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Buchkritik | Beitrag vom 17.07.2020

Johannes Herwig: "Scherbenhelden"Saufen, klauen, prügeln - und der ganze andere Scheiß

Von Sylvia Schwab

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Das Buchcover von "Scherbenhelden" von Johannes Herwig ist vor einem grafischen Hintergrund zu sehen. (Gerstenberg Verlag / Deutschlandradio)
Buchcover - "Scherbenhelden" von Johannes Herwig (Gerstenberg Verlag / Deutschlandradio)

Johannes Herwig wuchs in Leipzig auf, erlebte die Nachwendezeit als Punk und erzählt nun in seinen Büchern davon. In "Scherbenhelden" suchen vier Jugendliche nach einem Weg aus einer Welt, in der sie keine Zukunft für sich sehen.

Furios geht es los: Vier Punks - Jugendliche zwischen 15 und 20 - verschaffen sich nachts Zutritt zum Leipziger Uni-Tower und machen dort oben ihrem Frust mit allen möglichen Dummheiten Luft. Bis die 13jährige Zombie über die Brüstung steigt und droht, 120 Meter in die Tiefe zu springen – und die Welt plötzlich still steht.

Tätowiert, gepierct und mit Irokesenschnitt

Per Zufall ist der 15jährige Ich-Erzähler Nino in die Punker-Clique geraten. Tätowiert und gepierct, mit Glatze oder Irokesenschnitt hängt der Trupp im Park ab.

Die Wende ist fünf Jahre vorbei und der Frust ist groß. Wie bei vielen sind die Eltern entweder beruflich im Nichts versackt oder in den Westen gegangen.

Auch Nino und seine Freunde sehen keine Zukunft für sich. "Um mit dem ganzen Scheiß klarzukommen", saufen, kiffen, klauen sie, pöbeln Leute an, zerstören Straßenbahnen und liefern sich Prügeleien mit Faschisten oder Autonomen.

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Nino hat neben der typisch pubertären Suche nach dem eigenen Weg auch noch andere Probleme: Sein Vater, ehemals selbständiger Schuhmacher, sitzt depressiv und ohne Arbeit in seiner Werkstatt. Zombie, die er sehr mag, entzieht sich ihm ständig. Und seine Mutter hat sich nach der Wende vom Vater getrennt. Warum, das versteht Nino zumindest anfangs nicht.

Authentisch, knapp, faktenorientiert

Dass Johannes Herwig diese Zeit und das Lebensgefühl aus eigener Erfahrung kennt, spürt man auf jeder Seite seines neuen Jugendromans. Da stimmt, soweit man das als Außenstehende überhaupt beurteilen kann, alles: der Ton, die Stimmung, das Umfeld, die Typen. Er berichtet lakonisch, knapp, faktenorientiert.

Wenn er die unentwegten Besäufnisse schildert, treten allerdings auch mal Längen auf. Obwohl man Ninos alkoholbedingte Übelkeit und seine Kopfschmerzen fast schon körperlich zu spüren meint. Dafür sind gefährliche Szenen wie die auf dem Hochhaus oder ein Einbruchsversuch mit darauffolgender Flucht vor der Polizei schnell, spannend und mitreißend geschildert.

Und so ist dieser Jugendroman ein echter Pageturner. Zumal sich mit dem Gefühl, ein Außenseiter in der Gesellschaft zu sein, viele junge Leserinnen und Leser auch heute noch identifizieren können – auch dann wenn ihre Lebenssituation eine andere ist und sich die Formen des Protestes geändert haben. An diesem Punkt ist Johannes Herwigs Roman trotz seiner Geschichte aus den neunziger Jahren aktuell.

Gewinner und Verlierer, Hoffnung und Frust

Herwig hält eine Zeit fest, die prägend war für Menschen seines Alters im Osten: Aufbruch und Euphorie neben zerstörten Gebäuden und kaputten Biographien, Gewinner und Looser, Hoffnung und Frust. Leipzig, diese Stadt im Umbruch, die vibriert vor Veränderungen und die er sehr genau und liebevoll schildert.

Mittendrin die Nikolaikirche, stummes "Symbol für alles, was hier vor ein paar Jahren passiert war". Vielleicht erzählt Herwig davon in seinem nächsten Jugendroman?

Hoffentlich!

Johannes Herwig: Scherbenhelden
Gerstenberg, Hildesheim 2020
262 Seiten, 16 Euro
ab 14 Jahren

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