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Buchkritik | Beitrag vom 07.01.2021

John Burnside: "What light there is"Schönheit, die die Zeit anhält

Von Rainer Moritz

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Cover des Buchs "What light there is. Über die Schönheit des Moments" von John Burnside. (Haymon / Deutschlandradio)
John Burnside beschreibt die Menschen in seinem Essay als soziale und fantasievolle Wesen. (Haymon / Deutschlandradio)

"What light there is" von John Burnside ist ein Essay mit einer Fülle von anregenden Gedanken: über Kunst, Kultur und Natur, das Sterben und den Tod.

Als Lyriker, Romancier ("Glister") und Verfasser eines großartigen autobiografischen Zyklus hat sich der 1955 geborene Schotte John Burnside hierzulande längst einen Namen gemacht. Mit "What light there is" legt er nun im Innsbrucker Haymon Verlag einen Essay vor, dessen Thema nicht leicht zu bestimmen ist.

Gewiss, der in vier Kapitel gegliederte, bewusst assoziativ vorgehende Text handelt, wie der Untertitel nahelegt, von der "Schönheit des Moments" – also beispielsweise von jenen Erfahrungen, die John Burnside über seine oft tristen Erlebnisse als Kind und Jugendlicher in einer sterbenden schottischen Bergarbeiterstadt und dann in den englischen Midlands hinweghalfen.

Den Trübsinn des Alltags vergessen

Immer wieder sind es Werke der Kunst und Literatur – Burnside zitiert aus einem vielfältigen, von William Shakespeare über Walt Whitman und Elizabeth Barrett Browning bis zu Umberto Saba reichenden Fundus –, die zu einer beseligenden Inspiration werden und den Trübsinn des Alltags vergessen lassen.

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Auch die Natur verschafft solche befreienden Augenblicke, doch fast immer sind diese "Schönheitsmomente" grundiert davon, dass sie nicht ewig währen und den Verfall, den Tod in sich tragen.

Gleich zu Anfang etwa, wenn sich Burnside daran erinnert, wie er die Bäche und Rinnsale seiner schottischen Heimat für sich eroberte, kommt er nicht umhin, das nur scheinbar Friedliche und Unschuldige dieser Natur zu erkennen: Jahr für Jahr wird aus der Strömung "eine Handvoll Leichen" geborgen, tote Kuhhirten oder Selbstmörder, die als "Hautsäcke voller Knochen und gelber Körpersäfte" angeschwemmt werden.

Flüchtige Vergänglichkeit von Himmel und Jahreszeit

So verwandelt sich der Blick auf das Schöne rasch in ein Nachdenken über das Sterben und den Tod. Auf diesen vorzubereiten, darum geht es Burnside, um die Ars Moriendi, um die Sterbekunst, die seine "kleine Meditation nachzuahmen strebt".

Hierfür eröffnet er ein weites Feld von mitunter recht sprunghaften und nur lose miteinander verbundenen Räsonnements und Reflexionen, die nicht nur dem Tod und dem Sterben gelten, sondern auch dem Altern, diesem "langsamsten Prozess, den der Mensch kennt", dem ökologischen Desaster unserer Gegenwart oder den Versuchen, an entlegenen Orten - in einer norwegischen Hütte am Polarkreis oder irgendwo in Kansas - die "flüchtige Vergänglichkeit von Himmel und Jahreszeit" zu erfahren.

Der Mensch als fantasievolles, soziales Wesen

Burnsides Essay ist eine Fundgrube an anregenden Gedanken und Abschweifungen. Am eindrücklichsten vielleicht ist er, wenn er die Kunstwerke anderer erschließt und für seine Zwecke interpretiert. Richard Avedons Fotoserie über seinen sterbenden Vater zählt dazu, aber auch die niederländischen Gemälde eines Hendrick Averkamp oder eines Jan van Goyen.

Deren prall gefüllte Szenerien einer mit Lust und Laune sich dem Eislauf hingebenden Bevölkerung gaben dem Außenseiterkind John Burnside früh das Gefühl, einem demokratischen, spielerischen Prozess beizuwohnen, der die Menschen nicht als bloß kommerzbesessene, sondern als fantasievolle, soziale Wesen zeigt. So führt das Nachdenken über den Tod ins Leben zurück, zu den die Zeit anhaltenden Momenten der Schönheit.

John Burnside: "What light there is. Über die Schönheit des Moments"
Aus dem Englischen von Bernhard Robben 
Haymon, Innsbruck/Wien 2020
176 Seiten, 19,90 Euro

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