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Thema / Archiv | Beitrag vom 26.08.2010

"Jetzt plötzlich kommen diese Fragen"

Debatte in Tschechien über Verbrechen an Sudetendeutschen

Jaroslav Rudiš im Gespräch mit Holger Hettinger

Blick auf die tschechische Hauptstadt Prag (Stock.XCHNG)
Blick auf die tschechische Hauptstadt Prag (Stock.XCHNG)

Der Prager Schriftsteller Jaroslav Rudiš erläutert, warum die jungen Tschechen an dem Tabuthema und dessen Aufarbeitung interessiert sind.

Holger Hettinger: In diesen Tagen werden die Tschechen erneut mit den dunklen Seiten ihrer eigenen Geschichte konfrontiert. Unweit des böhmischen Dorfes Dobronin lässt die Polizei die sterblichen Überreste von Deutschen exhumieren, die hier angeblich im Mai 1945 von Einheimischen erschlagen worden waren. Tschechen, die unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Rache nehmen an den verhassten Deutschen, an Menschen, die für die Tschechen damals stellvertretend standen für Nazi-Deutschland und die ungeheuerlichen Verbrechen der Nationalsozialisten – das war lange ein Tabuthema in Tschechien. Dafür tobt nun die Diskussion umso heftiger. Und warum sich diese Diskussion überschlägt, das erklärt uns nun Jaroslav Rudiš, er ist Schriftsteller, Filmemacher und Journalist, er lebt in Prag. Schönen guten Tag!

Jaroslav Rudiš: Guten Tag! Hallo!

Hettinger: Herr Rudiš, 65 Jahre ist eine lange Zeit, warum berührt die Kunde von diesen Massakern im Jahre 1945 dennoch so große Teile der tschechischen Öffentlichkeit, und warum so emotional?

Rudiš: Weil das sehr, sehr lange Zeit überhaupt kein Thema war. Also das wurde alles irgendwie runtergeschluckt in die Vergessenheit, und keiner hat sich oder wollte sich mit diesem Thema überhaupt befassen. Und erst seit der Wende wurde das Thema von den Deutschen und dem Zusammenleben thematisiert. Ich erinnere mich noch an meine Grundschule, also ich bin Jahrgang 72, und da wurde uns noch gesagt, also die Deutschen sind in die Tschechoslowakei oder nach Tschechien erst mit den Nazis einmarschiert und deshalb überall im Sudetenland, in Liberec, Reichenberg, die alten deutschen Anschriften und so.

Und natürlich ist es ein Thema, das sehr heiß ist, aber gar nicht so neu. Also zum Beispiel der Film von David Wondratschek ist dieses Jahr entstanden, aber schon zum Beispiel im Mai 2005 hat ein sehr interessanter tschechischer Theaterregisseur und Theatermacher Miroslav Bambusek in Postoloprty ein Theaterstück geschrieben über ein Massaker in Postoloprty, in einer Kleinstadt in Westböhmen, wo im Mai 1945 ungefähr 700 Deutsche ermordet wurden. Also das Thema ist da, und er ist auch nicht der einzige Künstler, der sich damit befasst.

Zum Beispiel eine sehr junge tschechische Schriftstellerin Katerina Tuckova hat letztes Jahr einen Lesepreis mit ihrem Roman "Vyhnání Gerty Schnirch – Die Vertreibung von Gerta Schnirch" beschrieben, und sie befasst sich dort mit der Vertreibung aus Böhmen im Mai 1945. Oder sehr bekannt auch in Deutschland die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarkova und ihr Roman "Ein herrlicher Flecken Erde".

Hettinger: Was sind das für Künstler? Das hört sich so ein bisschen an eher nach der jüngeren Generation, die sich für dieses Thema interessiert?

Rudiš: Genau, da haben Sie recht. Es ist wirklich so unsere Generation, also geboren in den späten 60ern oder in den 70ern oder eben wie Katerina Tuckova 1980. Vielleicht ist das erst jetzt für uns irgendwie möglich, sich an diese Geschichte ohne Emotionen zurückzuwenden und das Thema verarbeiten. Vielleicht dauert es ja genau wie in Deutschland, mit der Verarbeitung von Naziverbrechen hat es ja auch ein bisschen gedauert. Also bei uns ist das jetzt wirklich so, sagen wir die, erst die dritte Nachkriegsgeneration, die sich damit befasst, und es ist natürlich unheimlich interessant.

Jetzt plötzlich kommen diese Fragen, wer waren diese Menschen, die hier mit uns gelebt haben, Hunderte Jahre, und dieses Leben war sehr lange auch ziemlich – mehr oder weniger – friedlich und hat beide Seiten eigentlich beeinflusst, wirtschaftlich oder auch kulturell – wer sind diese Menschen, wer waren diese Menschen. Und ich meine, es ist auch eine Frage des Mitleids mit den Opfern, dass man jetzt plötzlich auch sieht, okay, die Nazis, das ist eine Sache, aber dann waren hier auch Tausende, Tausende Deutsche, die einfach normale Menschen waren, und trotzdem mussten die gehen, obwohl sie eigentlich keine Nazis oder überzeugte Nazis waren.

