Seit 01:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 23.01.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.06.2011

Jenseits von Harry Potter

Berliner Symposion über Kinder- und Jugendfilme

Von Bernd Sobolla

Podcast abonnieren
Die Veranstaltung bot auch ein Kinderkolloquium.  (Stock.XCHNG / Luc Sesselle)
Die Veranstaltung bot auch ein Kinderkolloquium. (Stock.XCHNG / Luc Sesselle)

"Ohne Altersbeschränkung - Filme nicht nur für Kinder" lautete der Titel einer Veranstaltung der Deutschen Kinemathek im Museum für Film und Fernsehen Berlin. Dort diskutierten Filmexperten über die Zukunft des Kino-Kinderfilms. Auf Festivals werden diese zwar regelmäßig gefeiert, im normalen Kinoalltag hingegen haben es Kinderfilme schwer.

Kinder: "Ich gucke sehr gerne Zeichentrickfilme. Ich weiß jetzt nicht, welcher mein Lieblingsfilm ist, aber von diesem Kolloquium fand ich sehr gut dieser "Automotive Action Painting". Weil ich fand das schön mit den Farben, wie er die da so auf die Straße gekippt hat und die Autos da rum gefahren sind und die dann verteilt haben. Das fand ich sehr schön. / Was hast du da so raus mitgenommen? / Vielleicht, dass auch wenn man Farben einfach auf die Straße kippt, Kunst sein kann? Ja."

Auch Kinderfilme müssen nicht ausschließlich der Unterhaltung dienen. Das hat die neunjährige Anna erkannt. Und bei der Museumsführung durch die Pädagogin Andrea Edlinger haben die Kinder auch eine Einführung in die Filmgeschichte erlebt.

Kinder: "Max Skladanovsky heißt dieser Mann mit dem Schnauzbart, und der stellt das den Leuten vor. Er und sein Bruder haben ganz viele solcher Daumenkinos hergestellt und verkauft. Und die Leute waren total interessiert an solchen Daumenkinos, an optischen Tricks und Spielzeugen. ... Und Daumenkino ist auch ein kleiner Film. Viele Bilder. / Wenn man das langsam durchlaufen lässt, dann ... / Dann? / dann sieht das aus wie Zeitlupe. Und man sieht genau die ganzen Bilder, wie die sich verändern."

Um Veränderungen – nämlich um die beim Kinderfilm - ging es auch im Kolloquium für die Erwachsenen. Die ehemalige Tschechoslowakei zum Beispiel war lange Zeit eines der
großen Kinderfilmländer. Das lag zum einen daran, dass es dort eine großzügige staatliche Förderung gab; bis 1990 nahmen Kinderfilme über 30 Prozent der gesamten Filmproduktion ein. Und so entstanden Klassiker wie "Reise in die Urzeit", ein Film, in dem Kinder auf einem Fluss zurück in die Erdgeschichte fahren – bis hin ins Dinosaurier-Zeitalter. Das ganze fast 40 Jahre vor Steven Spielbergs "Jurassic Park" oder auch Märchen wie "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" von Václav Vorlícek.

Diese internationalen Erfolge entstanden mit viel Geld, sie beruhten aber auch auf dem kreativen Potenzial der Filmemacher, wie der Publizist Ralf Schenk betont:

"Und diese Schreiber und Regisseure und Dramaturgen, die haben sich sehr orientiert an dem, was in der tschechischen Kultur schon vorab da gewesen ist. Also es gibt eine ganze Menge Märchentradition in der Tschechoslowakei muss man sagen, in Tschechien, durch die Dichterin Burgena Nemtschinova. Es gibt eine ganze Menge satirische und auch Science-Fiction-Elemente in der tschechischen Literatur wie zum Beispiel bei Karel Čapek. Und aus all dem – und aus der tschechischen Musik – sind die tschechischen Filme gespeist worden."

