hunderten von Briefen und Fotografien ihres Großvaters in Kontakt:

"Die meisten Unterlagen stammen aus den Schubladen seines Schreibtisches, der auch hier steht. Er war sehr gründlich, alles zu dokumentieren. Darunter finden sich Fotografien des Krieges und eben diese Briefe."

"Sehr geehrter Herr! Wir kennen Sie bereits seit längerer Zeit aus dem Buche des Stockholmer Oberrabbiners Marcus Ehrenpreis 'Das Land zwischen Orient und Okzident' und haben vor kurzem den Bericht eines Mitgliedes unserer Kultusgemeinde Fürth, (des Herrn Erlenbach) erhalten, der uns ebenfalls von Ihnen erzählt hat. Fürth 15.August 1933"

Das Gebäude der Stadtverwaltung (Camara Municipal) von Porto (dpa / picture alliance / Daniel Karmann)Das Gebäude der Stadtverwaltung (Camara Municipal) von Porto (dpa / picture alliance / Daniel Karmann)

Der Museologe und Historiker Hugo Vaz übernahm im Auftrag von Lopes die Gestaltung einer kleinen Gedenkausstellung in der Synagoge:

"Barros Basto war eine charismatische Figur, die hier in Porto sehr geschätzt wurde. Er hatte seine eigene Ahnengeschichte bis jenseits des Mittelaters erforscht und herausgefunden, dass er – wie im übrigen fast 20 Prozent der Portugiesen – Nachfahre von konvertierten Juden war. In Lissabon wollte man ihm den Eintritt in den abrahamitischen Bund zunächst nicht gewähren, weshalb er ins marrokanische Tanger reiste, um dort die Brit Mila – seine Beschneidung – durchführen zu lassen. Er kehrte wie geplant als offizieller Jude nach Portugal zurück und trug fortan seinen hebräischen Namen, Abraham Israel Ben Rosh. Hier in  Porto gründete er 1923 dann die erste jüdische Gemeinde der Stadt  nach der Inquisition. Einmal, um die verstreuten Juden, die bereits in der Stadt wohnten, zu sammeln, anderseits um die Marranen zum Judentum zu führen, ebenso wie er es für sich getan hatte."

Schon zu diesem Zeitpunkt lebten etwa 20 osteuropäische und Juden deutscher Abstammung in Portugal, die die von Barros Basto gegründete Gemeinde bildeten. Im Jahr seiner Konversion und Rückkehr nach Portugal heiratete er die deutschstämmige Lea Azancot, Tochter aus gutem Hause in Lissabon. Dieser Umstand blieb in Deutschland nicht unbeachtet, was aus Briefen ausreisewilliger Juden hervorgeht.

"Herr Erlenbach aus Fürth hat uns berichtet, dass Ihre Frau Gemahlin die deutsche Sprache beherrscht. Wir erlaubten uns deshalb, diesen Brief in deutscher Sprache abzufertigen. Herr Erlenbach hat uns berichtet, dass in Ihrem Land durch Ihre freundliche Vermittlung evtl. Eine Unterbringunsmöglichkeit der deutschen Juden besteht. Es melden sich bei uns ständig Glaubensgenossen der verschiedensten Berufe, Leute ohne und solche mit Geldmitteln, die sehr gerne in Portugal ein Unterkommen finden möchten."

Im Frühjahr 1933 trat in Deutschland das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" in Kraft – die gesetzliche Grundlage, um missliebige Personen, vor allem Juden und Regimegegner, Antifaschisten und Gewerkschafter gewaltsam aus den öffentlichen Ämtern zu entfernen. Mit dem sogenannten "Arierparagraphen" wurden vornehmlich jüdischen Anwälten, Beamten und Richtern die Approbationen und Zulassungen entzogen. In den Unterlagen des Nachlasses von Barros Basto finden sich Hunderte Briefe aus der Zeit unmittelbar nach Erlass des Gesetzes − Dokumente der Verzweiflung, Empörung und der Suche nach einem rettenden Ufer.

"Diese kurzen einleitenden Worte besagen Ihnen schon, dass ich Deutschland verlassen und mich im Ausland mit meiner Familie (Frau und zwei Söhne von 15 & 9 Jahren) ansässig machen will. Mein Beruf ist der eines Kunstmalers. Ob es an der Kunstakademie in Lissabon oder anderwärts eine Lehrstelle für Mal Technik gibt? Da könnte ich ein Gutes leisten. Was nun eine andere eventuelle Tätigkeit betrifft, so käme etwa eine Stelle in einem Handelshaus oder in einem Verlag in Betracht, ich könnte auch deutschen oder französischen Sprachunterricht erteilen. Eventuell denke ich auch an eine Fremdenpension. Ein weiterer Plan wäre die Gründung einer Hühnerfarm, d. h. der Verkauf von Eiern aus eigener Zucht."

