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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.04.2013

Jeder Mensch ein Blendwerk für sich

William Gaddis: "Die Fälschung der Welt", DVA 2013, 1200 Seiten

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Die Romanfigur Wyatt Gwyson wirkt wie ein literarisches Vorbild für reale Kunstfälscher.  (dpa/ picture alliance/ Stefan Sauer)
Die Romanfigur Wyatt Gwyson wirkt wie ein literarisches Vorbild für reale Kunstfälscher. (dpa/ picture alliance/ Stefan Sauer)

In dem Roman von William Gaddis macht der begabte amerikanische Maler Wyatt Gwyons eine steile Karriere als Kunstfälscher. Er kopiert nicht nur alte Meister, sondern erfindet angeblich verschollene Werke.

An diesem Romanbrocken, den William Gaddis im Jahr 1955 in die Literaturwelt wuchtete, schieden sich von Beginn an die Geister. Für die einen ist das nicht weniger als 1200 Seiten umfassende Debut des amerikanischen Schriftstellers ein Schlüsselwerk, ein unverzichtbares Curriculum der Postmoderne, an dem sich Thomas Pynchon ebenso wie Don DeLillo, ja eigentlich die gesamte zeitgenössische Literatur Amerikas schulte. Für die anderen ist "Die Fälschung der Welt" nichts anderes als ein wichtigtuerischer, misanthropischer Texthaufen, vollgestopft mit peinlichen Witzen und streberhaftem Wissen aus 2000 Jahren abendländischer Kultur, ein enzyklopädischer Pseudoroman.

Die deutschsprachigen Leser konnten sich nur mit 42-jähriger Verspätung an der Kontroverse beteiligen. "Die Fälschung der Welt" erschien hierzulande erst 1997, ein Jahr vor William Gaddis' Tod, was auch an der olympischen Herausforderung gelegen haben dürfte, die sich dem Übersetzer Marcus Ingendaay stellte. Jetzt erscheint der Roman leicht überarbeitet noch einmal.

Unbestreitbar wirkt sein Kernthema heute aktueller als 1997 oder gar 1955. Denn es geht um Fälschung in all ihren Erscheinungsformen. Es geht um Falschgeld, um gefälschte Bilder, um falsche Gefühle, um verlogenes Geschwätz, um Lug, Trug und Schein der modernen Gesellschaft schlechthin. Mit dieser Diagnose nahm William Gaddis den Siegeszug virtueller Wirklichkeiten auf atemberaubende Weise vorweg.

Im Zentrum der kaum zu referierenden Handlung steht Wyatt Gwyons, ein begabter amerikanischer Maler, der seine Kindheit im bigotten Milieu calvinistischer Puritaner verbringt, nach einem Studium im NS-regierten München, Aufenthalten in Spanien und Paris nach New York geht und dort in der Kunstszene eine schnelle, steile Karriere macht - wenn auch nicht als Maler, sondern als Kunstfälscher. Seine Besonderheit ist, dass er nicht nur alte Meister kopiert, sondern angeblich verschollene Meisterwerke erfindet und sie alten Meistern unterjubelt. Wyatt Gwyons erscheint wie das literarische Vorbild des Kölner Kunstfälscherskandals um Wolfgang Beltracchi.

Die Handlung des Romans umfasst etwa fünfzig tragende Figuren und drei Jahrzehnte, konzentriert auf Geschehnisse Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre in New York. Jeder Mensch, so könnte man Gaddis´ Philosophie zusammen fassen, ist ein Blendwerk für sich. Das Erzählmittel, mit dem er dies anschaulich macht, ist der satirisch entlarvende Dialog.

Die drei späteren Romane, die der Autor schuf, bestehen zu großen Teilen aus Dialogen. In seinem Erstling "Die Fälschung der Welt" lässt sich studieren, wie William Gaddis sich die hohe Kunst des Dialogs zu eigen machte und sie brillant verfeinerte. Die kompositorischen Schwächen des Romans, das Ausufernde, Überladene, stilistisch bisweilen Manierierte, sind unübersehbar. Aber die Komik ist so frisch wie vor Jahrzehnten. Allerdings kann man sie nicht im Liegen genießen. "Die Fälschung der Welt" ist ein Buchkoloss, der sich auf Dauer nicht in die Luft stemmen lässt.

Besprochen von Ursula März


William Gaddis: Die Fälschung der Welt
Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay
Mit einem Nachwort von Denis Scheck
DVA, München 2013
1200 Seiten, 34,99 Euro

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