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Frühkritik | Beitrag vom 31.05.2019

Johannes Groschupf: "Berlin Prepper"Ein harter Berlinroman

Von Sonja Hartl

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"Berlin Prepper" von Johannes Groschupf (Suhrkamp/picture alliance/dpa/Paul Zinken)
Tief gräbt sich Johannes Groschupf in die Wahrnehmung seines Protagonisten ein, der vorbereitet sein will. (Suhrkamp/picture alliance/dpa/Paul Zinken)

Walter Noack bereitet sich auf den Katastrophenfall vor. Als er nachts von hinten angegriffen wird, stürzt ihn das in eine Krise. Autor Johannes Groschupf schafft es, in "Berlin Prepper" gesellschaftliche Entwicklungen und Figuren zu verbinden.

Walter Noack ist ein Prepper. Einer jener Menschen, die sich auf alle möglichen Katastrophenfälle vorbereiten: Erdbeben, Stromausfall, Atombomben. Sie horten Lebensmittel, Wasser und Tauschware, trainieren Überlebens- und Verteidigungstechniken. Bricht die moderne Zivilisation zusammen, sind sie bereit, sie behalten die Kontrolle. Doch dann wird Noack eines Nachts angegriffen – von hinten. Er ist überrascht, wehrt sich nicht, sondern geht zu Boden.

Wer hat ihn angegriffen?

Dieser Kontrollverlust bringt Noack ins Straucheln. Er fühlt sich als Versager, intensiviert sein Training, seine Vorbereitung. Angestachelt von seinem Sohn und einer Kollegin will er herausfinden, was passiert ist und wer ihn angegriffen hat. Noack arbeitet als Content-Moderator in einem Medienhaus.

Klingt schick, bedeutet aber letztlich, dass er jeden Tag Tausende von Hasskommentaren auf dessen Internetseite löscht. Immer wieder werden dort auch die Moderatoren bedroht, hat nun einer Ernst gemacht? Der Sicherheitsdienstchef des Medienhauses hat eine andere Theorie: Hinter dem Angriff steckt bestimmt einer aus der benachbarten Flüchtlingsunterkunft.

Misstrauisch gegenüber allen Menschen

Tief gräbt sich Johannes Groschupf in die Wahrnehmung eines Mannes, der vorbereitet sein will, aber zunehmend das Gefühl hat, die Welt nicht mehr zu verstehen. Fake News, Morddrohungen, Reichsbürger und Neurechte überschwemmen Noacks Alltag. Als Prepper scheint auch Noack verdächtig, einer dieser Verschwörungstheoretiker zu sein.

Geschickt spielt Groschupf mit Zweifeln an seiner Hauptfigur, die er durchweg ernst nimmt. Noack macht es sich nicht leicht mit Erklärungen, ist ausreichend misstrauisch gegenüber allen Menschen und hat eine genaue Vorstellung von Ordnung.

Markante Figuren und gelungene Dialoge

Mit einem sehr genauen Gespür für Sprache und Orte verankert Groschupf seinen Kriminalroman eindrucksvoll im Berlin der Gegenwart und verbindet komplexe gesellschaftliche Entwicklungen mit markanten Figuren und gelungenen Dialogen. "Berlin Prepper" ist ein Berlinroman, ein Gegenwartsroman, ein Kriminalroman; schnell, hart und gut.

Johannes Groschupf: "Berlin Prepper"
Suhrkamp, Berlin 2019
236 Seiten, 14,95 Euro

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