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Buchkritik | Beitrag vom 21.08.2019

Jude Talbot: "Zahl Farbe Trumpf" Mit Spielkarten durch die Jahrhunderte

Von Eva Hepper

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"Zahl, Farbe, Trumpf. Die Geschichte der Spielkarten" von Jude Talbot (Gerstenberg Verlag)
Jedes Kartenspiel im Buch wird in chronologischer Reihenfolge in Text und Bild mit bis zu fünf Einzelkarten vorgestellt. (Gerstenberg Verlag)

Spielkarten können auch rund sein oder aus Stoff: Der Bildband "Zahl Farbe Trumpf. Die Geschichte der Spielkarten" versammelt besondere Exemplare aus mehreren Epochen – und zeigt, wie sich in den Karten die gesellschaftlichen Verhältnisse spiegeln.

Was für fein gestochene und kunstvoll komponierte Kupferstiche! Auf dem einen tummeln sich sieben Hirsche auf der gerade einmal 14 x 9,3 Zentimeter kleinen Fläche. Jedes der Tiere ist von beeindruckender Plastizität und individuell gestaltet. Und auch die neun Vögel, die auf einem anderen Kupferstich um die Wette stolzieren, sind große Kunst. Ihre Krallen, ihre Federn, ihre spitzen Schnäbel: Kein Detail ist dem Künstler entgangen.
 
Die Hirsch-Sieben und die Vogel-Neun zählen zu den ältesten gedruckten Spielkarten. Geschaffen hat sie der Meister der Spielkarten um 1440. Seine Identität lässt sich nicht zweifelsfrei bestimmen, unbestritten ist aber, dass er zu den Größten der Zunft gehörte. 

Vier seiner Meisterwerke, neben den oben beschriebenen Zahlenkarten ein Blumen-Unter und ein Raubtier-König, sind nun in dem Bildband "Zahl, Farbe, Trumpf" zu bestaunen. Das backsteinschwere und prachtvoll illustrierte Buch zeigt 120 Kartenspiele aus der Sammlung der französischen Nationalbibliothek in Paris und präsentiert damit nicht nur herrliche Kunstwerke, sondern lässt auch die Geschichte der Spielkarten bis in die Gegenwart Revue passieren.

Königliche Karten

Jedes Spiel wird in chronologischer Reihenfolge in Text und Bild mit bis zu fünf Einzelkarten vorgestellt. Zu bestaunen gibt es etwa das kostbare Tarockdeck von Karl VI. oder ein rundes Kartenspiel vom Niederrhein (beide Ende 15. Jahrhundert), filigrane Gebilde aus Stoff oder Pergament (aus China und Indien), Lernkarten von Ludwig XIV. (zu Geografie, Mythen und Fabeln), politische Sets zum amerikanischen Bürgerkrieg oder auch – wie etwa mit dem japanischen "Spiel der Hundert Dichter" – sogenannte Gedächtniskarten. Der gezeigte Variantenreichtum der Sujets, die Originalität und Kunstfertigkeit der keineswegs immer bekannten Schöpfer sind bestechend. 

Dass das Buch kein rein visuelles Vergnügen bleibt – das wäre schon viel –, ist dem Herausgeber und Bibliothekar Jude Talbot zu verdanken. Seine Texte gehen zurück zum Ursprung der Spielkarten ins China des 13. Jahrhunderts, sie beschreiben ihre rasante Verbreitung im mittelalterlichen Europa samt der damit einhergehenden Besteuerung, sie erklären Spielregeln und -varianten, stellen französische und deutsche Farben vor und thematisieren auch den jeweiligen geschichtlichen Kontext. 

Thematisierung politischer Ereignisse

Faszinierend ist etwa zu lesen, wie die Kirche das lasterhafte Glücksspiel verurteilte, oder wie sich die französische Revolution Anfang der 1790er-Jahre ins Kartenspiel schlich und Könige zum Verschwinden brachte, während Buben zu Republikanern wurden. Tatsächlich spiegeln viele Karten gesellschaftliche Verhältnisse oder thematisieren politische und historische Ereignisse. So lässt sich diese farbenprächtige Zusammenschau auch als originelle Geschichtsschreibung betrachten. Dass die große Spielkarten-Nachfrage in Europa sogar technische Entwicklungen, etwa die des Kupferstichs, beschleunigte, das hätte sicher auch der Meister der Spielkarten nicht geahnt.

Jude Talbot (Hg.): "Zahl, Farbe, Trumpf. Die Geschichte der Spielkarten"
Aus dem Französischen von Anke Wagner-Wolff
Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2019
256 Seiten, 40,00 Euro

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