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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.07.2017

Joseph Andras: "Die Wunden unserer Brüder"Hingerichtet für Frankreich

Von Dina Netz

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(Bild: picture alliance / dpa / UPI , Cover: Hanser Verlag / Combo: Deutschlandradio)
"Die Wunden unserer Brüder" von Joseph Andras (Bild: picture alliance / dpa / UPI , Cover: Hanser Verlag / Combo: Deutschlandradio)

Joseph Andras erzählt die Geschichte von Ferndand Iveton, der während des Algerienkrieges guillotiniert wurde. Das Buch hat in Frankreich für Furore gesorgt: Der Algerienkrieg ist ein heikles Thema. Das macht "Die Wunden unserer Brüder" zu einem politisch wichtigen Buch.

Fernand Iveton war der einzige Europäer, der während des Algerienkriegs vom französischen Staat hingerichtet wurde. Joseph Andras erzählt in seinem Debüt "Die Wunden unserer Brüder" Ivetons in Frankreich verdrängte Geschichte nach, ziemlich nah an den historischen Ereignissen und der Person.

Der Algerienfranzose Iveton war Mitglied der Kommunistischen Partei. Die Ermordung seines Freundes und Mitkämpfers Henri durch französische Soldaten machte aus einem passiven Mitglied einen, der ein Zeichen setzen wollte. Iveton legte 1956 in einer Abstellkammer der Fabrik, in der er arbeitete, eine Bombe ab, die nach Dienstschluss deponieren sollte. Er wollte also keine Menschen gefährden, "keine Toten, vor allem keine Toten!", sondern bloß seinen Protest gegen die französische Kolonialpolitik in Algerien sichtbar machen. Iveton wurde gefasst, bevor die Bombe explodieren konnte. Und obwohl niemand zu Schaden kam, wurde er nur wenige Monate später guillotiniert.

Algerienkrieg - ein heikles Thema

Was aus heutiger Sicht völlig unverständlich erscheint, lässt sich nur mit der politisch aufgeheizten Atmosphäre erklären: Kurz zuvor hatten zwei schwere Attentate algerischer Unabhängigkeitskämpfer des FLN viele Opfer gefordert, Frankreich sah seine Souveränität in der wichtigsten Kolonie in Frage gestellt. An Fernand Iveton sollte deshalb ein Exempel statuiert werden, er starb "für Frankreich", wie Joseph Andras den damaligen Präsidenten René Coty zitiert.

Andras' Buch hat in Frankreich für viel Aufregung gesorgt. Der Algerienkrieg ist immer noch ein heikles Thema, man spricht lieber von den "Ereignissen in Algerien". Und die Affäre Iveton ist besonders pikant, weil alle Akten dazu vernichtet wurden und der damalige Justizminister François Mitterrand hieß. Derselbe Mitterrand, der bei seinem Amtsantritt als Präsident die Todesstrafe abschaffte – als wolle er sich von seinen Verfehlungen im Algerienkrieg und speziell vom Fall Iveton reinwaschen.

Ein politisch wichtiges Buch 

Joseph Andras, der als Autor anonym bleibt, hat in schriftlichen Interviews erklärt, ein politisches Anliegen zu haben. Er wolle an ein politisches Tabu rühren, um endlich ein offeneres Gespräch über Frankreichs immer noch schwieriges Verhältnis zu Algerien in Gang zu bringen. Das hat er geschafft, wie man an der kontroversen Rezeption des Buches in Frankreich sieht.

"Die Wunden unserer Brüder" ist aber nicht nur ein politisch wichtiges Buch, sondern auch sehr feine Literatur: Auf nur knapp 150 Seiten verdichtet Andras in kurzen, schlaglichtartigen Szenen, die einem beim Lesen den Atem rauben, wie der französische Staat aus dem untadeligen Arbeiter Iveton in kürzester Zeit einen gefolterten Todeskandidaten macht. Dazwischen schaltet Andras immer wieder etwas längere, anrührende Passagen über Ivetons große Liebe zu seiner Frau Hélène, die Iveton als Menschen zeigen und niemals ins Kitschige kippen. Ein kleines, wichtiges, starkes Buch.

Joseph Andras: Die Wunden unserer Brüder
Aus dem Französischen von Claudia Hamm
Carl Hanser Verlag, München 2017
158 Seiten, 18 Euro

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