Stabilität in Jordanien

Die Jugend bezahlt die Zeche

22:25 Minuten
Auf der Straße zeigt sich, wie jung Jordaniens Bevölkerung ist.
Unter jungen Menschen in Jordanien – und das ist die große Mehrheit im Land – wird die Arbeitslosigkeit auf etwa 50 Prozent geschätzt. © Josephine Schulz
Von Josephine Schulz · 20.01.2022
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Jordanien gilt als Stabilitätsanker im krisenreichen Nahen Osten und ist ein wichtiger Partner des Westens. Die Monarchie hat 1,4 Millionen Flüchtlinge aufgenommen. Aber der Preis für den vermeintlichen Frieden ist hoch - vor allem für junge Menschen.
Hashim spricht nicht gern über Geld. Aber nun muss es sein. „Wir haben seit sechs Jahren keine Unterstützung mehr vom UNHCR bekommen. Alles ist unglaublich teuer, der Strom, das Wasser, die Miete. Und seit der Coronapandemie ist es noch schlimmer, es gibt einfach keine Arbeit. Mein Sohn findet jetzt vielleicht an vier oder fünf Tagen im Monat Arbeit. Das reicht einfach nicht, um alles zu bezahlen.“
Hashim ist vor zehn Jahren mit seiner Familie aus Syrien geflohen. Im Gegensatz zu anderen Flüchtlingen, die aus dem Jemen, dem Irak, Sudan oder Somalia gekommen sind, darf Hashim als Syrer eingeschränkt arbeiten. Aber es gibt keine Jobs. Sogar die Kinder mussten als Tagelöhner arbeiten, um die Familie über die Runden zu bringen.
Hashim mit seinem Sohn vor ihrem Haus. Die Familie ist vor über zehn Jahren aus Syrien nach Jordanien geflohen.
Hashim mit seinem Sohn vor ihrem Haus. Die Familie ist vor über zehn Jahren aus Syrien nach Jordanien geflohen.© Josephine Schulz
„Die Jungs waren minderjährig, sie hatten natürlich keine Arbeitserlaubnis, das ist ja auch international verboten. Das war ziemlich gefährlich. Aber wir hatten keine Wahl. Wir mussten ja irgendwie die Miete bezahlen. Und alles war viel teurer als in Syrien.“

Flüchtlinge aus Syrien, Jemen und Somalia

In den vergangenen zehn Jahren sind rund 1,4 Millionen Flüchtlinge nach Jordanien gekommen. Nur der Libanon hat im Verhältnis zur eigenen Bevölkerung noch mehr Schutzsuchende aufgenommen. Die Bevölkerung ist dadurch in kurzer Zeit massiv gewachsen. 2011 hatte Jordanien noch siebeneinhalb Millionen Einwohner, heute sind es über 10 Millionen.
Aber der Arbeitsmarkt, die Städte, die knappen Wasser- und Energieressourcen sind diesem Bevölkerungsanstieg nicht gewachsen. Die Mietpreise in den Städten haben sich in den letzten Jahren fast verdreifacht und nach Jobs suchen nicht nur die Flüchtlinge verzweifelt, sondern auch die Jordanier.
Deshalb blüht der informelle Sektor: Straßenverkäufer, Uber-Fahrer, Touristenguides bevölkern die Straßen auf der Suche nach einem minimalen Einkommen. Durch einen ziemlich strikten Lockdown während der Pandemie sind aber auch viele Jobs im informellen Bereich weggebrochen. Meistens waren die Flüchtlinge die ersten, die von den Baustellen oder Feldern nach Hause geschickt wurden.
Jeden Tag rufen Hunderte beim UNHCR an, sind verzweifelt und bitten um einen Platz in einem Resettlement-Programm, erzählt Lilly Carlisle vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Aber die Chancen auf eine solche legale Einreise in die USA, nach Kanada oder Europa sind minimal. Im vergangenen Jahr gab es gerade einmal 5000 Plätze.
„Vor allem für junge Menschen ist das natürlich hart, Jugendliche oder Anfang Zwanzigjährige. Sie sind hier zur Schule gegangen, haben vielleicht sogar ein Stipendium für die Uni, aber danach haben sie keine Chance auf einen guten Job. Deshalb haben wir so viele Resettlement-Anfragen, sie sehen hier in Jordanien keine Zukunft – und auch nicht in Syrien.“

