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Frühkritik | Beitrag vom 03.02.2017

Jerome Charyn: "Winterwarnung"Der gute Präsident

Von Tobias Gohlis

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Jerome Charyn (dpa / picture alliance / Lehtikuva Oy Kallio)
Jerome Charyn (dpa / picture alliance / Lehtikuva Oy Kallio)

Jerome Charyn setzt seine legendäre Reihe um den New Yorker Cop Isaac Sidel fort, der es mittlerweile ins Weiße Haus geschafft hat. "Winterwarnung" ist das Buch der Stunde - und mit Platz 2 der höchste Neueinstieg auf der KrimiBestenliste für den Monat Februar.

Jerome Charyn, 1937 geboren und aufgewachsen in der Bronx, hat mit seiner Serie um den Cop Isaac Sidel eine Kriminalsaga geschaffen, die zum amerikanischen Zweig der Weltliteratur gehört. Im soeben erschienenen grandiosen zwölften Band ist Isaac Sidel kein Polizist mehr, sondern Präsident der Vereinigten Staaten und schlägt sich mit Mordanschlägen und Attentatsdrohungen herum.

"Winterwarnung" spielt im Januar 1989. Sidel ist als Mann des Volkes ins höchste Amt der USA gekommen, und Charyns Roman handelt vom Kampf eines frisch inaugurierten US-Präsidenten, dem weder seine Partei (die Demokraten) noch seine Administration oder die Internationale der Kapitalisten und Verbrecher die üblichen hundert Tage Schonfrist geben. Es ist das Buch der Stunde: Donald Trump wirft seinen düsteren und gänzlich unliterarischen Schatten sogar auf diesen Kriminalroman. Nur dass Isaac Seidel im Gegensatz zum amtierenden Präsidenten eine echte Lichtgestalt ist.

Der Eispickel im Auge

Sidels erste Amtshandlung ist ein Dekret über finanzielle Hilfen für die Armen. Sein einziger Plan: die Armut abschaffen. Doch dann erlebt POTUS (President Of The United States), dass sein Weißes Haus ein "Hornissennest aus Kompromissen" ist. Seine Stabschefin hat sämtliche Räume und Telefone besetzt. Der ohnmächtigste Mann der Welt haust auf dem Dachboden. Sein Vizepräsident macht ihm schon "football" und "biscuit" streitig, die roten Knöpfe der Atommacht. Und ihm wird eine "Winterwarnung" zugespielt: eine Postkarte mit der Zeichnung eines Eispickels in seinem Auge. Die kommt von den russischen Gangstern, den Besprizornye, die gemeinsam mit den Reichen der Welt eine Lotterie veranstalten, wer Sidel am schnellsten umbringt.

"Winterwarnung" ist ein Roman über den Überlebenskampf eines guten Präsidenten gegen die Weltmächte Kapital, Gier und Wahlkampfspender, die ihn daran hindern wollen, die Armut abzuschaffen. Um sich zu wehren, muss der Mann, der für sich nichts, und für die Waisenkinder alles will, den Instinkt eines Gangsters und das Charisma eines Jesus oder mindestens eines Roosevelt aufbringen. Inspiration holt er sich in Warm Springs, wo Roosevelt badete, und Theresienstadt, wo Kafkas Schwester Ottla umkam. Orte, von denen ein Trump, der ähnliche Methoden für gänzlich entgegengesetzte Ziele einsetzt, noch nie gehört hat.

"Winterwarnung" wurde in der zweiten Amtszeit Obamas geschrieben und liest sich, wie der ganze wunderbare Zyklus um den Mörder, Cop und guten Menschen Sidel, der jetzt in einer Gesamtausgabe bei Diaphanes erscheint, wie ein wundersames Märchen aus vergangenen Zeiten.

Jerome Charyn: Winterwarnung. Roman
Aus dem Amerikanischen von Sabine Schulz
Diaphanes Verlag, Zürich 2017
328 Seiten, 24 Euro

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