Journalismus

"Radio hat seine eigenen Gesetze"

Mikrofon in Nahaufnahme
"Als subjektiver Autor in the fields" gehen, das ist die Radio-Methode von Helmut Kopetzky. © Foto: privat
Helmut Kopetzky im Gespräch mit Christine Watty · 07.01.2014
Mit Selbstbewusstsein sollte das Radio wieder stärker als Erzählmedium auftreten, meint der Feature-Autor Helmut Kopetzky: "Wir sollen nicht den anderen Formen nachrennen und sie jetzt in unser Medium kopieren." Über seine Arbeit hat er nun ein Buch veröffentlicht.
Christine Watty: Seine Freunde und Freundinnen halten das Radio für sein einziges Thema, und das könnte hinhauen. Der Autor Helmut Kopetzky, Jahrgang 1940, hat bis heute über 100 Features für den Hörfunk verfasst. Darin ging es unter anderem um die beiden Weltkriege, er beschäftigte sich mit dem gesellschaftlichen Leben in Deutschland, in Südamerika, in Russland, und er tat und tut das auf seine besondere Art und Weise, dem Schreiben mit Mikrofon. Das hat ihm so ziemlich jede Feature-Auszeichnung eingebracht, dazu ein beeindrucktes Raunen unter anderen Feature-Autoren, wenn man seinen Namen nennt, und nicht zuletzt jetzt auch das Interesse von Insidern und auch Laien an seinem Buch "Objektive Lügen, subjektive Wahrheiten. Radio in der Ersten Person".
Ein Radio-Dino erzählt aus seinem Leben, und das jetzt auch live im Deutschlandradio Kultur. Guten Morgen, Helmut Kopetzky!
Helmut Kopetzky: Guten Morgen!
Watty: Wir machen zunächst mal eine kurze Begriffsklärung: Was ist denn eigentlich dieses Genre, das Feature für Sie, was bedeutet das?
Kopetzky: Ja, so kurz geht es eigentlich gar nicht. Weil, jeder, der arbeitet auf diesem Gebiet, wird es ein bisschen anders definieren. Aber deswegen würde ich vielleicht versuchen, das selbst einzukreisen. Es ist natürlich die große dokumentarische Form im Radio, die uns die Besatzungsmächte nach 1945 geschenkt haben und die schon ehrwürdige 65 Jahre auf dem Buckel hat. Es ist die Gestaltung eines Themas, die Gestaltung einer Wahrnehmung von Autoren über einen längeren Zeitpunkt hin, es ist eine sehr subjektive Form. Darauf lege ich den größten Wert, das geht ja schon aus dem Titel des Buches auch hervor. Wobei auch immer wieder, sagen wir mal, die Missverständnisse mit dem Begriff Objektivität auftauchen. Denn wir reden ja auch vom dokumentarischen Radio, und dokumentarisch hat zunächst mal so diesen Touch des Verstaubten.
Watty: Sie schreiben auch in Ihrem Buch – Sie mussten das nämlich schon mal definieren, nicht nur jetzt hier im Radiointerview, sondern Sie haben mal einen Brief geschrieben an einen Redakteur, den man auch in diesem Buch findet, und da haben Sie es auch noch mal sehr schön auf den Punkt gebracht: Jedes gute Feature behandelt nun einmal das ganze Leben. Das haben Sie, glaube ich, einem Wissenschaftsredakteur geschrieben, der Ihr Thema abgelehnt hat, oder beziehungsweise jemand, der gesagt hat, dieses Thema ist doch nur was für den Wissenschaftsbereich. Und Sie wollten darauf hinweisen, dass eben das Feature Themen aus ganz diversen Blickwinkeln betrachtet.
Kopetzky: Ja.
Watty: Wenn Sie aber sagen, das Feature behandelt das ganze Leben, wie bringt man denn das ganze Leben zu einem Thema in eine Stunde Feature-Zeit oder auch in ein kurzes Feature von fünf oder zehn Minuten? Wie arbeiten Sie an solchen Ansätzen?
