Mittwoch, 20.03.2019
 

Frühkritik | Beitrag vom 15.02.2019

Jonathan Lethem: "Der wilde Detektiv" Exzentrischer Ermittler mit Opossum

Von Thomas Wörtche

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Das Cover von Jonathan Lethems "Der wilde Detektiv" vor einem Hintergrundbild. (Tropen / Unsplash / Courtney Corlew)
"Der wilde Detektiv" schildert einen bizarren Roadtrip in die Wüste der USA. (Tropen / Unsplash / Courtney Corlew)

Der US-amerikanische Autor Jonathan Lethem treibt in "Der wilde Detektiv" ein postmodernes Spiel mit dem Kriminalroman - und schildert die Erschütterungen, die Trumps Wahl im linksliberalen Teil der USA ausgelöst hat.

Erst gewinnt Donald Trump die Präsidentschaftswahl, dann stirbt auch noch Leonard Cohen – zwei Schläge im November 2016, die Phoebe Siegel, Medienprofi aus Manhattan, schwer treffen. Sie fällt in ein tiefes Loch, ist verzweifelt, deprimiert, orientierungslos. Um nicht ganz katatonisch zu werden, begibt sie sich auf die Suche nach der verschwundenen Tochter ihrer besten Freundin. Eine Suche, die sie nach Kalifornien zu einem Privatdetektiv mit dem bezeichnenden Namen Charles Heist führt (heist, engl. = Raub; heist novel = Subgenre der Kriminalliteratur), auch bekannt als der "wilde Detektiv".

Jonathan Lethem, US-Autor des Buchs "Der Garten der Dissidenten", das von einer zerrissenen amerikanischen Familie handelt, beim Interview im Deutschlandradio Kultur am 5. März 2014. (Bettina Straub / Deutschlandradio)Jonathan Lethem – 2014 zu Gast bei Deutschlandfunk Kultur. (Bettina Straub / Deutschlandradio)

Zusammen machen sich die beiden auf einen Roadtrip in die Wüste, wo übriggebliebene Hippie-Communitys im Lauf der Jahrzehnte zu mehr oder weniger atavistischen "Stämmen" mutiert sind: zu den eher pazifistischen "Kaninchen" und zu den eher aggressiven "Bären". Bei Letzteren wiederum ist Charles Heist aufgewachsen, ihren blutigen Ritualen muss auch er sich unterziehen, damit Phoebe und er die verschwundene, junge Frau heimholen können.

Pazifistische "Kaninchen" und aggressive "Bären"

Seit "Motherless Brooklyn" (1999), dem Roman über einen Privatdetektiv mit Tourette-Syndrom, hat Lethem immer wieder mit allen möglichen Formen und Themen der Populärkultur jongliert, meistens hybrid, meistens mit deutlichen Akzenten auf der Meta-Ebene. So scheint auch "Der wilde Detektiv" zunächst ein klassischer Privatdetektivroman zu sein: ein exzentrischer Ermittler, der ein Opossum statt einer Whisky-Flasche im Schreibtisch hat, und eine Klientin, die anscheinend Aussichtsloses verlangt.

Amerika als ein surreales Panorama

Aber im Lauf der Handlung verdrehen sich die Verhältnisse: Phoebe wird die treibende Kraft, ohne sich zur genretypischen Femme fatale herauszustellen. Das "Monster im Turm" verändert alles, die alten Parameter der amerikanischen Gesellschaft geraten durcheinander, die atavistischen Stämme werden zu ironisch-alternativen Optionen.

Das Amerika, das Phoebe und Heist durchreisen, erscheint wie ein surreales Panorama, zusammengesetzt aus "Mad Max – Fury Road", J. G. Ballards "Hello, America!" und Baudrillards "Amérique". Opak, bizarr, vieldeutig und undurchsichtig, manchmal wie ein schlechter Trip im gleißenden Licht der Wüstensonne, dann wieder von Regen und Schlammlawinen verdüstert. Aber nicht hoffnungslos, was Lethem in das wunderbare Bild einer Bikerin übersetzt: ein "goldenes Mädchen" auf einer "chromgelben Harley" auf dem Weg in ein "fabelhaftes Nirgendwo" – der Weg, den auch Phoebe nehmen wird.

Gleichzeitig "modernisiert" Lethem den guten, alten Privatdetektivroman: Er belässt ihm sein Kerngeschäft der Aufklärung, bei allem Zweifel an der Aufklärbarkeit der Welt. Aber Lethem macht auch klar, dass neue Erzählstrategien dafür nötig sein werden. Solche zum Beispiel, wie sie "Der wilde Detektiv" anbietet.

Jonathan Lethem: "Der wilde Detektiv", Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach, Tropen Verlag, Stuttgart 2019. 335 Seiten, 22 Euro

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