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Vollbild | Beitrag vom 23.02.2019

Jia Zhangke über seinen Film "Asche ist reines Weiß"Eine Frau emanzipiert sich

Moderation: Patrick Wellinski

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"Asche ist reines Weiß" (imago/Prod.DB/Xstream Pictures - MK2 Productio)
Die Schauspielerin Zhao Tao in dem Film "Asche ist reines Weiß" von Regisseur Jia Zhangke (imago/Prod.DB/Xstream Pictures - MK2 Productio)

"Asche ist reines Weiß" ist die Geschichte der Gangsterbraut Qiao, die eine innere und äußere Reise unternimmt, sagt Regisseur Jia Zhangke. In der Ballade wird zudem die Entwicklung Chinas der letzten 18 Jahre thematisiert.

Patrick Wellinski: In China wird die Kinotradition gerne in Generationen gemessen. Dabei fasst man Filmemacher in Gruppen zusammen. Der 1970 geborene Regisseur Jia Zhangke gehört zur sogenannten "Sechsten Generation" chinesischer Filmemacher und ist derzeit der am Häufigsten ausgezeichnete Filmemacher aus dem Reich der Mitte. Nächsten Donnerstag kommt sein wunderschöner Spielfilm "Asche ist reines Weiß" in unserer Kinos. Darin geht es um die Gangsterbraut Qiao, die durch eine Verkettung von Zufällen ihren Geliebten Bin verliert.

Bin kommt ins Gefängnis und danach flieht er in eine andere Stadt – und Qiao reist ihm hinterher. Eine traurige Gangsterballade mit sehr lakonischen Dialogen. "Asche ist reines Weiß" erzählt die Emanzipationsgeschichte einer Frau – aber eben auch die Entwicklung Chinas in den letzten 18 Jahren. Dörfer verschwinden, Geistermetropolen werden gebaut. Alles kondensiert auf eine Art, wie es nur der große Bilderkünstler Jia Zhangke kann. Als ich den Regisseur zum Interview traf, wollte ich eingangs von ihm wissen, woher ihm denn die Idee für seine Gangster-Ballade kam?

"Es geht um Menschen am Rand der Gesellschaft"

Jia Zhangke: Dazu muss ich Ihnen den Begriff Jiang-hu erklären. Er ist ein Kernbergriff in der chinesischen Kultur und Kunst. Zunächst bedeutet er so viel wie Fluss oder See. Aber das Konzept dahinter lässt sich schwer ins Deutsche übersetzen. Denn Jiang-hu bezeichnet auch Teile einer kriminellen Parallelgesellschaft  in China. Eine Unterwelt bestehend aus edlen Banditen, Geächteten und Geheimgesellschaften. Es ist aber kein Vergleich zur professionell organisierten Kriminalität wie z.B. der Mafia.

Es geht dabei eher um Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben und sich selbstständig organisieren. Sie haben ihre eigenen Gesetze, ihre eigenen Wertvorstellungen, ihre eigene Moral. Werte wie Loyalität und Rache haben eine hohe Bedeutung. Geschichten aus dem Reich der Jiang-hu existieren schon lange. Es gibt eine ganze Romantradition, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. In den 1980er-Jahren wurden dann diese Geschichten zunehmend für den Film entdeckt. Vor allem für den Schwertkampffilm aus Hong Kong.

Wellinski: Und was war ihr Verhältnis zu diesen Geschichten?

Jia Zhangke: Ich habe mich schon als Kind für diese Geschichten interessiert. Aber ich bin da keine Ausnahme. Viele Chinesen interessieren sich dafür, gerade weil diese Figuren immer enigmatische Antihelden waren. Sie verteidigten ihre Werte voller Inbrunst. Freundschaft und Liebe und Abenteuer standen im Zentrum. Anderseits darf man nie vergessen, dass wir es hier mit Menschen zu tun haben, die jenseits der Gesellschaft operieren und dadurch auch Gesetze brechen.

Vor drei Jahren habe ich mir Chinas Entwicklung der letzten 30, 40 Jahre nochmal vergegenwärtigt. Mir kamen all die Dinge in den Sinn, die mein Land dabei erreicht hat, aber auch jene, die wir verloren oder vergessen haben. Und dann kam mir die Idee von diesem Verlust nicht aus der Perspektive einer Mainstream-Figur zu erzählen, sondern aus der Sicht eines Mitglieds der Jiang-hu.

Regisseur Jia Zhangke im Frühjahr 2018 in Cannes (picture alliance/AP/InvisionVianney Le Caer)Regisseur Jia Zhangke im Frühjahr 2018 in Cannes (picture alliance/AP/InvisionVianney Le Caer)

Wellinski: Nun ist die zentrale Figur ihres Films sogar eine Frau. Eine Ausnahme im chinesischen Gangsterfilm, der ja – wie fast alle Gangsterfilme – aus der Perspektive von Männern erzählt. Wann haben Sie entschieden, dass mit Qiao eine Frau durch ihren Film führen wird?

