Mittwoch, 16.06.2021
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.10.2015

Jenny Erpenbeck: "Gehen, ging, gegangen"Ein Pionier der Willkommenskultur

Von Wolfgang Schneider

Auf der Wand einer Hütte des Flüchtlingscamps am Oranienplatz in Berlin steht am 27.02.2014 "Refugee are welcom here" geschrieben. (picture alliance / dpa / Inga Kjer)
Erpenbecks Protagonist Richard nimmt Kontakt zu den Flüchtlingen im Protestcamp auf dem Kreuzberger Oranienplatz auf. (picture alliance / dpa / Inga Kjer)

Ein Debattenbuch in Romanform zum Thema Flüchtlinge hat Jenny Erpenbeck mit "Gehen, ging, gegangen" geschrieben. Ihre Hauptfigur Richard lebt die Willkommenskultur früh vor, doch der Roman wirkt überholt. Denn was Erpenbeck erzählt, haben die meisten längst begriffen.

Der Altphilologe Richard ist ein wenig aus der Zeit gefallen. Er ist emeritiert und verwitwet und in der Bundesrepublik auch ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall noch nicht ganz angekommen. Am Rand von Ostberlin bewohnt er allein ein Haus am See, aber dort ist ein Mann ertrunken, dessen Leiche immer noch nicht gefunden wurde – das Schwimmen ist Richard vergällt.

Das Motiv des Ertrinkens verweist auf die Flüchtlingskrise, zu der Erpenbeck mit "Gehen, ging, gegangen" ein Debattenbuch in Romanform geschrieben hat. Richard hat viel Zeit, und zunehmend interessiert er sich für die Flüchtlinge und ihr Protestcamp auf dem Kreuzberger Oranienplatz. Immer entschlossener nimmt er Kontakt auf, lässt sich auf die Afrikaner und ihre Schicksale ein, lädt einige zu sich nach Hause ein, kümmert sich, gibt Deutschunterricht – ein Pionier der "Willkommenskultur". Die Flüchtlinge erscheinen dem Altphilologen wie Wiedergänger der Helden aus der mittelalterlicher Epik: "Awad wurde in Ghana geboren. Seine Mutter starb bei der Geburt. So wie Blanscheflur, denkt Richard, so wie die Mutter von Tristan." Solche Überhöhung irritiert zunächst, und fast erleichtert ist man im Folgenden, dass Erpenbeck die Flüchtlingskrise zwar vereinfacht und etwas weichzeichnet, aber doch nicht gänzlich verkitscht.

Spott über deutsche Bürokratie

Der Roman kritisiert den "menschenfeindlichen" deutschen und europäischen (Dublin II) Bürokratismus. Statt Gastfreundschaft: ein Verhau von Paragrafen und Verordnungen. Voller Pathos klagt Erpenbeck an, dass all diese Menschen "nachdem sie die Überfahrt über ein wirkliches Meer überlebt haben, nun in Flüssen und Meeren aus Akten ertrinken". Sie vergisst dabei, dass die Schicksale der Flüchtlinge auch davon bestimmt werden, dass sie aus scheiternden Staaten und Bürgerkriegsregionen kommen, die eben keine funktionierende Verwaltung haben. Der Spott über die "ehernen deutschen Gesetze" überzeugt nicht.

Schwach ist das Buch im Räsonieren, stärker in den dialogischen Passagen, wenn Richards Begegnungen und Unterhaltungen mit den Flüchtlingen dargestellt werden, das Aufeinanderprallen der Kulturen, dieses Crossover von Freundlichkeit und Befremden. Richards Versuche, ein paar Grundlagenkenntnisse der abendländischen Kultur zu vermitteln (von den Weihnachtsgebräuchen bis zu Hitler), nehmen sich ebenso skurril wie anrührend aus.

Empathische Geschichten über Flüchtlinge

Die emotionale Antriebskraft des Romans, Empathie mit den Flüchtlingen, bestimmt die Medien seit Monaten. Eine traurige, tragische, traumatische, tapfere Flüchtlingsgeschichte nach der anderen wurde im Zeichen eines bisweilen kampagnenhaften "Willkommensjournalismus" präsentiert, und die Wirkung war außerordentlich. Viele Menschen haben sich plötzlich wie Richard verhalten, haben sich eingesetzt und geholfen. Aber braucht man jetzt noch dieses Buch von Jenny Erpenbeck? Was es uns sagt, haben wir doch längst begriffen. Was es verschweigt, begreifen viele erst langsam: die überaus problematischen Aspekte einer jahrelangen Millionenzuwanderung, in einem Land, das bei der Integration seiner Migranten bisher schon so vieles unerledigt ließ. 

Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen
Knaus Verlag, München 2015
352 Seiten, 19,99 Euro

Mehr zum Thema

Shortlist für besten deutschen Roman des Jahres - Die Finalisten für den Deutschen Buchpreis stehen fest
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 16.09.2015)

Aus den Feuilletons - Autoren in Sorge über Umgang mit Flüchtlingen
(Deutschlandradio Kultur, Kulturpresseschau, 13.09.2015)

Flüchtlinge - "Eine Grenze ist keine Lösung"
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 05.09.2015)

Jenny Erpenbeck - Warum schreiben Sie über Dinge, die Sie nicht verstehen?
(Deutschlandradio Kultur, Im Gespräch, 09.01.2015)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

Jan Haft: "Heimat Natur"Die Geheimnisse des Engelsrotz
Cover des Buches "Heimat Natur: Eine Entdeckungsreise durch unsere schönsten Lebensräume von den Alpen bis zur See" von Jan Haft. (Deutschlandradio / Penguin Verlag)

Jan Haft gehört zu Deutschlands besten Naturdokumentaristen. Mehrfach hat der Biologe bereits die Natur in faszinierenden Nahaufnahmen auf die Leinwand gebracht. Sein Buch „Heimat Natur“ zum gleichnamigen Film ist ein Plädoyer für den genauen Blick.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Die Literaturkritik in der KritikWer bespricht wen?
Eine schwarze Brille liegt auf einem Stapel aufgeschlagener Bücher. (Unsplash / Tamara Gak)

Literaturkritik gibt es im Feuilleton und im Netz. Grün sind sich ihre Exponenten nicht immer. „Elektronisches Stammtischgeschnatter“ nannte Sigrid Löffler die Konkurrenz, die sich als moderner und aufgeschlossener begreift. Eine Debatte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur