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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 28.06.2019

JiddischMan muss musikalisch sein, um es zu sprechen

Von Carsten Dippel

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Das Foto zeigt einen jiddischen Debattier-Club in Delray Beach, Florida. Mehrere ältere Damen und Herren sitzen an einem runden Tisch und sprechen miteinander. (imago images / ZUMA Press / Carline Jean)
Tradition verbindet: Jiddischer Debattier-Club in Delray Beach, Florida. (imago images / ZUMA Press / Carline Jean)

Jiddisch hört man nur noch selten. Trotzdem können sich immer mehr Menschen für die Sprache begeistern. Es wird jiddisch studiert, kommuniziert, debattiert und gesungen. Und das überall auf der Welt.

Die Fenster der schon etwas in die Jahre gekommenen Villa hier im Weimarer Norden stehen weit offen. In einem alten Klassenraum steht heute Jiddisch für Fortgeschrittene auf dem Programm. Avram Lichtenbaum, ein freundlich blickender älterer Herr, erklärt seinen Schülern gestenreich Elemente der Jiddischen Sprache.

"Das ist eine Sprache, die ich ganz anders gelernt habe als alle anderen Sprachen in meinem Leben. Es ist nie mit Prüfungen verbunden gewesen, sondern immer mit Kontakten, das ist ein sehr schöner Weg."

Annette Hoyer hatte schon immer ein Faible für andere Sprachen. Sie ist viel herumgekommen in der Welt. Vor 12 Jahren hat die frühere Fremdsprachenlehrerin aus der Nähe von Düsseldorf mit Jiddisch angefangen. Die heutige Rentnerin ist zu Sommerkursen gefahren, hat Freundschaften geschlossen. Seit fünf Jahren lernt Annette Hoyer einmal die Woche mit einem pensionierten Pfarrer zusammen Jiddisch. Es sei für sie auch ein Teil des interreligiösen Dialogs.

Jiddisch ist nicht gleich jüdisch

"Ich habe keinen jüdischen Hintergrund. Aber, was ich in dieser Sprache finde, das ist eine tiefe spirituelle Dimension. Das ist nicht wie eine Fremdsprache lernen irgendeiner anderen Art, sondern das gibt mir sehr viel für mein Leben. Und es geht sehr tief, und das bereichert mein Leben ungeheuerlich. Das kann ich gar nicht so in Worte fassen. Es ist ein ungeheures Geschenk."

"Shtendik, in ale tsaytn, hobn zikh a sakh nisht-yidn farinteresirt in der yidisher kultur."

Im Jiddisch-Kurs von Avram Lichtenbaum sitzt auch Guillermo Atlas. Auch er stammt, wie Lichtenbaum selbst, aus Argentinien. Mittlerweile lebt er seit 40 Jahren in Deutschland.

"Das Deutsch war so wichtig, dass ich mein Jiddisch quasi vergessen, verdrängt habe. Und ich lerne Hebräisch seit einigen Jahren, jetzt habe ich beschlossen, ein bisschen Jiddisch zu lernen und mein Jiddisch wieder etwas aufzufrischen. Ich habe große Probleme noch, aber ich verstehe viel und ich kann ziemlich gut lesen, so passiv eher als aktiv sprechen. Aber sonst, ja, das macht viel Spaß."

Eine Tradition, die verbindet

Jiddisch war die Sprache seiner Großeltern, er hat sie beinahe jeden Tag gehört. Guillermo Atlas ging auf die jüdische Schule in Buenos Aires, hat dort Hebräisch gelernt. Jiddisch, die Sprache seiner Kindheit, verblasste mehr und mehr. Heute lernt er mit anderen zusammen in Frankfurt am Main.

"Jiddisch ist mir sehr, sehr nah, so emotional auch. Jiddisch ist ein Teil meiner Identität."

Die 64-Jährige Klavierlehrerin Deborah lebt heute in Spanien. Ihre Eltern kamen aus Polen. Zu Hause, in Argentinien wurde Jiddisch gesprochen.

"Als junger Mensch war ich weit weg von dem Ganzen. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich ins Judentum zurückgekehrt bin. Nicht religiös, sondern weltlich, säkular."

Weltweit gibt es Jiddisch-Clubs

In Madrid, erzählt Deborah, trifft sich einmal im Monat eine kleine Gruppe zum Jiddischlernen.

