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Tonart | Beitrag vom 29.08.2018

Jonathan Jeremiah: "Good Day" Altmodisches Album mit optimistischer Botschaft

Jonathan Jeremiah im Gespräch mit Mathias Mauersberger

Der britische Musiker Jonathan Jeremiah auf dem A Summer's Tale Open Air Festival 2018: Festival in der Lüneburger Heide (dpa / picture alliance / Jazzarchiv / Isabel Schiffler)
Musikalischer Blick zurück auf "Good Day": Jonathan Jeremiah (dpa / picture alliance / Jazzarchiv / Isabel Schiffler)

Retro-Soul ist seit einigen Jahren stark angesagt. Aber mit seiner Huldigung an den Sixties-Soul europäischer Prägung besetzt Jonathan Jeremiah eine ganz eigene Nische. Für sein Album "Good Day" hat er sich ins Studio von "Kinks"-Sänger Ray Davis einquartiert.

"Mir geht es gar nicht so sehr um bestimmte Jahrzehnte. Ich wurde durch die Plattensammlung meiner Eltern geprägt. Durch die Songs, die im Auto liefen, wenn wir in den Urlaub nach Spanien oder Irland fuhren…"

Egal, was Jonathan Jeremiah auch sagt, sein neues Album "Good Day" klingt wie eine verschollene Platte aus den Sechzigern: Die eleganten Streicher, der knorrige Beatles-Bass, ein nuschelnder Bariton, der von Kindern in Sommerkleidern erzählt. Aber der Londoner ist weit mehr als ein bloßer "Sixties-Imitator".

"Das Album hat eine Art europäisches Soul-Feeling. Ich hörte viel Serge Gainsbourg, Jacques Brel oder Scott Walker, der zwar Amerikaner ist, aber in London lebt. Wir haben in Europa ein reiches Erbe an Soul- und Jazz-Musik. Und das sollten wir mehr würdigen."

Während Kollegen wie Michael Kiwanuka oder Leon Bridges vor allem ihr afroamerikanisches Erbe pflegen, huldigt Jonathan Jeremiah also dem europäischen Pop der Sechziger und Siebziger - und besetzt damit eine eigene Nische im großen Retro-Folk-und-Soul-Gewerbe.

Sein Gesangs-Stil erinnert immer wieder an den unterschätzten Briten John Martyn, der als Folkie begann und sich nach und nach Jazz und Blues öffnete. Authentisch wirkt "Good Day" vor allem durch den warmen, natürlichen Klang, der in den Londoner Konk-Studios des The-Kinks-Sängers Ray Davies entstand.

"Ray hat dieses wundervolle Studio, das kein bisschen 'schickimicki' ist, sondern eher alt und rustikal. Das allerletzte, was ich möchte, ist, ins Studio zu gehen und erstmal einen Rechner hochzufahren. Wir nehmen auf altem analogem Equipment auf, 16 oder acht Kanäle. Das schränkt dich ein, macht es schwerer, Spielfehler auszubügeln. Es verlangt mehr Disziplin, und das mag ich."

Arrangements mit edler Note 

Analoge Bandmaschinen gegen die Allmacht der Computer: Die elf Songs auf "Good Day" sind handwerklich exzellent umgesetzt. Die Streicher und Bläser-Arrangements verleihen den Stücken eine edle, erhabene Note. Songs wie "Mountain" oder "The Stars Are Out" erinnern an Zeiten, als Popmusik noch kunstvoller war als heute, Produzenten wie Burt Bacharach die Hitparaden dominierten.

Aber woher kommt denn nun Jonathan Jeremiahs Faszination für die gute, alte, handgespielte Musik?

"Als Kind habe ich oft meine Onkel und Tanten in Irland besucht. Meine Mutter ist eins von 16 Kindern. In jedem Haus stand ein Klavier, der Fernseher war ausgeschaltet, man sang zusammen Lieder. Diese Tradition hat auf mich abgefärbt. Ich mag es auch heute noch, wenn fünf Leute zusammenspielen. Das klingt ganz anders, als wenn nur eine Person mit sich selbst spricht."

Vielleicht hatte Jonathan Jeremiah Pech, nicht einige Jahrzehnte früher geboren worden zu sein. Vielleicht aber auch Glück, seine Musik nun einem Publikum präsentieren zu können, das die Originale nicht mehr unbedingt kennen dürfte. Das Debüt "A Solitary Man" erreichte in Deutschland die Top20 der Album-Charts. Sogar James Bond-Komponist John Barry bat Jeremiah um eine Zusammenarbeit. Zwischen Mainstream und anspruchsvollem Pop wird auch "Good Day" sein Publikum finden. Und es passt gut in eine Zeit, in der alte Schallplatten im Internet Höchstpreise erzielen und Großbritannien den Brexit probt. Ein altmodisches Album, mit einer optimistischen Botschaft.

"Ein Song wie 'Shimmerlove' handelt von einer Freundin, die für die Vereinten Nationen arbeitet. Ihr Job ist es, Flüchtlinge aus Syrien nach Bochum zu bringen. Einige dieser Jungs hätten ihren Namen und Geburtsort auf den Arm tätowiert, damit man sie Nachhause schicken könne, falls ihnen etwas zustieße. Davon handelt auch das Album: Nicht aufzugeben, sondern auch in schweren Zeiten etwas Gutes zu finden."

Mehr zum Thema

"Oh Desire" von Jonathan Jeremiah - Musik als Selbsttherapie
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 08.04.2015)

Pop: "A Solitary Man"
(Deutschlandfunk Kultur, Album der Woche, 15.08.2011)

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