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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.04.2011

Jesus als Thoraschüler

Frank Crüsemann: "Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen", Gütersloh 2011, 384 Seiten

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Blick auf die älteste Bibel der Welt, den Codex Sinaiticus, gezeigt in der  British Library in London. (AP Archiv)
Blick auf die älteste Bibel der Welt, den Codex Sinaiticus, gezeigt in der British Library in London. (AP Archiv)

Es gibt viele Bücher über die Bibel. Einige deuten das Alte, andere das Neue Testament. Frank Crüsemann versucht nun einen neuen Ansatz, indem er das Verhältnis der beiden Teile aus sich selbst heraus deutet und so einen völlig neuen Blick auf Christentum und Judentum bietet.

Die christliche Bibel besteht aus zwei Teilen: dem Alten Testament, in dem man u. a. die fünf Bücher Mose, die Psalmen und die Bücher der Propheten findet, und dem Neuen Testament, das von Jesus Christus und der spezifisch christlichen Botschaft handelt. Frank Crüsemann geht der Frage nach: Wie ist das Verhältnis der beiden Teile zu bestimmen?

Worum es ihm geht, verdeutlicht er an einem Bild Albrecht Dürers. Es zeigt den zwölfjährigen Jesus, der die Schriftgelehrten Israels belehrt. Kurz: Jesus als Lehrer Israels. Man sieht: Die Verkörperung des Neuen steht über dem Alten, über der Tradition Israels. So das klassische Bild.

Liest man allerdings die biblische Grundlage im Lukasevangelium (Lk 2,41-51) aufmerksam, entdeckt man einen hörenden und befragenden Jesus. Dessen rasches Lernen und Verstehen der Tora weckt Erstaunen bei seinen Gesprächspartnern. Kurz: Jesus als idealer Toraschüler. Ein völlig anderes Bild.

Crüsemann verdeutlicht damit augenfällig Vorhaben und Ansatz seines Buches: Er will das Verhältnis von Altem und Neuem Testament – und damit auch von Judentum und Christentum – nicht aus vorherrschenden Bildern und Traditionen bestimmen, sondern "soweit wie möglich allein aus der Schrift selbst", mit vertieftem Blick ins Alte und Neue Testament.

Für Jesus sowie für die Evangelisten und Verfasser der neutestamentlichen Briefliteratur lag "die Schrift" (cum grano salis das heutige Alte Testament) in verschiedenen Formen vor – als Bibel Israels. Deren große Bedeutung verdeutlichen zahlreiche Zitate, nicht nur aus dem Munde Jesu.

Crüsemanns Kernthese lautet: Das Alte Testament muss für Christinnen, christliche Theologie und christlichen Glauben "denselben theologischen Rang haben, den es im Neuen Testament hat".

Folglich legt der Emeritus für Altes Testament etwa den positiven Bezug des Neuen auf das Alte Testament dar und geht in einem weiteren Kapitel der Frage nach: Was ist das Neue im Neuen Testament?

Zwar besitzt das Neue Testament auf den ersten Blick "ein ausgesprochenes Bewusstsein der Neuheit dessen ..., worum es in ihm geht." Doch zeigt Crüsemann, dass ein großer Teil der Aussagen über das Neue per Zitat oder Anspielung auf das Alte Testament zurückgeht. Immer wieder wird die alttestamentliche Hoffnung vom Neuen Testament bestätigt und bekräftigt. Wenn etwa Jesus zu Beginn des Markusevangeliums »eine ganz neue Lehre verkündet« (Mk 1,27), liegt das Neue laut Crüsemann nicht im Inhalt dieser Lehre. "Neu ist die Kraft, in der die alte Lehre jetzt ergeht". Jesus fordert Umkehr, Rückkehr zur alten Lehre des Mose. Dies kann jetzt geschehen – das ist das Neue! –, wird doch das von alters her in "der Schrift" angekündigte und erwartete Reich Gottes im Handeln Jesu Gegenwart.

Crüsemann legt ein lesens und bedenkenswertes Buch vor. Es bietet auf knapp vierhundert Seiten eine Menge Diskussionsstoff für Experten, ist aber auch für Nichttheologen mit Gewinn lesbar: Denn der Band räumt auf mit der noch oft anzutreffenden, antijüdischen Sichtweise von der Überlegenheit des Neuen Testaments. Im Gegenzug erschließt Crüsemann mit viel Detailarbeit und dank zahlreicher Beispiele das Alte Testament als Wahrheitsraum, "von dem das Neue abhängt und von dem der christliche Glaube abhängig bleibt".

Eine der praktischen Folgen: Für Christen verbietet sich jegliche Form der Judenmission – nicht aufgrund von political correctness, sondern aus theologischen Gründen. Denn der neue Bund ist kein Gegensatz zum alten, sondern nur eine "neue Gestalt des einen Bundes mit prinzipiell gleichem Adressaten und gleichem Inhalt". Für die Formulierung entsprechender Karfreitagsfürbitten gilt daher höchste Sorgsamspflicht.

Besprochen von Thomas Kroll

Frank Crüsemann: Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen.
Die neue Sicht der christlichen Bibel

Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011
384 Seiten, 29,95 Euro

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