Hettinger: Das, was hier ja von dieser Debatte ankommt in Deutschland, ist, dass diese Diskussion sehr emotional geführt wird. Welche Argumente haben denn diejenigen, die sich gegen diese Aufarbeitung dieser Verbrechen wehren?

Rudiš: Ja, es sind vielleicht so Familiengeschichten, ich bin, wie gesagt die dritte Nachkriegsgeneration, aber immerhin auch in unserer Familiengeschichte ist dieses Thema halt ziemlich heiß, weil auch mein Ur-Urgroßvater war zum Beispiel im sogenannten Totaleinsatz im Zweiten Weltkrieg in Deutschland, wo er in Bremerhaven auf den Schiffen gearbeitet hat, und sein Cousin ist im Krieg gestorben. Und diese Geschichten hat man halt hier und hört man die, und die werden halt hier erzählt, immer wieder. Und vielleicht für die ältere Generation, die den Krieg ja immer noch vor Augen hat, ist das natürlich auch problematischer als für uns, für die jüngere Generation, die plötzlich das mit Abstand alles beobachten kann und sich diese Fragen auch stellen darf.

Also für meine Großeltern waren natürlich Deutsche auch Verbrecher, die hier einmarschiert sind und das Land uns genommen haben und eben den Cousin von meinem Urgroßvater getötet haben, oder der ist damals im Krankenhaus verstorben - ohne ärztliche Mittel. Und solche Geschichten wurden mir als Kind erzählt, aber eben dann kamen dann diese Fragen immer, die ich immer total spannend fand als Kind. Wir waren ja immer sehr oft im Sudetenland unterwegs, in diesen Grenzgebieten, und da waren diese deutschen Anschriften, und da war mir das immer irgendwie – war das total spannend, unter diese Haut von diesen Stätten und diesen Bauten zu gehen und plötzlich diese Geschichten da zu sammeln, die meine Tante mir erzählt hat, wie das so damals war mit den Deutschen, und dass das gar nicht so alles stimmt, dass die Deutschen nur böse waren und so.

Hettinger: Sie haben eben skizziert, dass diese Debatte vielleicht erst jetzt geführt werden kann, weil ausreichend Zeit ins Land gegangen ist, um sich diesen Fragen zu stellen? Warum ist es ausgerechnet ja quasi die junge Generation, die sich hier so stark macht, die Aufklärung dieser Vorgänge?

Rudiš: Na ja, vielleicht ist es auch die Sehnsucht danach zu wissen, was wir eigentlich waren, was waren unsere Großeltern, was waren auch unsere Eltern? Was für ein Leben die hier geführt haben, und eben was hier alles in diesem wunderschönen Mitteleuropa passiert ist. Ich mag dieses Land unheimlich sehr, aber natürlich, es wurde immer wieder von den verschiedenen Ideologien überwalzt, von den Panzern von den beiden Seiten. Man stolpert hier über diese alten Wunden, und es ist ein großes Thema halt, weil das so lange auch verschleiert wurde und weil das Thema überhaupt nicht angegangen wurde. Das Interesse kommt aber auch, dass wir jetzt endlich auch Informationen dazu haben, weil wie gesagt, vor der Wende war das so, das wurde alles nur so einseitig – also wir haben die Informationen nur von den sozialistischen Geschichtenweise her immer gekriegt oder gelesen oder bekommen.

Hettinger: Hier in Deutschland war die Debatte um die Aufarbeitung der Vergangenheit immer ein bisschen geblockt worden durch die Alten, die mit so zu einer Art Schlussstrich immer wieder gedroht haben. Wie ist das denn in Tschechien, gibt es da auch Alte, die sagen, es muss jetzt auch mal Ruhe sein, oder wie werden die Argumenten, wie wird die Debatte geführt?

Rudiš: Natürlich, diese Stimmen gibt es auch hier. Also einen Schlussstrich, man sollte den Toten jetzt Ruhe geben, man sollte nicht diese bösen Geister wieder wecken, sonst passiert was Schlimmeres. Natürlich, das gibt es hier auch. Also ich meine, das ist vielleicht auch verständlich – es gibt sicher Leute von dieser älteren Generationen, die jemanden im Krieg verloren haben, vielleicht ist das auch so sehr emotional belastet, aber immer wieder wird natürlich, wie gesagt, dieses Thema hier zum Tagesthema. Ich meine, die Tschechen interessieren sich natürlich vielmehr für die Sparmaßnahmen der neuen Regierung, und was hier jetzt alles passiert mit der neuen Regierung, aber eben auch dieses Thema ist jetzt sehr, sehr aktuell.

Links bei dradio.de:

"Wir ermitteln wegen Mordes" <br>Tschechische Staatsanwaltschaft sucht nach Tätern eines Massakers an Deutschen

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"Wir ermitteln wegen Mordes"

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