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Religionen / Archiv | Beitrag vom 17.03.2012

Johannes-Passion für Gläubige und Zweifler

Ein Projekt der theologischen Fakultät der Humboldt-Universität

Von Gerd Brendel

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Im Berliner Dom wird die Johannespassion in einer ha’atelier-Fassung aufgeführt. (AP Archiv)
Im Berliner Dom wird die Johannespassion in einer ha’atelier-Fassung aufgeführt. (AP Archiv)

Ein Text, der Jesu Leiden und Tod schildert, ist die Passionsgeschichte im Johannes-Evangelium. Jetzt wird im Berliner Dom eine besondere Johannes-Passion aufgeführt. Neun der zehn Arien erklingen mit neuen Texten. Bereits 2005 hatten die Initiatoren diese Version in Auftrag gegeben.

"Es geht mir gegen den Strich, dass ein Text, der belastet ist, mit einer Wirkungsgeschichte, die auf Kosten der Juden gegangen ist, unkommentiert weiter gegeben wird."

Der protestantische Theologe Peter von der Osten-Sacken ringt mit Bachs Johannespassion:

"Man kann nicht so tun, als hätte diese Geschichte, dass die Juden als Gottesmörder dargestellt werden, als hätte die diese keine verhängnisvolle Wirkungsgeschichte gehabt, man kann das nicht einfach unkommentiert reproduzieren."

Wenn zum Beispiel der Evangelist Johannes die Menge vor Pilatus, pauschal als "sie" , die "Juden" darstellt.

Musik: "Sie schrien aber: Weg, weg mit dem, kreuzige ihn."

Bromann: "Mein erstes Erlebnis mit der Johannespassion war, als ich acht Jahre alt war, da hab ich im Kinderchor mitgesungen die Choräle und war von diesem Werk sehr ergriffen."

Musik: "Wer hat Dich so geschlagen? Ich, ich und meine Sünden."

"Bei diesem Choral antwortet er selber auf die Frage: Wer hat Dich so geschlagen? Mit einer zweiten Strophe.Ich und meine Sünden, fern von allem Antisemitismus."

Der Berliner Domkantor Tobias Brommann teilt die Kritik des protestantischen Theologen Peter von der Osten-Sacken am antijüdischen Charakter der Johannespassion nicht. Wie er kennt auch der jüdische Komponist Sidney Corbett die Johannespassion ein Leben lang:

"Ich verbinde eine ganze Reihe von Dingen damit, Kindheit.. das war die Musik, die gespielt wurde, als mein Vater gestorben ist, als ich mich auf den Weg machte zu seiner Beerdigung. Es hat in Los Angeles geregnet, was sehr ungewöhnlich ist im September. Es ist eine Art Heimat für mich."

Ähnlich schildert es die jüdische Philosophin Shulamit Bruckstein-Coruh:

"Der Bezug auf Bach und auch die Passionen ist nichts Theologisches für die Juden, es ist etwas völlig Subjektiv-Ästhetisch-Menschliches, dass das die Dinge sind, die wir jedes Jahr hören, und wo wir uns zuhause fühlen."

Doch Bruckstein weiß, dass nach konservativer christlicher Deutung die Juden vom Heilsgeschehen ausgeschlossen sind, eben wie die im Johannesevangelium nur als "Juden" bezeichnete Menschenmenge vor Pilatus. Das Werk ist ihr und Corbett deswegen eben nicht nur Heimat, sondern:

"Auch eine Trauer, eine Trauer, die wir als Außenstehende mit nach Hause nehmen, und das tut weh."

Ein Werk, vier persönliche Geschichten und eine Tradition, die von der Wiederentdeckung Bachs durch Felix Mendelsohn-Bartholdy bis zu Paul Celans Todesfuge reicht. Es ist diese jüdisch-deutsche Tradition, an die der amerikanische Komponist Sidney Corbett und die Hamburger Philosophin Shulamith Bruckstein-Coruh mit ihrer Version der Johannespassion erinnern, die in der nächsten Woche zum ersten Mal vollständig im Berliner Dom uraufgeführt wird.