Kopetzky: Ja, sagen wir es vielleicht ein bisschen praktischer: Das Feature als Gattung ist ja eine Form, die von den Autoren wesentlich mitbestimmt wird. Das heißt, ich verstehe mich selbst in erster Linie als Autor, obwohl ich auch Redakteur war, also beide Seiten kenne. Autoren schlagen ihre Themen vor, und möglichst Themen, die ihnen sehr am Herzen liegen, die ihnen wichtig sind. Das ist das Besondere. Also, wir bekommen sehr selten Aufträge, die wir dann in irgendeiner Form ausführen. Wir führen keine Aufträge aus, es sei denn, unsere eigenen. Dann schlagen wir das den Sendern vor und wir vereinbaren dann, wenn alles klappt und alle interessiert sind an diesem Thema, dann eine Produktion. Jetzt fängt das an mit dem Leben, mit der Lebensform. Dann gehe ich nämlich als subjektiver Autor in the fields, wie die Amerikaner sagen, also, ich sitze nicht am Schreibtisch. Das ist sehr selten eigentlich, dass man nur aus Dokumenten arbeitet, sondern ich gehe in das Leben, dahin, wo es passiert. Und ich gehe als der Autor, als der subjektive Autor dahin, nicht als das Radio.
"Auch die Hindernisse gehören mit zum Thema"
Es ist ja oft so, dass man sagt, das Radio hat gestern das und das Thema behandelt, das Radio sagt, und so weiter. Das ist der große Unterschied bei der großen dokumentarischen Form, dass ich sage, was ich erlebe dort, wo ich hingegangen bin, welchen Hindernissen ich begegnet bin. Ich versuche, möglichst transparent – und das ist für mich ein ganz wichtiges Stichwort – zu berichten, das heißt, nicht nur einfach so abgehoben und es hat alles geklappt und ich bin ja ganz großartig und ich gehe da hin und alle warten, dass ich komme, sondern manche wollen mich da ja gar nicht haben. Und das gehört ja mit zum Thema auch wiederum, auch die Hindernisse, die Schwierigkeiten, meine eigenen Unsicherheiten dabei. Das habe ich natürlich lange lernen müssen. Das war nicht so einfach.
Watty: Lassen Sie uns an dieser Stelle tatsächlich mal in einen Ausschnitt eines Ihrer Features hineinhören, was bei dieser Arbeit eben herauskommt, in eine Situation hineinzugehen, ein Thema vorzuschlagen. Und wir hören einen Ausschnitt aus "Liebe und andere Zwischenfälle. Vom Erwachsenwerden mit dem Downsyndrom", ein Feature natürlich von Helmut Kopetzky, wie gesagt, hier in einem Ausschnitt.
Das ist eine Koproduktion vom RBB und Deutschlandradio Kultur aus dem Jahr 2011. Das Feature handelt vom Erwachsenwerden mit dem Downsyndrom. Sie haben gerade so schön beschrieben, wie Sie sich also für ein Thema entscheiden und dann als subjektiver Autor da hineingehen. Wie kam denn dieses Thema dieses Features zustande beziehungsweise warum haben Sie sich dafür entschieden?
