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Frühkritik | Beitrag vom 03.05.2019

Joseph Incardona: "Asphaltdschungel"Tod an der Raststätte

Von Tobias Gohlis

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Cover von Joseph Incardonas Krimi "Asphaltdschungel". Im Hintergrund ist eine nebelige Autobahn zu sehen. (Deutschlandradio / Lenos Polar / Unsplash / Vlad Calin)
Joseph Incardona erschafft ein filmreifes Panoptikum von schicksalhaften Begegnungen. (Deutschlandradio / Lenos Polar / Unsplash / Vlad Calin)

Joseph Incardona hat seinen Kriminalroman "Asphaltdschungel" im trostlosen Niemandsland der Autobahnen angesiedelt. Ein außergewöhnlicher Roman über einen Rechtsmediziner, der seine Tochter verloren hat und sich an einem Serienkiller rächen will.

Joseph Incardona, Sohn eines Italieners und einer Schweizerin, schreibt auf Französisch und ist im deutschsprachigen Raum mehr oder minder unbekannt. Das sollte sich mit der Veröffentlichung von "Asphaltdschungel" ändern. Dieser Roman ist außergewöhnlich: Es handelt sich um eine Art von Kammerspiel, aber im größten denkbaren geschlossenen Raum. Jeder, der eine französische Autobahn benutzt hat, weiß, dass diese ein geschlossenes System bilden. Die Rastplätze, auf französisch Aire, sind die Knotenpunkte, an denen die Versorgungsnerven des Autobahnsystems zusammenlaufen. Hier gibt es Benzin, Nahrung, Toiletten, und in diesem System aus Aufnehmen und Ausstoßen von Nahrung, Körperflüssigkeiten und Kraftstoff haust ein Oger. Sein Name ist Pascal. Ein Riese an Kraft und Konzentration, taub und gefühllos nach einem schweren Autounfall, quasi unsichtbar tut er seinen Job als Koch einer Autobahnraststätte. 

Der Serienmörder tötet  kleine Mädchen

"Hinter den Straßenschildern existieren Menschen" lautet der Originaltitel von "Asphaltdschungel". Einer dieser Menschen ist Pierre Castan. Er haust auch in diesem Autobahnsystem. Seit vor einem halben Jahr seine kleine Tochter Lucie auf der Autobahn entführt und getötet wurde, ist aus dem Rechtsmediziner ein Rächer geworden. Nur er weiß, dass ein Serienmörder zugange ist, dessen Beute Mädchen im Alter von 8 bis 10 sind. Er will den Mörder stellen, zerstückeln, zerreißen.

Als mitten im August ein weiteres Mädchen entführt wird, begreift es sogar die Polizei: Es handelt sich um eine Serie. Von da an verwandelt sich die Szenerie in einen Wettlauf zwischen der Polizei, dem Vater Pierre auf Rachetrip und Pascal, dem einsamen Serienmörder.

Drama über Einsamkeit, Selbstzerstörung und Verzweiflung

Der Schauplatz ist spektakulär. Zu einem Drama über Einsamkeit, Selbstzerstörung und Verzweiflung wird "Asphaltdschungel" durch die Perspektive des auktorialen Erzählers. Wie ein Superbiologe wählt er mal das Mikroskop und beobachtet Gefühle als Sekrete, erforscht die Körperreaktionen sexueller Lust und panischer Angst. Mal wählt er das Fernglas. Dann scheinen ihm sommerliche Reiselust, Trennungen und Versöhnungen, Mord und Prostitution, "das ganze Leben" als "eine verdammte Versuchsanstalt". Kriminalliteratur handelt immer von Schmerz, Blut und Gewalt, aber so drastisch, so plastisch und so klug wie in "Asphaltdschungel" doch eher selten.

Joseph Incardona: "Asphaltdschungel"
Aus dem Französischen von Lydia Dimitrow
Lenos Polar, Basel 2019
340 Seiten, 22 Euro

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