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Religionen / Archiv | Beitrag vom 21.12.2014

"Jesus - der Film"Super-8-Film mit Kreuzigung als Splatter-Episode

Von Adolf Stock

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Ein Filmstreifen liegt auf einem Leuchttisch. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Ein Filmstreifen liegt auf einem Leuchttisch. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Vor 30 Jahren begannen die Arbeiten am Kult-Film "Jesus - der Film". Er ist nun aufwändig digitalisiert und rekonstruiert worden. Auch ein neues Buch zum Film ist erschienen. Wie denkt Michael Brynntrup heute über sein experimentelles Werk?

Michael Brynntrup: "Die Idee zu dem Jesus-Film habe ich kurz vor Weihnachten bekommen."

"Erleben Sie die Wunder und Sensationen live, live, live, live ..."

Im Dezember 1984 begann der Experimentalfilmer Michael Brynntrup seinen Super-8-Autorenfilm über das Leben Jesu zu organisieren. Eine illustre Runde aus der Bundesrepublik und der DDR kam da zusammen: Pfarrerstöchter aus Ost-Berlin, Münchner Underground-Filmer, Stiletto, der Antidesigner und Meisterschüler von Nam June Paik, Trash-Transe Ades Zabel aus Berlin-Neukölln oder die Verleger des Merve Verlags.

"Sehen Sie die ewigen Geheimnisse neu."

22 Mitstreiter hat Michael Brynntrup für seinen gut zweistündigen Film zusammengetrommelt.

"Bei der Neubearbeitung, der Digitalisierung, Restaurierung des Films ist es mir aber ähnlich gegangen wie damals. Den Humor kann ich immer noch verstehen, finde ich genial, großartig. Andere Episoden, die habe ich schon damals als etwas, ja nicht blasphemisch, aber ein bisschen, sagen wir mal naiv, pubertär, albern oder so empfunden."

"Gläubige glauben, Blinde sehen."

Michael Brynntrup lacht und hat Spaß, wenn er sich daran erinnert, wie Mitte der 80er-Jahre das Leben und Leiden Jesu auf die Leinwand kam.

"Wir haben es wirklich sehr spontan gemacht. Heute bin ich wesentlich reflektierter, zurückhaltender, natürlich auch technisch raffinierter. Man hat ganz andere Ansprüche, was so den Ernst angeht, den Ernst einer Formulierung, überhaupt eine Formulierung zu finden. Aus der Perspektive von 30 Jahren wünsche ich mir die Spontaneität, die wir damals hatten, für heute zurück."

Michael Brynntrup hat selbst den Jesus gespielt

"Jeder einzelne hat sich voll bedacht die eigene Episode ausgesucht. Und dann kommt natürlich: Ich such mir das aus, ich such mir das aus, weil es mich persönlich speziell interessiert, berührt, beschäftigt. Die Pfarrerstöchter aus Ost-Berlin, die haben sich die klugen und törichten Jungfrauen ausgesucht, die Kreuzigungsszene ist von so einem Splatter-Filmemacher Jörg Buttgereit. Irgendwas mit Blut musste das sein. Dann war das seine Episode."

Für Michael Brynntrup gab es auch einen biografischen Aspekt: "Tod des eineiigen Zwillingsbruders bei der Geburt, seither Studium der Philosophie", so steht es in einer selbst verfassten Kurzbiografie des Künstlers, und die Zwillingsgeburt spielt auch im Jesus-Film eine Rolle.

"Bei der Geburt gab es eben wirklich die Überraschung, es wurden Zwillinge geboren, einen großen und einen kleinen. Also der kleine war wirklich ein kleines Baby, und der große, das war ich dann schon im Alter von 25 Jahren, der da in der Krippe lag. Wir haben dann das Neue Testament mit allen Wundern und Gleichnissen und mit der ganzen Passionsgeschichte im Detail nacherzählt. Das ist schon ganz konkret, das ist schon der Jesus, diese biblische Erscheinung, sag ich mal."

Der Film versammelt sehr individuelle Episoden, die sich formal und ästhetisch sehr deutlich unterscheiden. Michael Brynntrup hat selbst den Jesus gespielt und mit seiner Person dem Film einen roten Faden verliehen.

"Den Jesus darzustellen bedurfte es jetzt für mich keiner großen Anstrengung. Da war ich einfach so, wie ich mir den Herrn vorstelle. Aber mulmiger wurde es mir dann eigentlich, wenn ich dann abends nach dem Dreh oder wie auch immer in den Discos auftauchte und als Jesus begrüßt wurde. Also da dachte ich: Na ja gut, so weit wollen wir es ja vielleicht nicht treiben, oder das ist mir jetzt aber gerade nicht recht."