Von der Geheimpolizei überwacht

Hugo Vaz: "Barros Basto und die Gemeinde haben viel dafür getan, Juden, die aus Deutschland auswandern wollten oder flüchten mussten, hier in Portugal aufzunehmen. Es war für ihn absolut inakzeptabel, sie nicht zu empfangen und aufzunehmen, auch wenn er selbst große Probleme bekam. Man muss sich bewusst machen, dass Barros Basto noch vor dem großen Ansturm der Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg angefeindet und unehrenhaft aus der Armee entlassen worden war. Ab dem Moment seiner Entlassung 1937 wurde er dann nahezu ununterbrochen von der politischen geheimen Polizei des Salazar-Regimes überwacht."

Isabel Lopes: "Es kam vor, dass ihn auch der Geheimdienst besuchte, die PIDE, die haben ihn sehr genau überwacht. Wenn die kamen, hat er sich manchmal sogar im Haus versteckt und ist ewig nicht hervorgekommen. Wir Kinder haben das damals gar nicht verstanden. Vor uns hat er sich immer einen Spaß mit diesem Versteckspiel gemacht und sogar wir mussten ihn dann im Hause suchen, weil er es liebte, uns an der Nase herumzuführen."

Antonio Salazar hatte 1930 mit seinem Estado Novo in Portugal ein klerikal-autoritäres Regime errichtet. Barros Basto, der getaufte Christen zum Judentum führen wollte, war der Kirche, seine republikanische Gesinnung dem Regime ein Dorn im Auge.

Isabel Lopes: "Mein Großvater wurde 1937 unehrenhaft aus dem militärischen Dienst entlassen. Das bedeutete, dass mit einem Schlag seine zivile und militärische Laufbahn beendet war, dass er keinen Anspruch auf eine Rente oder eine Krankenversicherung gehabt hatte. Und sogar an der Universität, wo er Unterricht gab, wurde er entlassen. Das war ein harter Schlag für ihn, denn er liebte es sehr zu unterrichten."

Mit seiner Entlassung stand Barros Basto zwar noch der jüdischen Gemeinde bis zu seinem Tode vor, seine öffentliche Reputation jedoch war zerstört. Sämtliche Korrespondenz, seine publizistische Tätigkeit, gerieten in Vergessenheit, er selbst starb verbittert und verarmt am 8. März 1961 in Porto.

Isabel Lopes: "Er hat über den Zeitraum von 30 Jahren die Zeitschrift Ha-Lapid herausgegeben. Darin schrieb er regelmäßig über jüdische Kultur und religiöses Leben. Das war eine wirkliche Wissensquelle für die Marranen. Heute gibt es sogar eine Fortführung der Ha-Lapid irgendwo in den USA und auch irgendwo in Südamerika."

Erst 2012, lange nach seinem Tode und 85 Jahre nach Gründung der Gemeinde, der er Zeit seines Lebens vorstand, rehabilitierte das portugiesische Parlament auf Bestreben von Isabel Lopes den Hauptmann von Porto und Apostel der Marranen. Nun beschäftigen sich Historiker in verschiedenen Ländern mit den zahlreichen Dokumenten, die im Zuge seiner Wertschätzung ans Tageslicht treten. Viele der Korrespondenzen sind auf Deutsch, da die Juden, die in den 30er-Jahren nach Porto kamen, nun in den Hilfskommittes der Jüdischen Gemeinde die Flüchtlinge der Kriegsjahre empfingen.

Erika Mann hat Lissabon als die Metropole der Verfolgten beschrieben. Dass aber so viele Menschen, vor allem die oft staatenlos gewordenen Juden, in Portugal einreisen konnten, verdankten sie zum großen Teil Barros Basto, dem Hauptmann von Porto, der bis zum Ende seines Lebens an der Aufbauarbeit des Judentums festhielt. Dieses Kapitel der jüdischen Emigration wird gerade erst entdeckt. Ausgangspunkt war die kleine Ausstellung von Isabel Lopes zu Ehren in Großvaters.

Isabel Lopes: "Ich bin in meiner Familie die zweite Generation, die dafür kämpft, dass meinem Großvater Gerechtigkeit zuteil wird. Als mein Großvater noch lebte, sagte er immer. Es ist nie zu spät, Gerechtigkeit zu üben."

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