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Tonart | Beitrag vom 25.06.2021

John Grant: "Boy from Michigan"Narben vom amerikanischen Traum

Von Christoph Reimann

John Grant sitzt bei einem Auftritt am Klavier.  (imago / PA Images / Richard Gray)
Auf John Grants neuem Album ist die Kälte seiner Erfahrungen zu hören. Wenn durch Klarinette oder Saxofon Wärme hineinkommt, ist es brillant. (imago / PA Images / Richard Gray)

John Grant ist in einem Umfeld aufgewachsen, das Probleme mit seiner Homosexualität hatte. Noch immer kämpft er mit seinen Traumata und damit, vom amerikanischen Traum ausgeschlossen zu sein. Sein neues Album erzählt vom tiefen Riss in der Gesellschaft.

Da ist ein Bulle, der den Schrottplatz bewacht, zu dem der Vater fährt. Nachts besucht das Tier John Grant in seinem Kinderzimmer und sagt: Du kannst es nicht ungeschehen machen. Gemeint sei, sagt Grant auf Deutsch, dass die Homosexualität schon in ihm drin gewesen sei und nicht ungeschehen gemacht werden konnte von seinem Vater. 

Grant hat als junger Mensch in Michigan über Musikzeitschriften Nina Hagen entdeckt. Ihre Musik faszinierte ihn so sehr, dass er sich entschloss, Deutsch zu lernen. Irgendwann kam ein Auslandsaufenthalt in Heidelberg dazu.

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Grant erzählt weiter aus seiner Familie: 

"Ich bin nachts um drei immer wieder aufgewacht, habe meine Mutter aus dem Bett geholt, habe versucht, ihr zu erzählen, was da bei mir am geschehen war. Und dann hat sie meinem Vater das gesagt. Und dann kam mein Vater mal zu diesen Treffen spätnachts und ist sauer geworden. Und meinte: Das darf nicht sein."

Noch 40 Jahre später wird John Grant von seinen Kindheitstraumata heimgesucht. Das ist der Boy from Michigan, der dem Album seinen Namen gibt: aufgewachsen in einem strenggläubigen Umfeld, das, vorsichtig formuliert, Probleme damit hat, seine Homosexualität zu akzeptieren. Immer wieder lässt Grant tief blicken: in seine Familie, aber auch in die amerikanische Seele. Etwa wenn er singt: Der amerikanische Traum kann zu Narben führen.

"Ich glaube, dass man ein bestimmtes Spiel mitspielen muss, um an diesem Traum teilnehmen zu dürfen. Es wird behauptet, dass jeder die gleichen Chancen hat, aber das ist natürlich Quatsch. Für ‚Perverse‘ wie mich hat das etwas ganz anderes bedeutet. Und zwar, dass man nicht herzlich willkommen geheißen wurde. Sondern dass man gesagt bekommen hat, du darfst nicht an diesem Traum teilnehmen, es sei denn, du verneinst, was du bist."

Seit zehn Jahren auf Island

John Grants Familie besteht aus Trump-Wählern. Der ist zwar nicht mehr im Amt, aber die Gräben sind nur noch tiefer. Die Geschichte vom tiefen Riss – hier ist sie in Albumform.

"Wenn man diesen Mann gut findet und gut für das Land, dann kann man nicht mich gut finden."

Seit zehn Jahren lebt der vielsprachige John Grant auf Island. Statt Urlaub zu machen, wie er im Song "Rhetorical Figure" singt, konjugiert er lieber unregelmäßige deutsche Verben. Und regt sich über Leute auf, die mit ihrem Portfolio angeben wollen.

Die übrige Zeit verbringt John Grant mit seinen analogen Synthesizern, die auch den Sound des Albums prägen.

"Ich bin so ein Synthesizer-Freak und ich gebe mein ganzes Geld für Synthesizer aus."

Der Sound spiegelt oft die Kälte der Erfahrungen, die Grant mit sich herumträgt. Nur manchmal bringen eine Klarinette und ein Saxofon etwas Wärme in die Songs – und man wünschte, das passierte häufiger. Aber wenn es passiert, dann ist das Album brillant. Besonders die Balladen. So schön können Narben sein, wenn sie heilen.

John Grant hatte noch als Erwachsener viele dunkle Jahre mit selbstzerstörerischem Verhalten. Für sein fünftes Soloalbum, für The Boy From Michigan" hätte man ihm, der im Interview oft mehr von sich preisgibt als so mancher enger Freund, vielleicht gewünscht, dass er etwas mehr in die Zukunft blicken kann. Aber wir tragen unsere Vergangenheit immer mit uns, meint er, und bekräftigt, dass es ihm gut geht.

"Ja, ich glaube, ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich das Leben genießen kann. Ich weiß das Am-Leben-Sein zu schätzen."

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