Kopetzky: Da steckte unser Sohn dahinter, der ist Fotograf, jetzt 38 Jahre alt. Er hat eine Ausstellung gemacht hier in unserer Gegend – ich wohne ja jetzt hier in Hessen, in Fulda – über Menschen mit Downsyndrom, also Kinder mit Downsyndrom, und Kinder ohne Downsyndrom. Und die Ausstellung hieß "Unsere Kinder". Und die lief ziemlich lange, hatte ein Begleitprogramm, und in diesem Zusammenhang habe ich die beiden kennengelernt und die beiden Familien. Es ist ja so eine Art Romeo-und-Julia-Konstellation, zwei Familien, die einen möchten, dass die beiden zusammenkommen, vielleicht sogar heiraten, die andere Familie ist dagegen, weil sie sagt, das ist unrealistisch. Und diesen Konflikt wollte ich darstellen, aber eben nicht distanziert, so soziologisch oder aus der Entfernung, sondern ich wollte ihn aus der Nähe betrachten. Das heißt, dass man ein Dreivierteljahr ungefähr eine Beziehung aufbaut. Denn gerade bei diesen Menschen kann man nicht einfach kommen und ihnen das Mikrofon ans Kinn rammen und sagen, nun erzähl mal, wie ist das mit euch. Das geht natürlich überhaupt nicht. Man baut eine Beziehung auf und ist monatelang an einem Thema.
"Ich kann ohne das Netz gar nicht mehr auskommen"
Watty: Ja. Sie haben jetzt schon Ihren Sohn erwähnt, der bei diesem Feature eine Rolle gespielt hat. Der spielt auch in Ihrem Buch eine große Rolle, weil der Sie auch so ein bisschen mit in die digitale Welt hineinnimmt.
Kopetzky: Genau.
Watty: Da machen wir jetzt einen Sprung noch hin zum Abschluss des Gespräches. Ich habe mich gefragt, Sie sind kritisch dem Netz gegenüber, das ist für Sie auch Raserei und auch Kakophonie. Andererseits ist doch das Internet gerade in den sozialen Netzwerken manchmal selbst wie eine Art eines Riesenfeatures, eben erzählt von vielen Leuten, die aus vielen Perspektiven auf Themen blicken. Mögen Sie das Internet trotzdem nicht so gerne?
Kopetzky: Nein, so kann man das überhaupt nicht sagen, ich bin nicht generell kritisch dem Netz gegenüber. Ich war, möchte ich mal behaupten, unter den freien Autoren einer der ersten, der digital produziert hat. Ich habe ja auch mein eigenes Studio und ich kann ohne das Netz gar nicht mehr auskommen bei der Recherche zum Beispiel. Das ist ganz wunderbar, dass ich nicht wegen jeder kleinen Frage in die Bibliothek laufen muss und so weiter. Das ist wunderbar. Ich möchte mich nur unterscheiden von einer gewissen Tendenz, die immer mehr Fernsehen und immer mehr Netz in das Radio hineinbringt.
Das Radio soll wieder zu sich zurückkommen, und zwar mit einem gewissen Selbstbewusstsein, und als Erzählmedium, das es nun einmal ist, stärker in den Vordergrund treten. Also, wir sollen nicht den anderen Formen nachrennen und sie jetzt in unser Medium kopieren, weil, das kann nicht funktionieren, das Radio hat seine eigenen Gesetze. Und eines davon in dieser großen Form ist eben die Subjektivität. Da reite ich drauf rum, deswegen sagen viele Kollegen, mein Gott, hast du kein anderes Thema. Natürlich habe ich viele andere Themen, aber man muss so ein Thema immer ein bisschen unterstreichen, damit es wahrgenommen wird.
Watty: Dankeschön an Helmut Kopetzky, diese Unterstreichung kann man natürlich auch jederzeit nachlesen in Ihrem Buch "Objektive Lügen, subjektive Wahrheiten. Radio in der Ersten Person". Und in diesem Buch von Helmut Kopetzky erfahren Sie mehr über das Feature und vor allem über den Radio-Dino Herrn Kopetzky. Vielen Dank für dieses Gespräch!
Kopetzky: Ich danke auch!
Watty: Und zu hören ist Helmut Kopetzky heute Nacht noch einmal im Deutschlandradio Kultur, ab 0:05 Uhr läuft nämlich das Feature "Handschriften des Features". Darin befragt Kollege Ingo Kottkamp Brigitte Kirilow, die 21 Jahre lang Feature-Redakteurin war, und sie blickt auf die Arbeit von vier Feature-Autoren, darunter auch Helmut Kopetzky.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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