Jia Zhangke: Ich war selber sehr überrascht als ich beim Drehbuchschreiben gemerkt habe, dass Qiao immer stärker in den Fokus meiner Geschichte rückt. Es ist auch zum ersten Mal in meiner Karriere, dass eine weibliche Figur im Mittelpunkt des Films steht. Ein Grund dafür ist vielleicht auch die Zeitstruktur von "Asche ist reines Weiß". Ich erzähle ja eine Zeitspanne von 18 Jahren.

Alles beginnt im Jahr 2000 und endet 2018. Und das hat auch etwas mit meinem Alter zu tun. Mit 48 Jahren erlaube ich mir einen Blick zurück. Sowas kann man nur machen, wenn man die nötige Lebenserfahrung gesammelt hat. Und mir kommt es so vor, dass man das Vergehen der Zeit und die vielen Änderungen der chinesischen Gesellschaft am besten am Gesicht einer Frau ablesen kann. Deshalb ist Qiao meine Hauptfigur geworden.

"Qiao hat für dieses Leben auch einen Preis bezahlt"

Wellinski: Ist Qiao vielleicht auch die Darstellung einer neuen starken Weiblichkeit im modernen China. Es ist dann ja schon recht Paradox, dass sie ihrem Mann hinterherreist, der sie verlassen und sie damit vor den Kopf gestoßen hat. Ist sie eine moderne chinesische Frau, die ihr eigenes Leben selbst in die Hand nimmt? 

Jia Zhangke: Für mich gibt es da kein Paradox in der Figur. Qiao ist eine sehr wahrhafte Figur. Eine Figur, die nicht nur eine äußere, sondern auch eine innere Reise unternimmt. Zu Beginn des Films ist sie einfach nur die Freundin des Gangsters, die Tochter des Patriarchen. Ständig steht sie in einer Abhängigkeit zu jemandem. Etwas, dass für Frauen in der chinesischen Gesellschaft noch recht typisch ist. Aber Qiao hat für dieses Leben auch einen Preis bezahlt.

Erst als ihr Freund verschwindet und ihr bisheriges Leben auseinanderfällt, beginnt sie eigenständig zu handeln. Sie verlässt ihr Heimatdorf und konfrontiert sich mit der Welt und der großen Natur. Damit wird aus ihr jene starke und selbstbewusste Frau, die Sie in ihr wohl gesehen haben. Aber das ist ihr Emanzipationsprozess. Qiao wird eigenverantwortlich und mutig, bleibt aber Demütig gegenüber der Natur und den großen Prozessen der Zeit um sie herum.

Wellinski: Sie erwähnten die 18 Jahre in denen "Asche ist reines Weiß" spielt. Ich kenne keinen modernen Regisseur, der so intelligent Zeit erzählen und Zeit darstellen kann. Könne Sie erzählen, wie sie in ihrem Film Zeit darstellen und zeigen wollten?

Jia Zhangke: Das Konzept, das Sie schildern, konnte ja nur aufgehen, weil es trotz der Zeitsprünge auch Kontinuitäten gibt. Die Liebe von Qiao und Bin und ihre Gefühle sind der rote Faden, der alles konstant zusammenhält. Darüber hinaus habe ich drei Wendepunkte in meinem Film eingebaut. Z.B., wenn Bin ins Gefängnis muss, oder dann in eine anderen Stadt geht. Jeder Wendepunkt ist für die Figuren ein Schicksalsschlag, spielt aber vor einer konkreten Zeitkulisse. Und ich wollte ja im Vordergrund diese Liebesgeschichte erzählen. Im Hintergrund sollte sich zeigen, wie das Schicksal und die Zeit auch China verändern. Und deshalb musste ich diese Zeitsprünge und Verbindungen sanft inszenieren und sie nicht zu stark in den Vordergrund schieben.

Szene in dem Film "Asche ist reines Weiß" (imago/Prod.DB/Xstream Pictures - MK2 Productio)Szene in dem Film "Asche ist reines Weiß" (imago/Prod.DB/Xstream Pictures - MK2 Productio)

Wellinski: Sie zeigen ja was in China in den letzten Jahrzehnten passiert ist. Es gibt Dinge, die verloren gehen, es gibt aber auch Dinge, die die Modernität bringt und wo die chinesische Gesellschaft profitiert. Was ich spannend an ihren Filmen finde ist, dass sie diese Dinge nicht bewerten. Sie zeigen einfach nur. Wie schwer ist das eigentlich nicht zu bewerten, sondern einfach nur zu zeigen?

Jia Zhangke: Das geht im Grunde auf mein Verständnis von Kino zurück. Ich bin kein Lehrer. Ich halte jeden Zuschauer meiner Filme für einen klugen, unabhängigen Menschen, der sich selbst seine Meinung zu dem Gesehenen bilden kann. Meine Filme sollen für diese Denk- und Fühlprozesse Räume schaffen. Ich zeige zwar wie ich das Leben sehe, sage aber nicht, dass jeder es genauso sehen und fühlen muss. Diese Räume für den Zuschauer zu schaffen sollte die absolute Priorität für Filmemacher haben. Eine Haltung, die auch auf die Einstellungen einen großen Einfluss hat. Ich wähle fast immer die weite Panoramaeinstellung, damit nicht nur ich und meine Figuren darin ihren Platz haben, sondern auch jeder Zuschauer.