Trotz Uniabschluss ohne Perspektive

Ahmad ist Jordanier. Er ist arbeitslos und sucht schon seit Jahren einen Job. „Ich mache ein bisschen was im Bereich Streaming und Gaming, solche Sachen, aber ich bin da noch Anfänger. Also hauptsächlich bin ich auf der Suche nach einem Job. Aber alle in Jordanien suchen einen Job!“
Die Arbeitslosigkeit in Jordanien liegt auf einem Allzeithoch, bei 23 Prozent. Unter jungen Menschen – und das ist die große Mehrheit im Land – wird sie auf etwa 50 Prozent geschätzt.
Ahmad guckt ernst. „Ich würde sofort in ein anderes Land gehen, ohne groß darüber nachzudenken. Weil wir, also die jungen Leute, wir haben einfach keine Möglichkeit, das zu erreichen, was wir wollen. Außer wenn du durch Vetternwirtschaft irgendwo einen Job bekommst, sonst hast du kaum eine Chance.“
Viele junge Jordanierinnen und Jordanier haben einen Uni-Abschluss. Wer ein gutes Abitur macht, studiert danach Medizin, Jura oder Ingenieurswissenschaften. Aber vor allem die Akademiker finden keine Arbeit. Es gibt einfach zu viele Mediziner und zu viele Ingenieure. Jordaniens Wirtschaft steckt seit Jahren in der Krise. Viele junge Menschen gehen deshalb in die Golfstaaten. Ihre Geldzahlungen an die Familien sind für Jordanien überlebenswichtig.
Die Regierung hat lange versucht, niedrige Löhne durch Subventionen für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst abzufedern. So wurden beispielsweise Benzin, Strom, Wasser und Brot subventioniert. Aber das Land hängt am Tropf des IWF und mit dessen Krediten gehen harte Sparvorgaben einher. Jordaniens Schuldenquote liegt bei über 100 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Oft heißt es scherzhaft, der wichtigste Wirtschaftszweig, das seien die Zahlungen aus dem Westen. Allein die USA überweist dem Königreich jedes Jahr mehr als eine Milliarde Dollar. Aber für öffentliche Investitionen – zum Beispiel in den kaum existenten Nahverkehr – fehlt das Geld.

Proteste werden im Keim erstickt

2018 brach sich der Frust über die desaströse wirtschaftliche Lage Bahn. Zigtausende gingen auf die Straße und beteiligten sich an einem landesweiten Generalstreik.
Nur ein Jahr später, im Herbst 2019 organisierten die Lehrer den längsten Streik in der Geschichte Jordaniens, weil die Regierung ihrer Forderung nach einer Lohnerhöhung von 50 Prozent nicht nachkommen wollte. Das Gehalt von Lehrern ist so niedrig, dass viele parallel einen weiteren Job haben, um zu überleben.
Der Sicherheitsapparat antwortete mit harter Hand, die Kundgebungen der Lehrer wurden gewaltsam aufgelöst. Und schließlich wurde der Berufsverband der Lehrer mit einem Betätigungsverbot belegt, mit der Begründung, die Organisation sei von der Muslimbruderschaft unterwandert.
Oraib Al Rantawi ist ein bekannter Politikwissenschaftler und lauter Kritiker der Repressionen im Land. Er resümiert: „ Alle Proteste des arabischen Frühlings haben damit angefangen, dass die Menschen auf die Straße gegangen sind, weil sie etwas zu Essen auf dem Tisch wollten. Aber schon wenige Tage später riefen sie nach einem Regimewechsel, nach Demokratie und Menschenrechten.“