Der biblische Text wurde von ihnen nicht angetastet, genauso wenig wie die Choräle, mit denen die glaubende Gemeinde die Leidensgeschichte begleitet. Corbett und Bruckstein setzten mit ihrer Arbeit bei den Arien an, in denen die Solisten stellvertretend für die individuellen Zuhörer das Geschehen kommentieren:

Bruckstein: "In denen so eine subjektive Frömmigkeit erlaubt ist, und auch so ein Seelenzustand der Anteilnahme, der Trauer, des Miterlebens, des Verrats, der Liebe, was auch immer für Emotionen da vorkommen."

Die Texte, die Bruckstein-Coruh ausgewählt und Sidney Corbett zur Musik gesetzt hat, reichen vom frühen Mittelalter bis in die Nachkriegszeit:

Bruckstein: "Die Jom Kippur-Texte sind mittelalterliche Texte, dann die großen, Paul Celan, Else Laske-Schüler: Das sind Texte, die für uns Text-Heimat sind, wie auch Bach - wir haben eigentlich zwei Text-Heimaten verbunden."

Zum Beispiel die Alt-Arie "Von den Stricken meiner Sünden" mit einem Text aus der Liturgie zum jüdischen Versöhnungstag:

"Sind wir halsstarrig, du bist voller Huld und voller Barmherzigkeit. Von den Stricken meiner Sünden - das ist natürlich die Jom Kippur Liturgie, die Idee, dass da ein versöhnender Gott ist, dass da Vergebung ist, die nicht von den eigenen Werken abhängt. Und was wir zeigen in dieser ersten Arie, wir sind halsstarrig und Du bist voller Langmut, voller Erbarmen, voller Barmherzigkeit, ist im Grund, dass wir, dass 'Ich' diese Barmherzigkeit feiert, sie kennt."

Ein "Ich", das in der jüdischen Tradition wurzelt statt in der protestantischen Rechtfertigungslehre. Der gnädige Christengott verbindet sich so mit dem Gott, der an Jom Kippur vergibt.

Aber Shulamit Bruckstein-Coruh und Sidney Corbett haben für ihre Version der Johannespassion auch andere Texte ausgewählt, die außerhalb der christlichen oder jüdischen Frömmigkeit stehen und trotzdem oder gerade deshalb sehr viel mit den Erfahrungen heutiger Zuhörer zu tun haben - über ein halbes Jahrhundert nach der Vernichtung der europäischen Juden.

Corbett: "Man kann die Geschehnisse nicht ungeschehen machen, selbst Gott kann das Geschehene nicht ungeschehen machen. Aber unser Anliegen war niemals irgendeine Art Shoa-Stück zu machen, sondern eben wie können wir diese Seele einfangen, eine Heimat geben."

Die Erfahrung der Gottesferne bringt ein Text zu Gehör, der historisch zwischen der deutsch-jüdischen Bach-Rezeption des 19. Jahrhunderts und der Frage nach Gott nach der Shoa steht. Wenn im Original der Bass das Publikum der Passion auffordert:

"Eilt, ihr angefochtenen Seelen ..."

Und auf die Frage des Chores:

"Wohin?"

"Nach Golgatha"


Dann lassen Corbett und Bruckstein Worte von Friedrich Nietzsche erklingen:

"Wohin ist Gott? Wir haben ihn getötet - ihr und ich!"

Für den protestantischen Theologen Peter von der Osten-Sacken wird hier eine Brücke geschlagen zum Hörer von heute, dem die Gewissheiten des Glaubens schon längst abhandengekommen sind:

"Ich finde dass sie genau hier ein Motiv der Passion bei Bach in gewandelter Form aufgenommen haben und zwar so eindrücklich, dass alle beteiligt sind, und nicht am Ende wie bei der bachschen Johannespassion: Die Juden bleiben zurück und die Christen ziehen fröhlich ihres Weges als begnadete Sünder. Während hier bei Nietzsche eine echte Solidarität eingeholt wird."

Musik "Was ist Wahrheit?"

Fragt Pilatus in der Johannespassion. Eine eindeutige Antwort bleiben Corbett und Bruckstein schuldig. Aber darauf kommt es auch gar nicht an: Die Wahrheit liegt nicht in der Antwort, sondern in der Frage. Bachs Musik, die alten jüdischen Gebetstexte, Paul Celan und Nietzsche verbindet eine Sehnsucht, die Sehnsucht nach einer Welt ohne Leid und Tod.

Juden und Christen nennen diese Utopie "Friedensreich" oder "Reich Gottes", Andersgläubige kennen andere Begriffe - gemeint ist vielleicht doch das Gleiche.

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