Mehr als nur öder Klamauk

Seit seiner Jugend hat sich Michael Brynntrup mit Tod und Religion beschäftigt. Als Student war er Sargträger auf einem Friedhof in Berlin-Neukölln und drehte Werbespots für ein Bestattungsunternehmen. Religiöse Themen prägen sein künstlerisches Werk, zu dem auch der Jesusfilm aus den 80er-Jahren zählt. Ein Zeitdokument, das die Seelenverfassung einer störrischen Generation dokumentiert, die keine Lust mehr hatte, sich alles und jedes vorschreiben zu lassen. Schon deshalb ist Brynntrups Autorenfilm mehr als nur öder Klamauk.

"Über weite Strecken ist er sehr primitiv gebastelt, verleugnet das aber auch nicht. Ja, nimmt das vielleicht so als Stärke für sich. Auf jeden Fall wird durch so einen Trash irgendwie klar, da will uns niemand jetzt was vormachen und eine große Moralpauke halten oder große Ideen verkünden. Das Angebot, was der Film hat, das kommt sehr einfach daher und wenig dominant, so einfach: Nimm hin oder lass es."

"Erfahren Sie die Schmerzen der Kreuzigung selbst."

Jesus am Kreuz. Wir alle denken in Bildern. Unsere Erinnerungen und Phantasien gleichen Standbildern aus einem Film.

"Ich habe ja zu der Zeit noch Kunstgeschichte studiert. Die ganze Ikonografie des Jesus war mir einigermaßen bekannt. Der Film ist insgesamt auch so eine Art Medienreflexion, was sich mit Bildern überhaupt an Außerbildlichem darstellen lässt. Also so etwas wie Transzendenz oder Erhabenes, Größenideen und so, wie lassen die sich überhaupt in Bilder fassen?"

Viele Religionen haben ein strenges Bilderverbot. "Du sollst Dir kein Bildnis machen", doch wenn Bilder erlaubt sind, dann muss auch "Jesus - der Film" ernst genommen werden. Hier geht es nicht um die Banalisierung einer großen Idee, sondern um die Macht und Ohnmacht religiöser Bilder und Fantasien. Unsere religiösen Vorstellungen sind manchmal erhaben, oft banal oder einfach nur Kitsch.

"Wir haben unseren Gott-Vater, den wir ja auch von mehreren Personen haben verkörpern lassen, auch immer mit einem weißen Rauschebart dargestellt. Das ist dann schon klar, dass man dann über die Veräppelung gewisser Gottesdarstellungen, zu etwas Tieferem versucht zu dringen, weil jeder sieht natürlich, in dieser Banalität ist Gott nicht darstellbar. Wenn der da sitzt in der Kirche mit so einer Nebelmaschine unter seinem weißen Gewand und mit seinem weißen Rauschebart, wenn dann der Nebel quillt, so aus ihm heraus, so ein Bild, dann ist es irgendwie absurd."

"Ein Kind der 80er-Jahre"

Der Film steckt voller absurder Szenen. Bei der wundersamen Brotvermehrung spuckt ein Toaster in rascher Folge verkohltes Toastbrot aus, das Jesus aufsammelt und an Passanten verteilt.

"Je weiter man Abstand gewinnt, umso mehr sieht man das auch wirklich in der Zeit verankert. Die Frisuren zum Beispiel, oder wir haben ja auch nicht unbedingt darauf geachtet, dass alles frei von moderner Technik ist, also es fahren ja auch mal Autos durchs Bild, oder man sieht im Hintergrund Häuser, aber man sieht eben Häuser, wie sie in den 80er-Jahren da standen und nicht wie sie heute da stehen. Mit der Distanz wird das dann auch klar, dass das ein Kind der 80er-Jahre ist."

Und dann die Technik. Der Film wurde mit dem billigsten Super-8-Filmmaterial aus der DDR gedreht, das über die Grenze geschmuggelt wurde.

"Wir haben alle, alle die beteiligt waren, nicht nach vorne und nicht nach hinten und nicht nach rechts und nach links geguckt, sondern einfach nur das Ding gemacht, so wie wir das in den Kopf bekamen mit dieser spontanen Idee, Jesus zu verfilmen."

Die letzte Station für Jesus auf Erden war die Himmelfahrt. Und auch sie wird in Michael Brynntrups Jesus-Film gebührend in Szene gesetzt.

Michael Brynntrup: "Jesus - der Film"
Berlin 2014. Verlag Vorweg 8, Berlin
352 Seiten. 29 Euro

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