"Dann erscheint ein UFO"

Wellinski: Jetzt ist eine sehr realistisch erzählte Geschichte. Aber es gibt plötzlich auch außerirdische Momente darin. Es ist jetzt nicht surreal, sondern eher etwas, das plötzlich da ist. Es geht irgendwie um Ufos. Das kennen wir aus ihrem Kino. Z.B. aus ihrem Film "Still Life". Warum ist es Ihnen so wichtig in einer realistisch erzählten Geschichte auch dieses fantastische Element einzuweben?

Jia Zhangke: Wissen Sie, wenn ich manchmal sehr tief in meiner Arbeit versunken bin und der stressige Alltag mich erfasst, dann liebe ich es, mich in die Welt des Science-Fiction zu fliehen. Reiner Eskapismus. Das ist auch mal nötig. Aber für "Asche ist reines Weiß" kann man den Einbruch des Fantastischen auch metaphorisch lesen. Das Übernatürliche dringt genau dann in Qiaos Leben ein, als sie ganz alleine auf dem Land ist und bei klarem Himmel sogar die Milchstraße sehen kann.

In diesem Moment kommt diese Frau, die ihr Leben lang in Zwängen gefangen war – von ihrem Vater, ihrem Freund, der Gesellschaft; diese Frau kommt in diesem Moment der Einsamkeit zum ersten Mal zu sich. Sie wird stark, fasst neues Selbstvertrauen. Na und dann erscheint halt ein UFO. Das lohnt sich in diesem Moment, auch um nochmal darauf hinzuweisen, dass unser Leben aus vielen Ebenen und Dimensionen besteht. Und nicht alle sind sofort – und manche sogar nie – zu begreifen.

"Ohne Geld ging plötzlich nichts mehr"

Wellinski: Sie haben zwar gesagt, dass sie gerne mit weiten Panoramaeinstellungen arbeiten. Aber es gibt ein Symbol, das sie in fast all ihren Filmen im Close-Up zeigen: Das Geld. Es ist immer sehr präsent bei ihnen. Entweder man hat es nicht oder man hat es und will es nicht ergeben. Geld bringt auch einige Figuren von Ihnen erst zum Handeln. Wie soll man das verstehen. Ist das Kritik am Geld? Oder wieso zeigen sie Figuren, die verrückt nach dem Geld sind?

Jia Zhangke: Das liegt daran, dass in der chinesischen Geschichte, Geld und Geldhandel keine große Rolle gespielt haben. Geschäftsmänner und Händler genossen keinen guten Ruf und wurden zum Teil verachtet. Man machte sich die Hände schmutzig. Das liegt auch daran, dass Geld und sein Wert völlig losgelöst sind von unseren Gefühlen und Emotionen, also anderen Werten, die wir immer höher geschätzt haben. Aber diese Zeiten sind vorbei. Alles hat sich geändert. Alles fing Mitte der 1980er-Jahre an.

Damals begann das Geld in alle Bereiche des chinesischen Lebens einzudringen. Wie ein umgelegter Schalter schaffte es neue Verbindungen zu unserem Wert- und Gefühlsverständnis. Ohne Geld ging plötzlich nichts mehr. Und wenn man wie ich, diese rasanten Veränderungen der chinesischen Gesellschaft begreifen möchte, dann muss man sich mit dem Geld beschäftigen.  

Wellinski: Warum machen Sie eigentlich Filme?

Jia Zhangke: Es ist die einzige Kunstform, die zu mir passt. Ich bin 1970 geboren. Mitten hinein in die Öffnungsphase Chinas. Der Beginn der großen Umbrüche, der Beschleunigung, der technologischen Entwicklung. All das habe ich miterlebt. Ich komme zudem aus einer ganz kleinen Provinz. Um mich herum war Land und eine sehr dörfliche Bevölkerung. Ich sah, was diese gesellschaftlichen Veränderungen mit ganz gewöhnlichen Menschen angestellt hat. Davon wollte ich erzählen.

Ich dachte aber da noch nicht an Film. Ich dachte, ich werde Romanautor oder Maler. Aber das hat alles nicht geklappt. Und plötzlich war da die Möglichkeit, Kino zu machen. Und ich merkte, dass der Kinofilm eine sehr direkte Kunstform ist. Ich kann Gefühle und Geschichte rein visuell erzählen. Da sitzt ein Mann in einem Bus und ich zeige sein Geschichte. Und in diesem Gesicht ist schon alles erzählt. Das ist eine große Kraft, die ich nutze, um die Welt um mich herum zu beschreiben. Wenn Sie so wollen, sehe ich mich als Chronisten einer chinesischen Gegenwart, die sich immer rasanter ändert.

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