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Tonart | Beitrag vom 18.05.2018

Jens Balzer über Grace Jones Ein postmodernes Kunstwesen

Moderation: Vivian Perkovic

Grace Jones (Ascot Elite)
70 Jahre Grace Jones - die gemachte Diva (Ascot Elite)

Grace Jones wird 70: Sie feierte schon mit Warhol, schauspielerte an der Seite von "Bond" und trug ausgefallene Outfits lange vor Lady Gaga. Für Musikkritiker Jens Balzer ist die Sängerin nichts weniger als eine der wichtigsten Kunstfiguren im Pop.

Anfang der 70er-Jahre sei die Zeit gewesen, als Kunstfiguren wie Dawid Bowie, Alice Cooper oder Marc Bolan von T. Rex vermehrt die Pop-Bühne betreten hätten, sagt Balzer. Das seien bis dahin alles Männer gewesen, dann sei Grace Jones gekommen: "Das ist die erste historische Bedeutung, die sie besitzt - die erste große, wichtige, weibliche Kunstfigur, die es im Pop gibt."

Grace Jones habe damals in New York als Model angefangen und sei dann dort in die gerade erblühende Disco-Szene eingetaucht. Ihr erster Produzent sei Tom Moulton gewesen, so Balzer. Mit ihm nahm Grace Jones ihre erste Platte auf und mit ihr das Edith-Piaf-Cover "La Vie en Rose" - vor allem aber "I Need A Man", eine der großen Schwulen-Hymnen der 70er-Jahre.

Der zweite Mann, der sie prägte, war der Designer Jean-Paul Goude, der sie im Studio 54, der berühmten Diskothek am Broadway, performen sah: Er war sofort von ihrer androgynen Dominanz fasziniert, erklärt Balzer. "Er verpasste ihr dann den Stil, den man heute mit Grace Jones verbindet: diesen geometrischen Bürstenhaarschnitt, der bei Muhammad Ali entliehen war." In dieser Androgynie kulminiere der Umgang mit Sexualität, der für die 70er typisch gewesen sei: "Alles Sexuelle ist veränderbar, konstruiert, künstlich." Damals habe Jones sich dann von ihrem Produzenten Moulton und der Disco-Kultur getrennt.

Ständige Identitätswechsel

Bei ihren Konzerten wechselte sie in dieser Zeit auch ständig die Kostüme und Maskeraden. "Man könnte also sagen: Das, was Madonna in der zweiten Hälfte der 80er dann zu ihrem künstlerischen Konzept gemacht hat - den ständigen Identitätswechsel, die Neuerfindung von Album zu Album und von Tour zu Tour -, das findet sich bei Grace Jones schon in der Hitze und Hektik eines einzelnen Albums, eines einzelnen Konzerts vorexerziert", so Balzer.

Ihre Kunstfiguren habe Jones sich immer von Männern vorgeben lassen, so auch von Trevor Horn, der dann 1985 ihr Album "Slave to the Rhythm" herausbrachte. Der Produzent, der vorher schon zum Beispiel Art of Noise, Frankie Goes To Hollywood und Propaganda erfunden hatte, sagte über Grace Jones: Er betrachte sie nicht als Menschen, sondern als Kunstobjekt, das es zu modellieren gelte. "'Slave to the Rhythm' ist als eine postmoderne Biografie eines Kunstwesens aufgebaut", sagt Balzer. Jones sei eine "unerhört souveräne Frau".

(md)

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