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Buchkritik | Beitrag vom 22.11.2018

Jeffrey Eugenides: "Das große Experiment"Eine Art Skizzenbuch zu den Romanen

Von Meike Fessmann

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Cover von Jeffrey Eugenides Buch "Das große Experiment". Im Hintergrund ist ein Doppelbett zu sehen. (rowohlt / Unsplash / Sylvie Tittel)
Ein ordentliches Schlafzimmer, wie seine Eltern es hatten: Danach sehnt sich der Protagonist in der Titelgeschichte von "Das große Experiment". (rowohlt / Unsplash / Sylvie Tittel)

Mit dem Roman "Middlesex" wurde der amerikanische Schriftsteller Jeffrey Eugenides bekannt. Der jetzt erscheinende Erzählungsband "Das große Experiment" liest sich wie ein Skizzenbuch zu seinen Werken. Eugenides zeigt sich hier in seiner zweitbesten Form.

Das Schlafzimmer sieht aus wie die Höhle zweier Bären, überall liegen Socken und Unterhosen. Der Wäschekorb, einst in der vagen Hoffnung auf Ordnung erworben, ist längst unter einem Berg Schmutzwäsche verschwunden und dient nur noch als grobe Markierung für die Flugrichtung textiler Wurfgeschosse. "Jeder konnte eine Ehefrau gebrauchen, aber niemand hatte eine", klagt Kendall, früher vielversprechender Dichter, nun Lektor eines Kleinverlags. Dabei ist er keineswegs ledig, nur ist seine Frau ebenfalls berufstätig und viel zu gestresst für Hausarbeit. Das Schlafzimmer seiner Eltern hat nie so ausgesehen, sinniert er: "Wie war das innerhalb einer Generation möglich gewesen?"

Er gehört zu den großen Namen

"Das große Experiment" heißt der Kleinverlag, in dem Kendall arbeitet, nach Alexis de Tocquevilles hoffnungsfroher Kennzeichnung für die demokratische Gesellschaftsform der USA. So heißt auf Deutsch nun auch der Band mit zehn Erzählungen, die im Original unter dem Titel "Fresh Complaint" erschienen sind. Sie stammen aus beinahe 30 Jahren, umspannen also das ganze Autorenleben des 1960 in Detroit geborenen Schriftstellers, dessen Großeltern griechische und anglo-irische Einwanderer waren. Seit Jeffrey Eugenides 2003 den Pulitzer-Preis für "Middlesex" erhielt, gehört er zu den großen Namen. Die Erzählungen, acht wurden bereits in Zeitschriften veröffentlicht, einige auch in dem Band "Air Mail", lesen sich wie das Skizzenbuch der Romane.

Hohe Gewinne, totale Verluste

Der heikle Übergang zwischen Jugend und Erwachsenenalter, die erotische Tönung von Mädchen-Freundschaften und die Verlockung des Selbstmords ist in der Erzählung "Launenhafte Gärten" aus dem Jahr 1988 als Subtext vorhanden. Zehn Jahre später ist daraus Eugenides' erster Roman "Die Selbstmord-Schwestern" geworden, während in der Erzählung die beiden älteren, von ihren Frauen verlassenen Männer dominieren. Der Autor war damals noch keine 30. Er ist ein guter Beobachter mit ausgeprägtem Gespür für Übergänge, für Klippen, Abstürze und enttäuschte Hoffnungen. Nicht selten geht es um hohe Gewinne, totale Verluste, ruinöse Immobilienkäufe – und Frauen, die ihren spekulationsfreudigen Männern enerviert ausgeliefert sind.

Prekäre Verhältnisse der mittleren Generation

"Das Orakel der Vulva" aus dem Jahr 1999 erzählt von einem berühmten Sexologen, der im Dschungel von Guatemala die Feldforschung einer jungen Kollegin widerlegen will. Der Widerstreit zwischen sozialem und biologischem Geschlecht sowie Phänomene der Trans- und Intersexualität legen eine Spur zu "Middlesex" und seinem hermaphroditischen Erzähler Cal Stephanides.

Der rasante Wandel von Wertvorstellungen ist ein wiederkehrendes Motiv ebenso wie die Abgrenzung der mittleren Generation von ihren Eltern. Die prekären Verhältnisse, in denen sie häufig lebt, ist selbst gewählt, doch mit den Kindern kommt das schlechte Gewissen. Die Frage, ob es der Baby-Boomer-Generation an Verbindlichkeit mangelt, zieht sich wie ein roter Faden durch den Band. Thematisch facettenreich, in der Ausführung manchmal etwas schlicht, zeigen die Erzählungen einen Epiker in seiner zweitbesten Form.

Jeffrey Eugenides: "Das große Experiment". Erzählungen
Aus dem Englischen von Gregor Hens und anderen
Rowohlt Verlag, Reinbek 2018
334 Seiten, 22 Euro

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