Hauptsache Stabilität

Stabilität hat im Königreich oberste Priorität. Das ist sozusagen Jordaniens Unique Selling Point – Ruhe inmitten von Bürgerkriegs- und Krisenstaaten. Das macht Jordanien zu einem wichtigen Partner für den Westen. Bei jedem Besuch loben westliche Minister und Staatschefs, Jordanien als Stabilitätsanker im Nahen Osten. Und Stabilität, das ist für die meisten untrennbar mit der Monarchie und dem König verbunden, meint Al Rantawi.
„Ich würde sagen, es gibt in Jordanien einen Konsens von 99 Prozent der Bevölkerung, dass die Monarchie das beste System für dieses Land ist.“
König Abdullah gilt als quasi neutrale Instanz, der die Einheit Jordaniens sichert. Er gehört weder den transjordanischen Stämmen an, noch der Bevölkerungsmehrheit, die aus den Palästinensergebieten nach Jordanien geflohen ist, wird aber von allen akzeptiert. Im Frühjahr 2021 sah es kurz so aus, als würde die Stabilität ins Wanken geraten. Und das ausgerechnet aus dem Palast selbst heraus.
Zu sehen ist eine Straßenszene im Zentrum von Amman.
Das Zentrum von Amman: Bei jedem Besuch loben westliche Minister und Staatschefs Jordanien als Stabilitätsanker im Nahen Osten.© Josephine Schulz
Hamza, der Halbbruder des Königs Abdullah, wurde unter Hausarrest gestellt, von der Planung eines Putsches war die Rede. Der junge Hamza ist sehr beliebt bei den Jordaniern. Er gilt als jemand, der nah an den Menschen dran ist, ihre Sorgen kennt und offen anspricht. Aus dem Arrest verschickte er diese Videobotschaft.
„Dieses Land war mal ein Vorreiter in der Region, ein Vorreiter in Sachen Bildung, Ge-sundheitsversorgung, Freiheit und Würde der Menschen. Aber es hat sich in ein Land gewandelt in dem schon die kleinste Kritik an der Politik zu einer Verhaftung oder zu Bedrohungen durch den Sicherheitsapparat führt. Und niemand mehr seine freie Meinung äußern kann. Im herrschenden System zählen persönliche Interessen und Korruption mehr als die Zukunft der zehn Millionen Bürger in diesem Land.“

Politiker, die wie Halbgötter leben

Ein paar Tagen später erklärte Hamza öffentlich seine Loyalität zum König und verschwand dann weitgehend aus der Öffentlichkeit. Grundlegende Kritik am System wird von dem starken jordanischen Geheimdienst in jeder Form unterbunden. Kritiker werden schnell zum Schweigen gebracht.
In Jordanien werden zwar regelmäßig Wahlen abgehalten, allerdings hat das gewählte Parlament kaum etwas zu sagen. Der König tauscht in relativ kurzen Abständen die Regierungsmitglieder aus. Und abgesehen von der Muslimbruderschaft fehlen Parteien, die für echte Programme antreten. Das Wahlsystem sorgt dafür, dass im Parlament vor allem Einzelpersonen sitzen, Repräsentanten ihrer jeweiligen Stämme, die ihre eigenen Netzwerke versorgen, erklärt der Politikwissenschaftler Al Rantawi.
„Da ist eine riesige Kluft zwischen den Bürgern auf der einen Seite und den Entscheidungsträgern und staatlichen Institutionen auf der anderen. In der Öffentlichkeit herrscht große Verzweiflung und auch Wut. Ich hoffe, die Eliten verstehen das als Weckruf.“
Bei aller Frustration ist allerdings auch die Angst der Jordanier vor Chaos groß. Sie sehen die Situation im Libanon, im Irak, in Syrien und wissen, wie fragil Stabilität im Nahen Osten sein kann. Oraib Al Rantawi glaubt trotzdem, dass es nicht ewig so weitergehen wird, dass vor allem die Jugend nicht ewig stillhalten wird.
„Die wollen Essen auf dem Tisch, Bildung, Gesundheit und vor allem Jobs. Aber eben auch Freiheit. Und sie wollen mitentscheiden. Wir leben in der digitalen Revolution, die Menschen sehen doch, wie es woanders zugeht und sie finden, dass sie das Gleiche verdienen. Die Korruption, Politiker, die wie Halbgötter leben, das wird nicht länger akzep-tiert.“
Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. (DGVN) finanziert.

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