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Interview | Beitrag vom 03.04.2019

Journalistin Hünniger über Ost-Identitäten"Viel Glück beim Zuhören"

Hanna Hünniger im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Ein Passant geht am 30.03.2012 an einer Schallschutzmauer in Magdeburg an einem aus der Wendezeit stammenden verwitterten Wandbild mit dem Schriftzug «Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost» vorbei.  (picture alliance/dpa/Jens Wolf)
Vom "Aufschwung Ost" haben viele Bürger nicht viel mitbekommen. Journalistin Hanna Hünniger warnt vor Diskriminierung und Herablassung. (picture alliance/dpa/Jens Wolf)

Die Stimmung in den ostdeutschen Ländern sei heute kaum besser als in der Nachwendezeit, beklagt Hanna Hünniger. Aktionen wie die der SPD, die derzeit unter dem Motto „Wir hören zu“ durch Brandenburg fährt, haben für sie einen faden Beigeschmack.

Bundeskanzlerin Merkel trifft heute die Ministerpräsidenten der ostdeutschen Bundesländer in der Nähe von Erfurt. Schließlich ist bald Superwahltag: Am 26. Mai 2019 sind Kommunalwahlen in allen fünf Ost-Bundesländern. Später kommen noch Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen hinzu. Es geht also um viel für die bürgerlichen Parteien – vor allem gilt es, das starke Abdriften in Richtung AfD aufzuhalten. Auch die SPD ist unterwegs: SPD-Politikerin Katarina Barley und ihr Parteikollege Olaf Scholz fahren im roten Bully durch Brandenburg – mit der Fahrzeugaufschrift: "Wir hören zu".

"Da steckt auch Angst dahinter"

Für die Autorin und Journalistin Hanna Hünniger, kurz vor der Wende 1984 in Thüringen geboren und aufgewachsen, hat Letzteres − 30 Jahre nach dem Mauerfall − einen etwas faden Beigeschmack:

"Ich glaube, da steckt auch pure Angst dahinter. Ich wünsche ihnen auf jeden Fall viel Glück beim Zuhören. Manchmal habe ich das Gefühl, das ist schon fast ein bisschen diskriminierend: Der Osten ist ja keine karibische Insel voller Kannibalen, die man untersuchen muss und die sich mit Pfeil und Bogen vehement zur Wehr setzen."

Viele haben nie wieder richtig Fuß gefasst

Die Wendezeit der 90er-Jahre sei für viele Menschen in der Generation ihrer Eltern "eine zutiefst traumatisierende Erfahrung" gewesen, sagt Hünniger im Deutschlandfunk Kultur. Die Älteren hätten die Demütigung, nach der Wende ihren Job zu verlieren und nicht mehr richtig Fuß gefasst zu haben, zum Teil nie verwunden. Für sie sei diese Zeit nicht "mit dem Gefühl der Befreiung, sondern mit dem Gefühl des Verlustes" verbunden.

Das Foto ist eine Porträtaufnahme der Journalistin Hanna Hünniger. Sie hat dunkle Haare und blickt nachdenklich. (Jens Oellermann)Die Journalistin Hanna Hünniger: "Ich glaube, da steckt auch pure Angst dahinter." (Jens Oellermann)

Die Journalistin, die auf Twitter sehr aktiv ist, räumte ein, sie selbst verstehe die Eltern-Generation auch oft nicht. Traurig und besorgt stimme sie die Tatsache, dass laut jüngster Kriminalitätsstatistik im Osten ein zehnmal höheres Risiko bestünde, Opfer einer Gewalttat zu werden als im Westen. Sie habe in ihrer Jugend selbst "schlimme und bedrückende Erfahrungen" mit gewaltbereiten Rechten und Neonazis machen müssen.

Rechten-Problem einfach in den Osten geschoben

Nach dem Bekanntwerden der NSU-Morde an türkischstämmigen Mitbürgern hätten Politiker einen fatalen Fehler begangen, sagt Hünniger weiter: Keiner der Politiker habe "sich hingestellt und gesagt: Es sind unserer türkischen Mitbürger ermordet worden. Dieses Problem geht uns an – das sind wir. Das ist etwas Wichtiges, das hätte gesagt werden müssen, was nicht stattfand. Stattdessen wurde dieses Problem einfach marginalisiert, in den Osten geschoben und es existiert praktisch ungehindert weiter. Man will es nur einfach nicht sehen."

(mkn)

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