"Mir gefällt dieser Kurs sehr gut, weil mir plötzlich die Wörter wieder so erscheinen wie die Sätze meiner Mutter. Was ich auch so interessant fand, dass ich überhaupt so viele nichtjüdische Teilnehmer getroffen habe, sowohl ältere als auch junge."

Jiddisch, so ergänzt Lichtenbaum, hätte etwas mit Gefühl zu tun:

"Men tor nisht fregn, far wos. Men lernt. S'iz nishto far vos ikh hob lib a froy oder far vos eyner hot lib a man. Libe hot nisht kayn far vos. S'iz."

Eine Sprache voller Kultur, aber ohne Land

Es ist viel in Bewegung in der modernen Jiddischszene. Fernab der ultraorthodoxen Community etwa in New York, wo Jiddisch Alltagssprache ist, gibt es über den Globus verstreut kleine jiddische Sprachinseln. Und unabhängig von ihrem Hintergrund, jüdisch oder nichtjüdisch, religiös oder nicht religiös, lernen Menschen Jiddisch.

Eine Sprache ohne Land. Eine Sprache, deren ursprünglicher Kontext, das jüdische Osteuropa, verloren gegangen ist. Doch Jiddisch war immer mehr als nur eine Sprache. So gibt es heute auch eine neue Form des Jiddischismus, sagt Janina Wurbs, die selbst Jiddisch unterrichtet.

"Klar wäre das blauäugig zu sagen, Jiddisch sprudelt vor Leben. Aber dieses Bewusstsein besteht auf jeden Fall, dass Jiddisch wert ist, weitergegeben zu werden, dass im Jiddischen, in der Sprache und Kultur die Kulturschätze stecken und dieses Bewusstsein der jahrhundertelangen jiddischsprachigen Kultur, das zu vermitteln, das ist ein Teil des Jiddischismus."

Janina Wurbs hat viel Zeit in New York verbracht, dort ihr Jiddisch, das sie auf der Uni lernte, nach und nach verfeinert. Sie hat für den "Forwerts" gearbeitet und für Radio Warschau Jiddische Sendungen gemacht.

"Also ich lese jeden Tag was auf Jiddisch. Ich kommuniziere mit Freunden per Mail und Chat, ich lese Zeitungen auf Jiddisch. Für mich ist es inzwischen einfach selbstverständlich geworden."

Ohne Musik funktioniert das nicht

Für Andreas Schmitges, den Kurator des "Yiddish Summer Weimar", ist Jiddisch unweigerlich mit der Musik verbunden.

"Ich finde immer, man muss musikalisch sein, um Jiddisch zu sprechen. Es ist eine Sprache, die viel mit Nuancen arbeitet und viel mit Fragezeichen und viel auch mit Emotionen. Ansonsten bedeutet die Sprache für mich Heimat. Ich fühle mich sehr wohl in ihr, ich kann mich in ihr ausdrücken, kann alles sagen, was ich will und kann eben mit vielen Menschen kommunizieren, mit denen ich sonst nicht kommunizieren könnte. Also in Jiddisch ist die gesamte europäische Kulturgeschichte drin, in der Musik, in der Sprache, in der Literatur und ich denke auch immer, dass Jiddisch viele Schätze der sie einst umgebenden Kulturen noch bewahrt, ohne dass die es überhaupt wissen."

Es finden heute Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Beweggründen zusammen, um Jiddisch lernen. Sie sind Teil einer, wenn auch sehr kleinen, so doch stetig wachsenden Gemeinschaft, für die die jiddische Sprache und Kultur lebendig geblieben ist. Wenn auch in neuen Formen und Konstellationen, ist dies Ausdruck einer Form von Jiddischkeit, sagt der Musiker Alan Bern. Er hat vor über 20 Jahren den "Yiddish Summer Weimar" begründet und seitdem viel zur Renaissance jiddischer Sprache und Kultur beigetragen.

"Wenn wir Jiddischkeit hauptsächlich oder ausschließlich über die Zugehörigkeit zur jüdischen Religion definieren würden, dann könnte das nicht funktionieren. Aber für mich ist das eine kulturelle Identität und nicht eine religiöse Identität. Und deswegen, wer diese kulturelle Identität empfindet, ich glaube in unserer Zeit, wo die Selbstdefinition immer mehr Autonomie gewinnt, also wo Leute einfach über Gender, über ihre Sexualität, über alle möglichen Sachen, einfach sagen, ich bestimme selbst, wer ich bin und lass mich nicht von der Außenwelt oder angeblich festen Sätzen definieren, dann ich finde das absolut in Ordnung."

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