Journalisten im Krieg

US-Soldaten bei der Landung in Da Nang in Südvietnam © AP Archiv
Rezensiert von Paul Stänner · 20.07.2006
"Die Wahrheit", so sagt man, "ist im Krieg das erste Opfer." Und weil die Zahl der Krisenherde eher zu- als abnimmt, erscheint es wichtig, sich die Bedingungen, unter denen über Kriege und bewaffnete Konflikte berichtet wird, genauer anzusehen. Die Historikerin Ute Daniels blickt in ihrem Buch "Augenzeugen" in die Geschichte der Kriegsberichterstattung zurück.
Es gibt ein berühmtes Foto, das fast zur Ikone der Anti-Vietnamkriegsbewegung geworden ist: Man sieht einen südvietnamesischen General mit Helm und kugelsicherer Weste. Vor ihm steht klein und schmächtig ein Vietcong in kariertem Hemd. Der General richtet seinen Revolver auf die Schläfe des Gefangenen, dessen Gesicht ist vor Todesangst grotesk verzerrt. Das Foto steht stellvertretend für die Brutalität des Krieges: Der Übermächtige tötet den wehrlosen Schwachen. Genau das schien das Foto des Kriegskorrespondenten zu dokumentieren. Kaum jemand aber wusste, dass dieser Guerilla- Kämpfer zuvor acht Südvietnamesen liquidiert hatte.

"Diese Vorgeschichte erzählt das Foto freilich nicht, und den meisten Betrachtern wird sie unbekannt gewesen sein. Hier zeigt sich ein grundlegendes Problem der Berichterstattung."

Bilder, Filme wie Fotos, sind nur dem Anschein nach perfekte Dokumente. Ohne die Geschichten, die hinter ihnen stehen, sind sie gar nichts.

"Wie gelangen die Berichte des kriegerischen Gesehen vom Kampfgebiet in die Gesellschaften? Welchen Einfluss nehmen das Militär, die Regierungen, die Redaktionen auf das übermittelte Bild des Krieges, und wie ist das Verhältnis zwischen Militär und Kriegsberichterstattern? Was für Menschen sind es, die diese Arbeit tun, wie gehen sie mit Zensur und anderen Kontrollmaßnahmen um und wie sehen sie sich selbst und den Krieg?"

Das sind einige der Fragen, die Ute Daniel gestellt hat und die anhand von Fallstudien aus den Kriegen der vergangenen 250 Jahre untersucht werden - beginnend mit dem siebenjährigen Krieg ab 1756 und endend mit dem aktuellen Irak-Krieg. "Augenzeugen" heißt die Sammlung von Aufsätzen, mit dem Untertitel "Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert". Ute Daniel ist Professorin für neuere Geschichte und auch die anderen neun Autoren entstammen dem Universitätsmilieu. Das hat den üblichen universitären Schreibduktus zur Folge, der nicht immer flott ist, der auch die fremdsprachigen Zitate nicht übersetzt, der aber die Aufmerksamkeit, die die einzelnen Beiträge beanspruchen können, nicht mindert. Mit unterschiedlichen Gewichtungen wird hier übersichtlich die Geschichte der Information, der Beeinflussung, der Lüge und der Propaganda in Kriegszeiten dargestellt.

Wir erfahren von der Kumpanei der Berichterstatter mit den Offizieren, als in den frühen Kriegen die Herren der gehobenen Stände unter sich waren und die eigene Nation immer im Recht. Im Ersten Weltkrieg hatte man schon gelernt, wie wichtig die Heimatfront für das Durchhalten der Kampffront war – Korrespondenten selbst regionaler Zeitungen waren im Feld, um über die Kämpfe der Soldaten aus der heimischen Garnison zu berichten. Natürlich war man auch damals schon "im Pool" unterwegs und "eingebettet". Die Kontrolle erfolgte über die militärische Zensur - und über die einfachen Soldaten an der Front, die nach ca. einer Woche mit der Feldpost die Zeitung von Zuhause bekamen und bei Nichtgefallen des Artikels den Reporter in ihrem Schützengraben zurechtstutzen konnten. Die Propagandakompanien im Zweiten Weltkrieg brachten mit der Filmkamera fast schon so etwas wie "action"-Kino in die Wochenschau. Die Kameramänner lieferten nur die stummen Bilder, die Kommentare, die ihnen erst die verlogene Propaganda-Bedeutung gaben, schrieben Goebbels Leute in Berlin.

Aber auch das Gegenteil kommt zur Sprache: Ein Aufsatz beschäftigt sich mit der Frage, ob es die Medien waren, die den Vietnam-Krieg beendeten. Gerade in Vietnam hat eine Reihe hochqualifizierter, mit Preisen ausgezeichneter Journalisten gearbeitet, oft über Jahre hinweg und mit einer relativen Freiheit, von der heutige Reporter nur träumen können. Hatte das Folgen und was ist dran an dem Mythos, die Presse habe den Vietnam-Krieg beendet?

"Für die Kriegsberichterstatter, (:::), sei Vietnam ein Triumph gewesen. Selten hätten so wenige so junge Reporter so viel Einfluss gehabt, nie hätten so wenige so viele Kollegen beeinflusst."

Wird ein amerikanischer Historiker zitiert. Eine Einschätzung, die die Autoren des vorliegenden Buches nicht teilen:

"Tatsächlich aber sind die Bedeutung journalistischen Berichtens für die Medienberichterstattung einerseits und sein Einfluss auf die amerikanische Politik andererseits zwei völlig verschiedene Dinge – und letzterer war gering."

Was zeigt: der Streit um die Wirkungsmächtigkeit der Presse dauert bis heute noch an. Wie auch immer er ausgehen wird: Das Militär hat vorsichtshalber reagiert und die Journalisten im Irak unter Kuratel gestellt, beziehungsweise sanft eingebettet.

Der Sammelband gibt eine erste Geschichte der internationalen Kriegsberichterstattung, die sehr weit gefächert die Interessen und Zwänge aufzeigt, in denen sich die Medien in Zeiten des Krieges bewegen. Was für die Zukunft noch zu leisten wäre, wäre eine genauere Untersuchung über das Verhältnis von Medien und Medienbenutzern. Die Frage muss lauten, wie reagieren wir als Leser, Zuschauer, Zuhörer auf die Informationen, die uns aus dem Konfliktgebiet angeboten werden?

Ute Daniel (Hrsg.): Augenzeugen, Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert
Vandenhoek & Ruprecht, 2006
264 Seiten, 24,90 Euro