Donnerstag, 27.02.2020
 

Studio 9 | Beitrag vom 22.01.2020

"Jojo Rabbit"-Regisseur Taika WaititiDer Anti-Hitler

Von Anna Wollner

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Taika Waititi steht in Nazi-Uniform und mit Hitlerbärtchen in einem Filmset. (picture alliance/Everett Collection/Kimberly French)
Taika Waititi galt in Hollywood schon länger als der durchgeknallte Neuseeländer mit Hut. Mit "Jojo Rabbit" hat er jetzt richtig Fuß gefasst. (picture alliance/Everett Collection/Kimberly French)

Durchgeknallt, schräg, rabenschwarz – das sind die Adjektive, mit denen die Anti-Hass-Hitler-Satire "Jojo Rabbit" häufig beschrieben wird. Sie treffen aber auch auf den Regisseur und Hauptdarsteller des Films zu, den neuseeländischen Comedian Taika Waititi.

Beim Filmfestival von Toronto war "Jojo Rabbit" der Film, über den alle sprachen. Nun feiert die Satire, mittlerweile mit sechs Oscar-Nominierungen geadelt, Berlin-Premiere und kommt am Donnerstag in die deutschen Kinos. Regisseur des Films ist der neuseeländische Comedian Taika Waititi, Sohn eines Maori und einer russisch-jüdischen Mutter. Er spielt in "Jojo Rabbit" selbst eine der Hauptrollen: einen imaginären Adolf Hitler. Denn die Satire handelt von einem zehnjährigen, deutschen, nationalistischen Jungen, der einen imaginären Freund in Gestalt Hitlers hat, sich immer wieder mit ihm unterhält:

"Hallo Adolf!" Und Hitler alias Waititi antwortet: "Willst du mir von dem Kaninchenvorfall erzählen? Was war denn da los?" – "Sie wollten, dass ich es töte. Es tut mir leid: Ich konnte es nicht."

Jojo Betzler, zehneinhalb Jahre alt, ist Hitlerjunge durch und durch. Seine Identifikation mit dem Jungvolk geht so weit, dass sein bester imaginärer Freund Adolf Hitler persönlich ist – und der Junge immer wieder das Gespräch mit ihm sucht. In der Szene mit dem Kaninchen tröstet Hitler ihn sofort: "Mach dir keinen Kopf, das ist mir schnurzegal!" – "Aber jetzt nennen sie mich einen Hasenfuß...", entgegenet Jojo. Und Hitler alias Waititi antwortet: "Sollen sie doch sagen, was sie wollen! Über mich haben die Leute haufenweise fiese Dinge gesagt: 'Oh, der Kerl ist wahnsinnig' oder 'Oh, seht euch nur diesen Psycho an, der wird uns noch alle umbringen'."

Eine rabenschwarze Komödie

"Jojo Rabbit" ist eine rabenschwarze Komödie, die anfängt wie ein Wes-Anderson-Film, mit Versatzstücken von Anne Franck und Monthy Phyton spielt - und aufhört wie Tarantino. Eine Anti-Hass-Hitler-Satire, dessen Hauptdarsteller der Regisseur selbst ist: Taika Waititi. Nicht etwa, weil er in Hollywood keinen passenden Schauspieler gefunden habe, sondern weil sein Auftreten dem Film einen besonderen Twist gibt.

"Wenn ein Schauspieler aus der ersten Riege Hollywoods die Rolle gespielt hätte, wäre es sein Film geworden", sagt Waititi im Interview. "Und vor allem der BlaBlaBla-Hitlerfilm. Aber ich wollte einen Film machen, in dem die kindliche Perspektive im Vordergrund steht. Und der Umgang mit Toleranz und Akzeptanz. Mit einem Star wäre es eben nur noch DER Hitler-Film. Aber das wird dem Film eben nicht gerecht."

Film basiert auf Roman "Caging Skies"

"Jojo Rabbit" will mehr sein. Der Film basiert lose auf dem Roman "Caging Skies" von Christine Leunens, verdichtet die Vorlage und reichert sie mit schwarzem Humor an. Waititi erzählt von den Schrecken des Krieges an der Heimatfront aus der naiven, kindlichen Perspektive – seine Vorbilder sind Mel Brooks, Charlie Chaplin und Ernst Lubitsch. Filmemacher, die Waititi verehrt und in Vorbereitung auf den Film absichtlich ignoriert hat, um seinen eigenen Ansatz und seine eigene filmische Sprache zu entwickeln.

Dazu gehörte auch, sich für seine Rolle des imaginären Freundes eben bewusst nicht vorzubereiten: "Warum sollte ich ihm diese Genugtuung geben, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihm zu führen?", fragt sich Waititi. "Außerdem spiele ich ja gar nicht Hitler. Ich spiele Jojo als Erwachsenen - in einer Zukunftsvision wie er eventuell sein könnte." Er finde, sagt Waititi, dass man dem Film ansehe, dass er sich keine Mühe gegeben habe. Es gebe genug Bildmaterial von Adolf Hitler. "Da sieht man doch schon, dass wir einen ganz anderen Körperbau haben, uns ganz anders bewegen und anders sprechen." Er spiele "eigentlich nur eine alberne Version meiner selbst, die zufällig diese typische Frisur und das Bärtchen hat und Uniform trägt. Aber diese Version von Hitler kann nur wissen, was ein Zehnjähriger weiß, weil er der Phantasie eines Zehnjährigen entspringt."

Dabei ist Taika Waititi wohl der Einzige, der perfekt dafür ist. In Hollywood gilt er als der durchgeknallte Neuseeländer mit Hut, hat mit "Flight of the Concords" eine Kultserie erschaffen, ist das Mastermind hinter der Vampir-Mockumentary "Fünf Zimmer Küche Sarg", durfte bei der Regie des Marvelfilms "Thor 3: Tag der Entscheidung" große Blockbusterluft schnuppern – und hat dem Film seinen eigenen, bunten, durchgeknallten Stempel aufgedrückt.

Komödie "noch immer ein starkes Werkzeug"

Der 44-Jährige selbst hat maorisch-jüdische Wurzeln, sein Großvater hat im Zweiten Weltkrieg gedient, als Kind litt er unter Vorurteilen gegenüber seiner Herkunft. Für Waititi ist "Jojo Rabbit" ein Film gegen das Vergessen: "Es gibt genug Leute da draußen, die denken, dass wir genug über den Zweiten Weltkrieg geredet haben, dass wir es alle verstanden haben. Haben wir auch. Aber einige sind wohl ganz gut im Vergessen", meint der Regisseur.

Und Waititi fährt fort: "Wenn wir eines vom Kriegsende gelernt haben, dann das Nazis am Ende ins Gefängnis kamen. Aber heute darf man als Nazi wieder fast alles." Es brauche neue Wege, neue Blickwinkel der Auseinandersetzung, so Waititi. Eine Komödie sei zwar keine neue Idee, aber ein Ansatz, der funktioniere. "Diktatoren können mit Humor nicht umgehen. Sie hassen es. Trump ist da ein gutes Beispiel. Er erträgt es nicht, wenn man sich über ihn lustig macht. Das ist eine seiner größten Schwächen. Er hört auf zu regieren, um sich auf Twitter über Prominente aufzuregen, die sich über ihn lustig gemacht haben. Die Komödie ist also noch immer ein starkes Werkzeug."

Spätestens jetzt hat Waititi in Hollywood Fuß gefasst. Im Moment ist er als Regisseur eines neuen Star Wars-Films im Gespräch. Wer, wenn nicht er, wäre dafür genau der Richtige.

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