Doch mit der Grenzöffnung 1990 und der internationalen Konkurrenz brach die Filmindustrie fast zusammen und mit ihr der tschechische Kinderfilm. Heute gibt es nur noch betuliche Familienfilme. Besonders wenn man sie mit den Produktionen von Pixar vergleicht, mit Filmen wie "Wall E", "Ratatouille" oder "Nemo", die den Zeitgeist bestimmen.

Eine ganz andere Stellung haben die Kinderfilme aus dem Iran. Maßgeblich dazu trug der Verein "Kanun" bei, der 1965 gegründet wurde, um die geistigen Fähigkeiten von Kindern zu fördern und unter dessen Dach viele Kinderfilme entstanden. Allerdings betont Robert M. Richter vom Verband Schweizer Filmklubs, dass besonders im Iran Filme, die von Kindern handeln, nicht ausschließlich Kinderfilme sind:

"In den 80er-Jahren, wo der Kinderfilm eigentlich gar kein Kinderfilm war, sondern eine Möglichkeit, der Zensur auszuweichen und Dinge darzustellen, die in einem Film mit erwachsenen Figuren gar nicht funktioniert hätte. Also quasi ein Ausweichmanöver einiger cleverer Filmemacher, Filmregisseure. "Wo ist das Haus meines Freundes?" oder "Bashu, der kleine Fremde" sind so Beispiele, die klassischen Beispiele."

"Wo ist das Haus meines Freundes" von Abbas Kiarostami handelt von einem Jungen, der die Schularbeiten für seinen Freund macht, damit dieser keinen Ärger bekommt, den das rigide System androht. Oder Jafar Panhis Film "Offside", in dem ein 15-jähriges Mädchen sich als Junge verkleidet, um im Stadion ein Spiel der Fußballnationalelf zu sehen.

Aus dem Film "Offside": "Warum dürfen Frauen eigentlich nicht ins Stadion, wenn Männer da sind? ... / ... Ihr kennt die Männer nicht. Das sind nämlich keine Verwandten, wenn die im Stadion sind. / Dann würde mich aber brennend interessieren, warum die Japanerinnen sich das Spiel Japan: Iran ansehen dürfen?"

Eine besondere Stellung nimmt vor allem der Japaner Hayao Miyazaki ein, der grandiose Zeichentrickfilme produziert und sehr erfolgreich ins Kino bringt. In ihnen verbindet er oft verschiedene Epochen fantasievoll miteinander und zeigt, wie die Natur und alte Traditionen von der modernen, technisierten Welt bedroht werden, zum Beispiel in "Prinzessin Mononoke".

Aus dem Film "Prinzessin Monoke": "Wenn der Wald erst einmal gerodet und die Wölfe ausgerottet sind, wird das hier ein blühendes, reiches Land werden."


Allerdings geht er Miyazaki bei seiner Gesellschaftskritik keineswegs ideologisch vor, wie der Direktor der Deutschen Kinemathek Rainer Rother betont.

"Er hat aber eine große Liebe für die Technik. Das sieht man seinen Filmen an. Er ist der sicher fantasievollste Zeichner von Luftschiffen und anderen flugfähigen Geräten. Also er steht nicht einfach auf der Seite der Natur oder des Alten, (...) sondern er betrachtet diese Prozesse als sehr kompliziert, ohne sich für eine Seite zu entscheiden."

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 21Ende der Lieblingssongs: Musik im Schauspiel
Szene aus "Hätte klappen können - ein patriotischer Liederabend" im Maxim Gorki Theater Berlin (imago/Drama-Berlin.de/ Barbara Braun)

Es ist unübersehbar: Immer mehr Theaterinszenierungen setzen auf Livemusik. Eine sichere Bank für Musiker – aber ist es künstlerisch wirklich immer sinnvoll? Im Gespräch mit dem Volksbühnen-Musiker Sir Henry fragen wir, was Musik für die Bühne sein kann und sollte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur