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Buchkritik | Beitrag vom 22.03.2019

Jeong Yu-jeong: "Der gute Sohn"Familienhorror aus Fernost

Von Thomas Wörtche

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Buchcover "Der gute Sohn" von Jeong Yu-jeong. Im Hintergrund ist ein südkoreanisches Haus zu sehen.  (Hintergrund: picture alliance / Design Pics / Keith Levit; Vordergrund: Unionsverlag)
Jeong Yu-jeong hat eine blutig-makabere Mutter-Sohn-Geschichte geschrieben. (Hintergrund: picture alliance / Design Pics / Keith Levit; Vordergrund: Unionsverlag)

Die südkoreanische Bestseller-Autorin Jeong Yu-jeong zeichnet in ihrem Thriller "Der gute Sohn" das Porträt eines psychopathischen Killers – und entlarvt ein Familienidyll als Ort des stillen Schreckens. Ein großartiger Roman, meint unser Rezensent.

Punktgenau greift "Der gute Sohn" von Jeong Yu-jeong eine Säule der südkoreanischen Gesellschaft an: die Familie. Yu-jin, der gute, stets gehorsame, pflichtbewusste, fleißige und brave Sohn, erwacht eines Morgens blutbesudelt und findet seine Mutter hingeschlachtet vor. Man hatte Yu-jin immer davon überzeugen wollen, er sei Epileptiker und bedürfe deswegen des besonderen Schutzes seiner helikopterischen Mutter und seiner womöglich noch dominanteren Tante, die beide der Meinung sind, sie hätten den jungen Mann gut im Griff. 

Psychopath im kalten Neonlicht

Yu-jin, der Ich-Erzähler des Romans, entpuppt sich allerdings im Verlauf der Geschichte als etwas ganz anderes - als Psychopath reinsten Wassers, dessen nette Unauffälligkeit seine stärkste Waffe ist. Und auch seine Umwelt möchte partout nicht wahrnehmen, dass etwas ganz entschieden "nicht stimmt" mit ihm und dass das keinesfalls mit "Epilepsie" zu tun hat. Denn schon als Knabe hatte er seinen Bruder beim Badeurlaub in die tödliche Tiefe gestürzt.

Und so beobachten wir während der Lektüre peu à peu die Welt mit den Augen des Psychopathen, anfangs noch mit der benevolenten Hoffnung, dem guten Sohn sei aus seiner tragischen Situation zu helfen, und dann zunehmend erschrocken, wie perfekt sein psychopathisches Denksystem funktioniert. Ein System, das im Roman durch die antiseptischen Interieurs und im kalten, urbanen Neonlicht der Schauplätze seine bildmächtigen Entsprechungen hat.

Das "Böse" - Veranlagung oder Sozialisation?

Aber "Der gute Sohn" ist nicht noch eine der inzwischen üblichen aus dem 'belly of the beast' erzählten, meist eher zynischen Serialkiller-Schwarten. Der Roman, obschon auch blutig robust und an vielen Stellen erfreulich makaber, ist eine hochkomplexe Angelegenheit, der nicht nur die Familie als Ort des stillen Schreckens auseinandernimmt, sondern weiter geht: Er diskutiert die Frage nach "dem Bösen" in aller Dialektik zwischen (genetischer?) Veranlagung und Sozialisation. Und damit knallen gesellschaftspolitische und letztlich anthropologische Konzepte aufeinander, zugespitzt, pointiert, schmerzhaft. 

Einfache Optionen bietet Jeong Yu-jeong nicht an, es gibt keinen Wettstreit der Erklärungen, der am Ende zugunsten einer Position ausginge. Das Scheusal bleibt rätselhaft. So rätselhaft sogar, dass man möglicherweise gar nicht von einem Scheusal reden kann. Aber eben auch nicht von einem "Opfer der Umstände". Das ist radikal mehrdeutig und somit auch nirgends zustimmungspflichtig. Aber der Roman ist großartig gemacht und faszinierend. Vor allem auch spannend und mitreißend, weshalb Jeong Yu-jeong in Südkorea den Status eines veritablen Popstars hat. Erfolg geht auch mit Qualität, hoffentlich auch bald bei uns.

Jeong Yu-jeong: "Der gute Sohn"
Unionsverlag, Zürich 2019
320 Seiten, 19 Euro

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