Jogi Löw

    Die Ära der taillierten Hemden

    05:46 Minuten
    Profilfoto von Bundestrainer Joachim "Jogi" Löw (Deutschland) vor blauem Hintergrund. Löw trägt einen dunklen Rollkragenpullover.
    Seine Vorgänger trugen am Spielfeldrand Trainingsanzug, er trat geschniegelt und gestriegelt auf: Nach der Fußball-EM hört Jogi Löw als Bundestrainer auf. © picture alliance/dpa/GES-Sportfoto/Markus Gilliar Via Revierfoto
    Jenni Zylka im Gespräch mit Massimo Maio  · 09.03.2021
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    Noch die EM im Sommer, dann legt Joachim Löw sein Amt als Trainer der Nationalmannschaft nieder. Damit endet auch eine Style-Ära: Mit Kleidung und gepflegten Haaren habe Löw gezeigt, dass es beim Fußball nicht nur um Sport gehe, sagt Jenni Zylka.
    Er war immer mehr als nur Fußballtrainer: Joachim "Jogi" Löw steht für gepflegte Männlichkeit. Er machte Werbung für Körperpflegeprodukte, und wer ihn googelt, stößt auf Artikel wie "Die 5 Style-Geheimnisse von Jogi Löw". Diesen Sommer will Löw nun von seinem Amt als Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft zurücktreten. Welches Style-Erbe hinterlässt Löw und wie hat er das deutsche Männerbild geprägt?

    Völlers Frisur, Klinsmanns Shampoo

    "Auch Ribbeck oder Klinsmann oder auch Völler mit seiner bekloppten, aber bewusst eingesetzten Frisur haben sich schon um ihr Äußeres gekümmert", betont die Kritikerin Jenni Zylka: "Und ich kann mich auch noch an eine Anti-Schuppen-Shampoo-Werbung mit Klinsmann erinnern." Etwas gegen Schuppen zu unternehmen, sei allerdings schon länger gesellschaftlich als Körperhygiene akzeptiert: "Das schrammt gerade noch so an der Eitelkeit vorbei."
    Löw jedoch sei noch einen Schritt weitergegangen, findet Zylka: "Indem er sichtbar lange, gepflegte Haare trug, Rollis aus hochwertigen Stoffen, diese Schlingenschals und dann - ganz großer Schritt! - diese taillierten Strenesse-Hemden." Die Hemden der anderen Trainer seien dagegen "Säcke" gewesen.
    Auf dem Platz trügen andere Trainer Trainingsanzüge, um ihre sportliche, nicht modische Professionalität zu zeigen. Löw habe dagegen unterstrichen, dass es beim Fußball nicht nur um Sport gehe, sondern dass es auch eine körperliche Komponente jenseits des Fallrückziehers gebe, sagt Zylka:
    "Nicht nur Judith Butler, sondern auch Wolfgang Joop sagt schon lange, dass Menschen, vor allem Männer, es sehr genießen, sich auf dem Spielfeld und auf den Rängen andauernd anzufassen und sich nahe zu kommen."

    Eitelkeit und Mannsein passen zusammen

    Löw habe keine Angst vor angeblich schwächelnder Männlichkeit bei wachsender Eitelkeit, so Zylka. Bei jüngeren Leuten, auch bei Fußballspielern, sei das zwar schon länger eine moderne Haltung, vor allem bei Fußballfans allerdings noch immer unterrepräsentiert.
    Pragmatisch und subtil sei Löw mit dem Thema umgegangen, findet Zylka: "Er will ja weder wegen der Nivea-Werbung noch wegen der Hemden und schon gar nicht wegen dieser Sackkraulgeschichte 2016 oder dieser Popelei in Erinnerung bleiben, sondern wegen seiner sportlichen Leistungen mit der Mannschaft."

    Gerüchte über Homosexualität

    Löw, glaubt Zylka, habe gemerkt, dass Sport noch attraktiver werden kann, wenn die Ausübenden attraktiv sind: "Die Vermarktungsfähigkeit wächst, wenn die Beteiligten angeschmachtet werden."
    Die Gerüchte über Löws angebliche Homosexualität und sein Dementi zeigten aber auch: Ein Bewusstsein für Äußerlichkeiten werde gesellschaftlich noch immer klischeehaft bestimmten Gruppen zugewiesen.
    (jfr)

    Außerdem: Unser Autor Arno Orzessek schreibt Jogi Löw einen Abschiedsbrief:
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