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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.11.2016

Jonathan Safran Foer: "Hier bin ich"Überladener Familienroman

Von Fabian Wolff

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Jonathan Safran Foer  (imago/Leemage)
Jonathan Safran Foer (imago/Leemage)

Jonathan Safran Foers "Hier bin ich" möchte ein großes, Grenzen sprengendes Sittenbild sein. Doch als Eheroman ist das Buch zu einseitig, als jüdische Satire zu zahnlos, als Roman über Sex zu prüde, als Dystopie zu unausgegoren.

Für ein paar Jahre war Jonathan Safran Foer die große junge Hoffnung der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Seine Romane "Alles ist erleuchtet" und "Extrem laut und unglaublich nah" begeisterten Kritiker und Leser. Verspielt und trotzdem ernsthaft stellte sich Foer jüngerer und jüngster Geschichte.

"Hier bin ich", sein erster Roman seit zehn Jahren, ist weniger verspielt, dafür ambitionierter. Safran Foer bedient sich des Genres des Ehe- und Familienromans und erkundet das Wesen von Liebe, Partnerschaft, Erotik, Internet, Mann-Sein, Vater-Sein, Jüdisch-Sein.

Lebensferne Dialoge

Sein ostentativ hadernder Held ist der Familienvater Jacob Bloch, der mit Noch-Ehefrau und drei Söhnen in Washington lebt. Er ist Schriftsteller, der – nach einem vielversprechenden Karrierebeginn und einem renommierten jüdischen Literaturpreis – fürs Fernsehen schreibt. Sein Traumprojekt: "Immerfort sterbende Menschen", eine autobiografische Tragikomödie, in der er seinen Ärger mit seiner Ehefrau Julia und seinen Söhnen, sein schwieriges Verhältnis mit seinem politisch konservativem Vater und seine vage sexuelle Unzufriedenheit verarbeitet.

Safran Foer erzählt diese Geschichte vor allem über Dialoge, doch diese wirken in der Übersetzung noch lebensferner als schon im Original. Dazu kommen hölzerne Weisheiten über die Tiefenstruktur der Welt, etwa: "Alle glücklichen Morgen gleichen einander, wie auch alle unglücklichen Morgen".

Das Herz des Buches sollen die Beobachtungen über den Alltag einer jüdischen Familie in den USA sein, zwischen eher gefühlten denn gelebten religiösen Praxis, politischen Querelen und den Schatten der Shoah.

Das Fernsehen erzählt die besseren Geschichten

Bei solchen riesigen Themenkomplexen wäre es nur passend, wäre "Hier bin ich" tatsächlich die von Jacob erdachte Fernsehserie, schließlich gilt seit einigen Jahren das Fernsehen als der Ort, wo endlich wieder große Geschichten mit Realitätsanspruch und herausfordernden Narrativen erzählt werden können. Längst haben Schriftsteller dieses Format für sich entdeckt, sei es als tatsächliches Betätigungsfeld oder als Vorbild für epische Gesellschaftsporträts, eher geschult an HBO denn an John Dos Passos.

Auch "Hier bin ich" möchte so ein großes, Grenzen-sprengendes Sittenbild sein. Doch als Eheroman ist das Buch zu einseitig, als jüdische Satire zu zahnlos, als Roman über Sex zu prüde, als Dystopie zu unausgegoren.

Ohne den vergangenen Zwanzigjährigen-Bonus zeigt Safran Foer, was er die ganze Zeit schon war: ein fähiger Kompilierer, der jetzt allerdings glaubt, seinen Vorbildern ebenbürtig zu sein: früher Sebald und Bruno Schulz, heute Michael Chabon und Philip Roth. Doch auch für Safran Foer gilt: 600 Seiten machen noch kein Meisterwerk.

Jonathan Safran Foer: "Hier bin ich"
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016
688 Seiten, 26 EUR

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